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Antiquitäten Ahrend
E. Helga Ahrend - Anna-Maria Wager - Almut Wager

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Mikrobilder

Mikroschnitzereien zählen zu den spektakulärsten Werken der bildenden Kunst. Sie sind äußerst selten, da sie nur in einem kurzen Zeitraum gegen Ende des 18. Jahrhunderts und nur von wenigen Künstlern hergestellt wurden. In Museen und in Privatbesitz findet man weltweit nur etwa einhundert in Mikrotechnik ausgeführte Objekte. Mikrobilder gelangen deshalb kaum in den Kunsthandel. Von den Künstlern wurden die kleinen, bildhaft gestalteten Reliefs seinerzeit immer als „Bildwerke“ feilgeboten. Die heutige Bezeichnung „Mikrobilder“ leitet sich davon ab, dass einzelne Details mikroskopisch klein ausgearbeitet sind, d. h. in Größenordnungen von nur wenigen Hundertstelmillimetern. Sie sind zu ihrem Schutz deshalb immer mit einer Abdeckung aus Glas oder aus Bergkristall versehen.
Bei ihrer Herstellung wurden Grenzen überschritten, die man im allgemeinen noch als machbar ansah, und es verwundert deshalb nicht, dass man sie als „Kunststücke“ oder „Mirabilien“ bezeichnete, also als Wunderdinge. So ist es beispielsweise kaum vorstellbar, wie bei Landschaftsdarstellungen die Bäume und Sträucher gestaltet wurden. Die Zweige haben einen Durchmesser von nur wenigen Hundertstelmillimetern, und auch der Abstand zwischen manchen Zweigen beträgt nur zwei bis drei Hundertstelmillimeter (0,02 – 0,03 mm!), also weniger als der Durchmesser eines menschlichen Haares (etwa vier Hundertstelmillimeter). Erstaunlich ist dabei, dass dieses unfassbar feine Ast- und Zweigwerk nicht am Bildhintergrund aufliegt und fixiert ist, sondern dass Bäume und Sträucher frei stehen und bei entsprechender Beleuchtung Schatten auf den Hintergrund werfen.
Beim Bearbeiten des harten Elfenbeins musste auf das Schneidwerkzeug ein entsprechender Druck ausgeübt werden, wobei aber bereits das geringste Abweichen des Sägeblattes oder des aus Toledostahl gefertigten Stichels zur Zerstörung der nur Millimeterbruchteile entfernten Nachbarzweige geführt hätte.

Man kann kaum die Virtuosität ermessen, die erforderlich war, Elfenbein in solch mikroskopischen Ausmaßen zu gestalten. Die wenigen Künstler, die derartig faszinierende Bildwerke schufen, arbeiteten vorwiegend für Herrscherhöfe. Sie hatten das Privileg, sich Hofbildhauer zu nennen, und es verwundert nicht, dass ihre unnachahmlichen Werke als „ergötzliche Kostbarkeiten“ und „Wunderdinge“ Eingang in Kunstkabinette und Schatzkammern fanden.
Überliefert ist, dass beispielsweise Maria Theresia, Zarin Katharina die Große, König Georg III. von England und der König von Sardinien derartige Kleinodien für ihre Kunstsammlungen erwarben. Da die in Kunstkammern aufbewahrten Objekte der Allgemeinheit kaum zugänglich waren, sind die Mikrobilder heute wenig bekannt und werden bisweilen mit Miniaturschnitzereien verwechselt oder mit Asiatika in Zusammenhang gebracht. Faktum ist aber, dass die Mikrobilder den Höhepunkt feinster europäischer Bildhauerkunst darstellen.
Bei den Mikrobildern gibt es Motive, die einander ähneln, beispielsweise Segelschiffe auf hoher See, Opfersteine, auf denen das Feuer der Liebe brennt, oder das Kirschenpflücker-Motiv. Dabei handelt es sich meist um Auftragswerke. Dem Umstand, dass es sich bei diesen nur geringfügig abgeänderten Fassungen des Motivs um keine Originalentwürfe mehr handelte, wurde keine Aufmerksamkeit geschenkt. Es war gängige Praxis, Motive in Auftrag zu geben, die bereits existierten. Man schätzte zu dieser Zeit nicht die Inspiration, den künstlerischen Entwurf, sondern allein das fertige Kunstwerk.

Die Mikrobilder spiegeln die im nachklingenden Rokoko herrschende Vorliebe für das Außergewöhnliche wider. Zu jener Zeit wurden Objekte der bildenden Kunst noch in direktem Zusammenhang mit „Können“ gesehen. Die Person, der Name des Künstlers, war von untergeordneter Bedeutung.

Die Künstler wollten die Betrachter erfreuen und durch die Unnachahmlichkeit ihrer Werke in Erstaunen versetzen. Die Art der Bewertung der Kunstwerke nach Konzeption und Ausführung unterscheidet sich damit von den Kriterien, die bei der Beurteilung zeitgenössischer Kunst üblich sind. Bei der Moderne wird häufig nur die Idee, nicht aber deren Umsetzung, also die Ausführung, als Kunst gewertet.
Entscheidend ist heute vor allem der Bekanntheitsgrad des Künstlers und seine Signatur. Künstler zeitgenössischer Objekte versuchen oft, durch gezielte Provokationen auf sich und ihre Werke aufmerksam zu machen. Die zur Zeit der Herstellung der Mikrobilder gültige Kunstauffassung steht dazu in krassem Gegensatz. Die Kunstkenner und Kritiker der damaligen Zeit huldigten keinem Personenkult, sondern sie waren vor allem von dem Können der Bildhauer und der Einzigartigkeit ihrer Werke fasziniert.
Die kleinen Elfenbeinreliefs wurden von den Künstlern in zugekaufte „Primärfassungen“, d. h. in kleine Zargenfassungen aus Messing, Silber oder Gold eingearbeitet und zu ihrem Schutz mit Glas oder Bergkristall abgedeckt. Auf diese Weise gefasst, verkaufte der Künstler das Objekt als „Bildwerk“. Manche Mikrobilder weisen nur die „Primärfassung“ auf, beispielsweise Objekte, die in den Besitz der Zarin Katharina der Großen gelangten (heute in der Eremitage in St. Petersburg). Andere dagegen wurden mit einer sogenannten „Sekundärfassung“ ausgestattet, d. h. von einem Goldschmied als Schmuckstück gefasst oder mit einem Bilderrahmen versehen bzw. als Zierstück in den Deckel einer Mouchen-Dose (Dose für Schönheitspflästerchen) eingesetzt. Diese Umwandlung eines Kunstwerks in ein Objekt der Gebrauchskunst erfolgte oft erst in späterer Zeit. Die nachträglich angebrachte „Sekundärfassung“ hat keinen Einfluss auf die künstlerische Bedeutung der Schnitzarbeit und trägt auch nur wenig zur Wertbemessung bei. Das Wertvolle sind die unfälschbaren „Wunderdinge“ und nicht die nachträglich angebrachten „Sekundärfassungen“.

Bezüglich des Geldwertes dieser Museumsstücke ist zu sagen, dass die Bewertung nicht durch einen Personenkult, d. h. durch den Bekanntheitsgrad der Künstlernamen bestimmt wird, sondern durch die Seltenheit und die Faszination, die von jedem dieser Objekte ausgeht.


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