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Mikroschnitzereien

Die feinsten, von Menschenhand geschaffenen plastischen Bildwerke werden als Mikroschnitzereien bezeichnet. Neben den römischen Diatretgläsern handelt es sich dabei wahrscheinlich um die einzigen Kunstwerke, deren Herstellung man sich heute nicht mehr erklären kann. Es sind in der bildenden Kunst keine anderen bildhauerisch gestalteten Objekte bekannt, die in der Feinheit der Ausarbeitung mit den aus Elfenbein bestehenden Mikroschnitzereien vergleichbar wären.

Im Zusammenhang mit ihnen sprach man schon vor mehr als 200 Jahren von Mirabilien, von Wunderdingen und von „Kunststücken“. Den Ausdruck Mikroschnitzerei verwendete vermutlich erstmals Christian Scherer in seinem 1905 erschienenen Buch „Elfenbeinplastik seit der Renaissance“, zur Unterscheidung von den bei weitem nicht so mikroskopisch fein aus-geführten Miniaturschnitzereien. Im Zusammenhang mit filigran-zarten Kunstwerken denken viele sofort an Asiatika. Umso erstaunlicher ist es, dass die Mikroschnitzerei nicht asiatischen Ursprungs ist, sondern den Superlativ feiner europäischer Schnitztradition bildet.

Da nur ein kleiner Kreis von Künstlern auf diesem Gebiet tätig und ihr Hauptschaffenszeitraum auch nur kurz war (etwa von 1765–1795,) sind Mikroarbeiten weitgehend unbekannt. Weltweit besitzen nur wenige Museen und private Sammler solche Kleinode. Es ist unbegreiflich, wie es gelingen konnte, einzelne Objekte so verschwindend klein und doch so naturalistisch zu gestalten. Unvorstellbar ist es selbst für Fachleute, wie man sehr eng beieinander befindliche Gegenstände ausarbeiten konnte, wie beispielsweise das Zweigwerk der Bäume. Bei manchen Bäumen und Sträuchern ist der Abstand der Zweige voneinander so winzig, dass man ihn mit freiem Auge kaum wahrnehmen kann. Entscheidend war dabei nicht die Verwendung von Lupen (als Sehhilfe dienende mugelig geschliffene Berylle waren bereits in der römischen Kaiserzeit bekannt), sondern die virtuose Handhabung der Schneidwerkzeuge.

Um beim Beispiel der Baumzweige zu bleiben, so ist ihre Ausarbeitung wegen ihrer mikroskopisch kleinen Zwischenräume voneinander selbst mit den allerdünnsten Schneidsticheln und Sägeblättern nicht erklärbar. Um das harte Elfenbein schneiden zu können, muss ein entsprechend starker Druck ausgeübt werden, wobei aber bereits das allergeringste seitliche Verkanten des Schneidwerkzeuges zur Zerstörung der nur Millimeterbruchteile entfernt befindlichen Nachbarzweige geführt hätte.

Sehen Sie sich hierzu auch unsere virtuelle Ausstellung der Connoisseur Collection, eine Sammlung von 29 Mikrobildern, an.

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