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Narwalzahn
Der Zahn des Narwales wird bis zu 5 m lang
Über kein anderes Schnitzmaterial gibt es so viele Legenden der Herkunft wie über den Spitzzahn des Narwals (Monodon monoceros), den manche sogar heute noch als das Horn des legendären Einhorns ansehen. Der zu den Gründelwalen, Familie der Zahnwale, gehörende Narwal, manchmal auch See-Einhorn genannt, wird bis ca. 5 m lang und lebt in arktischen Meeren und Flussmündungen zwischen 70. und 80. Grad nördlicher Breite.
Als Fortsetzung der kurzen Schnauze wächst beim männlichen Tier einer der beiden äußeren Schneidezähne (meist der linke) als Spitzzahn geradeaus vor, während der andere im allgemeinen verkümmert oder nur etwa 20 cm lang wird. Eine seltene Zwillingsausbildung gleich langer Zähne ist im Deutschen Elfenbeinmuseum Erbach im Odenwald ausgestellt, eine andere im Zoologischen Museum in Kopenhagen.
Bei einem durchschnittlichen Basisdurchmesser von 5–12 cm kann der Narwalzahn länger als 3 m werden. Die nach Mitteleuropa gelangten Zähne haben für gewöhnlich eine Länge von 1,20 m bis 1,80 m. Der Narwalzahn ist Schraubenförmig mit Drall nach links gedreht und weist an der elfenbeinfarbenen, aus Zahnzement bestehenden Oberfläche dünne bräunliche oder graue Riefen auf.
Besonders bei im Sommer erlegten Tieren werden laut Philippovich die Zähne, die durch Algenbefall etc. stark verschmutzt sind, von den einheimischen Jägern oft mit verdünnten Säuren gesäubert, wodurch dann auch die Riefen elfenbeinfarben sein können. In alten Schriften wird das „Ainkhürn“ (Horn des Einhorns) als isabellfarben beschrieben. Die entlang der Zahnmitte verlaufende Pulpahöhlung reicht bei jungen Tieren bis zur Zahnspitze. Mit zunehmender Länge des Zahnes erstreckt sich die Höhlung nur mehr etwa bis zur Hälfte der Zahnlänge und geht dann, wie auch beim Stoßzahn des Elefanten, in den Nervkanal über.
Das weiße bis leicht cremefarbene Zahnmaterial ist dichter und härter als Elefanten-Elfenbein; seine Härte beträgt 3,75–4,00. Im Unterschied zum Elfenbein des Elefanten weist es keine Maserung auf, statt dessen sind im Querschnitt des Narwalzahnes oft konzentrisch verlaufende Konturlinien mit radialstrahligem Muster zu erkennen.
Mit Ausnahme der im hohen Norden Europas vom Fischfang lebenden Menschen wussten noch im vergangenen Jahrhundert in den Binnenländern nur wenige, dass es sich bei diesem „Horn“ um den Spitzzahn eines Meeressäugers handelte. In Mitteleuropa sah man jeden Narwalzahn als Horn des Einhorns an, das überaus geschätzt wurde.
Der dänische Königsthron besteht z. B. aus Narwalzahn, ebenso der Schaft mancher Bischofs- und Herrscherstäbe, etwa die „main de justice“ (Hand der Gerechtigkeit) der Könige von Frankreich. Auch Kaiser Matthias (1557–1619) bestand darauf, dass der Schaft des 1615 bei Andreas Osenbruck in Prag in Auftrag gegebenen österreichischen Zepters aus „Ainkhürn“ bestehe. Heute befindet sich das Zepter in der Schatzkammer in Wien. (Bibl. M. LEITHE-JASPER & R. DISTELBERGER, 1987, S 60) |  Spitzzahn eines Narwals. Die durchschnittliche Länge der von Grönland ausgeführten Zähne beträgt 120–180 cm.
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 Schnitt quer durch den Spitzzahn eines Narwals, der früher als das Horn des Einhorns angesehen wurde
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| Zu finden ist Narwalzahn auch in Form von Griffschalen bei Blankwaffen, etwa beim „Ainkhürn-Schwert“ des Herzogs Karl des Kühnen von Burgund, das mit dem Erbe seiner Tochter Maria in den Besitz Kaiser Maximilians I. gelangte und heute im Besitz des Kunsthistorischen Museums in Wien ist. (Bibl. M. LEITHE-JASPER & R. DISTEL-BERGER, 1987, S 200). Da die Meinung vertreten wurde, dass das Horn des Einhorns Gift sichtbar machen oder sogar neutralisieren könne, waren vor allem kleine Löffel und Becher aus dem „Ainkhürn“ beliebt. Karl der Kühne erhielt z. B. von den Bürgern von Neuss ein Trinkgefäß aus dem „Horn des Einhorns“. Das Kunsthistorische Museum in Wien besitzt ein 22,2 cm hohes von Jan Vermeyen (vor 1559–1606) als Gefäß in Gold gefasstes und mit Emailarbeiten, Diamanten und Rubinen sowie einer Doppelkamee aus Achat verziertes Basisstück eines Narwalzahnes. |  16 Narwalzahnbecher (Prag 1600–1606) H. 22,2 cm. Narwalzahn, Gold, Email, Edelsteine, Kunsthistorisches Museum, Wien | |
| Auch Neidfeigen wurden oft aus Narwalzahn geschnitzt. Selbst dem von einem Narwalzahn abgefeilten Pulver, Unicorn genannt, maß man große Bedeutung bei, und jeder Apotheker war bestrebt, zumindest ein Stück von einem solchen "Horn" zu besitzen. Anselmus Boetius de Boodt, einer der Leibärzte Rudolfs II., vertrat z. B. die Ansicht, dass es durch nichts bei der Erkennung, Vorbeugung und Überwindung jeglichen Giftes übertroffen würde, so dass es den Preis des Goldes bei weitem übersteige. Beim Abfeilen des begehrten Materials sahen die Kunden zu und passten auf, dass ihnen nicht statt dessen Knochenpulver oder dgl. als Unicorn verkauft wurde. Bei allen in den Inventaren fürstlicher Kunst- und Wunderkammern angeführten Gehörnen des Einhorns handelt es sich ebenfalls um Zähne des Narwals. |
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