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'Kunstkritik'

Schöner Vogel Jugend
WARUM DIE MODERNE MIT DEM ALTER EIN PROBLEM HAT

von Anselm Wagner:

Seit sich die alten patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaft begonnen haben aufzulösen und die Jugendkultur in großem Stil kommerziell verwertet wird, also etwa seit den 70er-Jahren, haben sich die westlichen Industrienationen vom Senioritätsprinzip verabschiedet. Die Herrschaft der Alten scheint gebrochen. Arbeitnehmer über vierzig (ab da war man im alten Rom ein „senex", das heißt Greis) gelten seither als schwer vermittelbar, weil zu unflexibel, zu wenig dynamisch und schlicht zu teuer.
Anselm Wagner, Foto: Andrew Phelps
Anselm Wagner, Foto: Andrew Phelps

Und während die Gesellschaft immer älter wird, gerät Jugendlichkeit zum heiß umworbenen, weil immer selteneren und deshalb umso kostbareren Ideal, dem die immer größer werdende Zahl der Alten nacheifert. Noch nie waren die Alten in Hinsicht Aussehen, Habitus, Kleidung, Fitness, Weltanschauung, Freizeitverhalten etc. so jung wie heute. Nützen tut es ihnen, zumindest am Arbeitsmarkt, nicht allzu viel.

Die Kunst hat diesen Trend schon vor einem Jahrhundert vorweggenommen. Zu den Eigentümlichkeiten der Moderne gehört der Umstand, dass das Werk eines Künstlers sowohl in der Reputation als auch am Markt in der Regel als umso bedeutender und wertvoller gilt, je jünger sein Urheber zum Entstehungszeitpunkt gewesen ist. Frühwerke werden nicht mehr als erste interessante, aber noch weit von der Perfektion entfernte Gehversuche betrachtet, sondern als kostbare Inkunabeln, die noch hautnah etwas von der revolutionären Sprengkraft der Ursprungsidee vermitteln.

Mit dem Ende paternalistischer Meister-Schüler-Verhältnisse haben auch Ideale wie Meisterschaft und Vollendung ausgedient, sind in den Verruf eines ermüdenden Wiederholens und Auswalzens allzu dünner Substanz geraten. Man braucht nur die gängigen Überblicksbände zur Kunst des 20. Jahrhunderts durchzublättern:

Alterswerke sind darin äußerst dünn gesäht, und sie werden umso seltener, je mehr wir uns der Gegenwart nähern. Ob es die Maler der „Brücke", die Surrealisten, die Vertreter von Informel, Pop, Minimal und Concept Art oder die Neuen Wilden waren: es zählt fast nur, was sie zwischen 20 und 35 gemacht haben.

Bei vielen Heroen der Moderne, die nicht das „Glück" des frühen Todes hatten, wie Picasso, Kandinsky oder Andy Warhol, würde die Kunstgeschichte nicht allzu viel verlieren, müsste man auf die Produktion ihrer letzten Jahre oder Jahrzehnte verzichten. Bei Rubens und Rembrandt hätte man dagegen ernste Probleme. Manche, wie Marc Chagall oder Salvador Dalí, haben durch ihr verflachtes Alterswerk ihren Ruf sogar ernsthaft beschädigt – von tragi(komi)schen Fällen wie Hundertwasser ganz zu schweigen.

Bei den Künstlerinnen ist es nicht anders: Wen interessiert, was Carolee Schneemann, Valie Export, Mary Kelly, Hilla Becher usw., die ihren unbestreitbaren Platz in der neuesten Kunstgeschichte haben, heute noch machen? Natürlich gibt es Ausnahmen, wie Maria Lassnig oder Louise Bourgeois, aber die bestätigen nur die Regel. Dagegen fragen heute Sammler in den Galerien von L.A. als erstes, wie alt ein/e KünstlerIn ist: lautet die Antwort über 30, ist das Interesse schon verflogen. Auswüchse, gewiss, aber sie gehören zu einem generellen Symptom.

Zwei interessante Retrospektiven des vergangenen Winters erlaubten diesen Befund zu überprüfen: Cindy Sherman im Kunsthaus Bregenz und Franz Gertsch im Wiener Museum Moderner Kunst und in der Albertina. Sherman, die Ende der 90er-Jahre von einem Kunstmagazin unter die „25 einflussreichsten KünstlerInnen des 20. Jahrhunderts" gereiht worden war, hat sich vor allem mit ihren ab 1977 entstandenen „Untitled Film Stills" ins kollektive Kunst-Gedächtnis eingeschrieben. Damals war sie zarte 23.

In Bregenz konnte man die Filmstills in bisher nicht gesehener Breite studieren: großartige Variationen über weibliche Rollenklischees, die selbst nie klischeehaft werden und subtil das Gefühl latenter Bedrohung (als condition féminine bzw. américaine) vermitteln. Was darauf folgte, sind mehr oder weniger geglückte Versuche, die Effekte dieses Anfangserfolges zu wiederholen, um dann schließlich in der banalen Lust an der bloßen Maskerade zu enden: Mit den populären „History Portraits" (1989–90) beginnt ein Fall ins Bodenlose, mit Ausflügen ins spekulative Sex- und Horrorfach, um schließlich in der jüngsten Serie der grimassierend nach Bedeutung ringenden „Clowns" einen traurigen Tiefpunkt zu erreichen.

Kein ernstzunehmendes Museum würde heute diese Plattheiten ausstellen, wenn nicht „Cindy Sherman" drunter stünde. Etwas anders liegt der Fall beim Schweizer Fotorealisten Franz Gertsch, dessen vor einigen Jahren im Zuge des Malereibooms wieder entdecktes Werk nun in Wien in bisher nicht gesehener Vollständigkeit zu sehen war. Jahrgang 1930, hat er als konservativer, im altmeisterlichen Stil des magischen Realismus der Zwischenkriegszeit arbeitender Maler begonnen. Er ist bereits vierzig, als er über Luciano Castelli Zutritt in die schrille Bohème Luzerns bekommt und mit den Porträts von Menschen, die halb so alt sind wie er selbst, zu seinem eigenen (?) Stil findet.

1972 gelingt ihm mit dem Gruppenbild„Medici" auf Harald Szeemannsdocumenta 5 der internationaleDurchbruch. Sein Erfolgsrezept ist das Zusammentreffen eines psychedelisch gesteigerten Detailrealismus und einer Jugend- und Undergroundkultur, mit der er seine Malerei nicht nur verjüngt, sondern auch alle anderen, vorwiegend amerikanischen Hyperrealisten überflügelt. Gertschs Höhenflug dauert aber nur ein Jahrzehnt. Dann verliebt er sich zusehends mehr in seine Technik, kehrt immer mehr den perfekten Kunsthandwerker hervor und zu seinen neoromantischen Anfängen zurück: In seinen ab 1986 entstehenden monumentalen Holzschnitten beschränkt er sich wie der alte Monet auf Wasser und Wiese seines Gartens, ebenso schön wie irrelevant. Fazit: Man ist entweder jung oder macht auf jung, wenn man Erfolg haben will. Mit Alterswerken, die auch danach aussehen, ist seit der Moderne kein Staat mehr zu machen.


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