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Heiden, Marcus

Der aus Coburg stammende Elfenbeinbildhauer, Kunstdrechsler, Büchsenmeister und Feuerwerker war von 1618-1633 am Hofe des drechselnden Herzogs Johann Casimir in Coburg, später bei dessen Bruder, Herzog Johann Ernst, in Eisenach und ab 1638 für Herzog Wilhelm IV. in Weimar tätig.

Aschengreen stellt stilistische Verbindungen zu Werken Jakob Zellers her und meint, dass Heiden wahrscheinlich in Dresden ausgebildet worden ist. (Bibl., K. ASCHENGREEN, 1964, S. 85). Viele Informationen über Heiden stammen aus dem von ihm 1640 herausgegebenen Büchlein „Beschreibung eines von Helffenbein gedrehten Kunststücks … beneben desselben geistliche Bedeutung“. Ein Exemplar des Druckwerkes ist erhalten und wird in der Landesbibliothek in Coburg aufbewahrt.

Näher auseinandergesetzt mit der bemerkenswerten Schrift haben sich u. a. Christian August Vulpius, Julius von Schlosser und K. Aschengreen Piacenti, wobei Schlosser nur die von Vulpius stammenden Auszüge gekannt haben dürfte. (Bibl., Chr. A. VULPIUS, 1820, S. 362- 367; Bibl., J. v. SCHLOSSER, 1908, S. 98; Bibl., K. ASCHEN-GREEN- PIACENTI, 1964, S. 82-98). Heiden berichtet in dem Traktat von dem Aufbau eines von ihm hergestellten „toppelten Trinckgeschirrs“, das sich heute im Kunsthistorischen Museum in Wien befindet und auf das in der Folge noch näher eingegangen wird.

Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) nahm die katholische kaiserliche Armee am 28. September 1632 die protestantische Stadt Coburg ein und plünderte sie. Die von Heiden und Johann Eisenberg (der sein Geselle und früherer Schüler war) sowie von Herzog Johann Casimir in Coburg gedrechselten 32 „Kunststücke“ wurden auf Schloss Ehrenburg von einem gewissen Oberst Keller beschlagnahmt. Er überließ sie dann dem kunstsinnigen Prinzen Matthias de Medici, der sich bei den Belagerungstruppen befunden hatte. Ein halbes Jahr später kamen sie am 1. April 1633 in Florenz bei dessen Bruder, dem Großherzog Ferdinand II. von Toskana, an und überstanden dort wohlbehalten den Krieg. In einem an den Prinzen gerichteten Brief vom Jahr 1659 erwähnt Oberst Keller 30 Gefäße und erinnert an das Versprechen des Prinzen, sich durch eine Gegengabe erkenntlich zu zeigen. Veröffentlicht wurde das Schreiben in Florenz, im Führer des Museo Nazionale, vom Jahr 1884. Heiden sprach von 32 Vasen, in dem Brief werden aber nur 30 Stück erwähnt, wie auch in dem Inventar der Real Galleria (Soprintendenza alle Gallerie di Firenze) von 1635. Wo die restlichen zwei Gefäße verblieben sind, ist nicht bekannt. In Verlust gerieten später drei weitere Exemplare, so dass sich heute nur mehr 27 der als Vasen oder Pokale bezeichneten gedrechselten Schaustücke in Florenz im Museo degli argenti im Palazzo Pitti befinden.

Eine Inschrift an einem von Heiden signierten und 1623–1624 datierten gedeckelten Pokal informiert, dass an seiner Herstellung auch Herzog Johann Casimir mitgewirkt hat. Als Bekrönung des durchbrochen gestalteten Deckelaufbaues fungiert ein stilisierter gedrechselter Adler mit ausgebreiteten Schwingen. (Bibl., K. ASCHEN-GREEN PIACENTI, 1967, Abb. 46, No 483).

Gleichfalls im Palazzo Pitti befindet sich ein von Heiden signiertes und 1628 datiertes 18,5 cm hohes Objekt. Es besteht aus einem mit Voluten versehenen und zum Teil durchbrochen gestalteten Bodenstück, auf dem als Schaft eine geschnitzte, mit Stulpenstiefeln, gegürtetem Wams und Mütze bekleidete Männerfigur steht, die über dem Kopf, auf einem in der Form von Blütenblättern gedrechselten Basisstück, eine auf der Drehbank hergestellte Hohlkugel trägt. (Bibl, K. ASCHENGREEN PIACENTI, 1967, Abb. 49, No 487).

Drei weitere von den 27 aus Coburg in den Palazzo Pitti gelangten gedrechselten Schaustücken weisen noch die Signatur Heidens und neun die von Johann Eisenberg auf. Abgesehen von den Namen sind die Deckelinnenseiten und die Unterseiten der Standplatten mit Inschriften, meist religiösen Inhaltes, versehen. Der in dem Buch Heidens aufscheinende Schlussspruch „Soli Deo Gloria“ ist auch bei diesen Pokalen häufig zu finden. Die Beschriftungen Heidens sind überwiegend in lateinischer, die Eisenbergs zumeist in deutscher Sprache abgefasst. (Bibl., K. ASCHEN-GREEN PIACENTI, 1963).

Im Jahr nach der Einnahme Coburgs starb der Herzog, und die beiden Kunstdrechsler, Heiden und Eisenberg, wurden von dessen Bruder und Nachfolger, Herzog Johann Ernst, nach Eisenach berufen. 1637 begann Heiden mit der Herstellung des heute im Kunsthistorischen Museum in Wien ausgestellten Elfenbeinpokals, der 1639 in Weimar fertiggestellt wurde. Das 115 cm hohe Schaustück ist etwa zur Hälfte als Deckelteil und zur Hälfte als Gefäß ausgebildet. Besonders auffallend ist er durch einen auf dem Sockelstück stehenden geschnitzten Elefanten. Auf dem Rücken des Tieres befindet sich ein Korb, in dem der Elefantenführer, mit Kopf und Händen aus Ebenholz (Heiden spricht von einem „Morion“) sowie ein Spanier und ein Ungar zu sehen sind. Darüber erhebt sich auf einer dünnen Säule der kunstgedrechselte Gefäßteil. Der Elefant und die anderen Figuren wurden nicht gedrechselt, wie vielfach angenommen, sondern geschnitzt. Auf diesen Umstand verweist Heiden ausdrücklich in seinem Buch.

Die vier auf den scheibenförmigen Standfüßen des Sockels stehenden Figuren repräsentieren die Bewohner der vier Weltteile die, den Angaben des Künstlers entsprechend, das Wort Gottes erreicht. Erhalten sind ein Turbanträger (Africaner, Araber oder Türck, wie Heiden schreibt) und ein nackter Indianer mit Bogen. Den Unterlagen Heidens nach handelte es sich bei den beiden in Verlust geratenen Figuren um einen römischen Soldaten und einen deutschen Offizier. Die Bekrönung des gedrechselten Deckels ist etwa gleich hoch wie der gesamte Gefäßteil. Sie beginnt mit einem geschnitzten drachenähnlichen Ungeheuer, das die Versuchung durch das Böse darstellt, und setzt sich fort in einer aufrecht stehenden Figur eines Mannes, der von den Zähnen und Klauen des Untieres bedroht wird und eine gedrechselte Fregatte über seinem Kopf hochhält. Das Schiff symbolisiert die Kirche, unter deren Schutz die Gläubigen dem Heil zusteuern, wie die Matrosen dem sicheren Hafen. Die Mastspitzen sind mit Sonne, Mond und Sternen versehen, wobei der Künstler darauf hinweist, dass die Sonne mit ihren zehn Strahlen „gedrehet“ ist.

Heiden war ein tiefgläubiger Protestant und beschreibt in seinem Buch, unter Zitierung zahlreicher Bibelstellen, den Entwurf und den Symbolwert der Darstellungen: kurz gesagt stellt das Objekt „eine Allegorie des christlichen Lebens“ dar. (Bibl., J. v. SCHLOSSER, 1978, Abb. 140 und S. 192). In seinem Buch führt der Künstler weiter aus, dass nur die Hälfte des neun „Werckschuhe“ langen und 70 kg schweren Stoßzahnes verwendet wurde und dass es 107 Reichstaler kostete, den Zahn von Amsterdam bis nach Eisenach zu bringen.

Ein im gleichen Museum befindlicher und von Heiden gedrechselter Pokal aus dem Jahr 1630 ist 57 cm hoch und weist am Sockelteil und am Deckel eine Ajourarbeit auf. Über dem durchbrochenen und wie eine Kuppellaterne ausgeführten Deckelabschluss befindet sich eine Gestaltung in Form einer Palme, mit dem bayerischen Wappen als Bekrönung. Der Pokal weist zahlreiche Inschriften in lateinischer und deutscher Sprache auf, die u. a. auf den Besitzer (Pfalzgraf August) und die Palme Bezug nehmen: „EIN PALMBAVM STETS GRVNEN THUT: ALSO DER GERECHT MIT FRISCHEM MUT. DOCH NIT OHN CREVTZ VOR. GOTT ALZEIT. GRVNET VND WECHST IN EWIGKEIT OB ER SCHON HIE VERFOLGVNG LEIT“. (Bibl., Chr. SCHERER, o. J. (1905), Abb. 78; Bibl., K. MAURICE, 1985, Abb. 81).

Einige von der Hand Heidens stammende Schaustücke kamen in das Museum von Weimar. Von diesen Exponaten wird zumeist ein passicht gedrechselter Humpen erwähnt, dessen Deckel in einem durchbrochenen kuppelförmigen Abschluss endet. Der Handgriff ist geschnitzt und weist in der Mitte eine halbfigurige Frauengestalt auf. Gleichfalls geschnitzt sind die Standfüße in Form von grotesken Köpfen, die in Voluten enden. Die Schnitz-81.arbeiten sind im Stil der Spätrenaissance gestaltet. Der Humpen ist wie folgt signiert: „Marcus Heiden fecit anno 1637“. (Bibl., E. v. PHILIPPOVICH, 1982, Abb. 371) In das Victoria & Albert Museum in London gelangten gleichfalls gedrechselte Schaustücke, die von Heiden stammen sollen; u. a. ein vielpassig gedrechselter Deckelpokal, bei dem der Schaft durch eine Putto-Figur gebildet wird. (Bibl., O. PELKA, 1923, Abb. 276) Aufgrund dieses Pokals schreibt E. Lapkowskaja dem Künstler einen Pokal mit Darstellungen von Meeresgöttern in der Eremitage in St. Petersburg zu, dessen Griffstück ebenfalls als Putto ausgebildet ist. (Bibl., M. KRYJANOVSKAJA & L. FAENSON, 1974, Abb. 19).

<<Hahn (Hahn d.Ä.), Johann Michael
Kleinert, Friedrich>>


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