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Berchtesgadener Waren

Bei der Erwähnung von Berchtesgaden denkt man zunächst an den nördlich des Watzmann in Bayern liegenden Ort gleichen Namens. Häufig ist heute nicht mehr bekannt, dass die mit dem Terminus „Berchtesgadener Waren“ bezeichneten geschnitzten und gedrechselten Gegenstände nicht nur aus dem Hauptort Berchtesgaden stammen, sondern aus der gesamten Kreisregion, dem ehemaligen Fürstentum Berchtesgaden. Im Gegensatz dazu wurden z. B. die Diepper, Geislinger oder Offenbacher Arbeiten nur im Gebiet der jeweiligen Stadt hergestellt. Das Zentrum der Fertigung lag allerdings auch bei den Berchtesgadener Waren in der Marktgemeinde und insbesondere dem Ort Berchtesgaden. Bei den aus diesem Gebiet stammenden Arbeiten handelt es sich überwiegend um Holzwaren, d. h. um Arbeiten der zu den Holzhandwerkern zählenden so genannten „Ordinari–Schnitzer“ und nur zu einem Teil um Gegenstände aus Bein bzw. Elfenbein, von den „Kunstschnitzern“. Den in alten Schriften als „Feinschnitzer“ bzw. „Kunstschnitzer“ und „Kunstdrachsler“ genannten gilt die folgende Betrachtung.

Sie unterlagen als Künstler nicht dem engen Zunftzwang, dem die Ordinari-Schnitzer und -Drechsler, d. h. die Löffelmacher, Rechenmacher, Becherdrechsler, Pfeifendrechsler usw. in Berchtesgaden unterworfen waren. An die Berchtesgadener Drechsler erinnert eine heute noch in Bayern von alten Leuten gebrauchte volkstümliche Redensart. Wenn jemand etwas schwierig zu Erlangendes unbedingt haben will, heißt es: „.. dann lass es dir halt von den Berchtesgadenern drechseln.“ Das Angebot an Berchtesgadener Waren aus Bein bzw. Elfenbein umfasste u. a. kleine Hausaltare, bisweilen verziert mit gedrechselten Rosetten und in einfachem Wund ausgeführten Säulen. Zur Unterbringung kleiner Vollplastiken (Muttergottes- oder Heiligenfiguren) dienten auch die so genannten Tempietti, d. h. Baldachingehäuse, bestehend aus einer runden Grundfläche, gedrechselten Säulen und Kuppelaufbau mit gebohrten Ornamenten.

Bekannt sind auch zirka 10–12 cm x 6-8 cm große, bisweilen mit einer Glasscheibe verschlossene Kastenrahmen aus Bein oder Elfenbein, mit einer eingesetzten Heiligenfigur aus dem gleichen Material. Die Figuren wurden entweder als extremes Hochrelief geschnitzt, oder vollplastisch mit abgeflachtem Rückenteil. Die Seitenwände der Kastenrahmen sind nicht schräg auf Gehrung geschnitten, sondern stoßen für gewöhnlich im rechten Winkel zusammen. Im allgemeinen haben die Rahmen eine aus Bein oder Elfenbein gefertigte Aufhängeöse.

Urkundlich erwähnt findet man die Berchtesgadener Feinschnitzer bereits vor etwa 300 Jahren im Zusammenhang mit Objekten, die nach Bonn in den Besitz des Kurfürsten gelangten. Berichtet wird 1696 von insgesamt 15 aus Elfenbein geschnittenen „Reiterl“ und 1700 von einem geschnitzten 19 Zoll langen Kruzifix, mit einem Totenkopf, d. h. dem Schädel Adams am Fuß des Kreuzstammes. Die Schnitzarbeit stammte von Andrä Stanggassinger, der vom Herrscher dafür 100 Gulden bekam. (Bibl., M. BACHMANN, 1985, S. 29).

Angeführt werden weiters folgende in Berchtesgaden aus Bein oder Elfenbein hergestellte Objekte: gedrechselte Beten, Heilige und Marienfiguren aus Bein bzw. Elfenbein, wobei sich kleine Exemplare (1,5–3 cm) häufig in Tempietti oder aus Holz gedrechselten, verschraubbaren Köchern befinden, auch Federkielkruzifixe. Weiters aus Bein geschnitzte Krebse, mit aufklappbaren Scheren, in deren Innerem kleine gedrechselte oder geschnitzte bzw. in Form feiner Laubsägearbeiten hergestellte Gegenstände aufbewahrt werden. Ferner, für 7 Gulden das Stück, zerlegbare Augen und Ohren in natürlicher Größe, als Anatomiemodelle, sowie als Zierobjekte oder Einrichtungen für winzige Puppenstuben verwendbare Miniaturschnitzereien, z. B. kleine Tische, Sessel, Kästen, Kommoden und Spinette, mit durchbrochen ausgesägten Füllungen und gedrechselten Füßen und Verzierungen.

Zu finden sind auch mehrfigurige Miniaturschnitzereien und kleine Drechselarbeiten, häufig als so genanntes „Eingerichte“ in mundgeblasene Glaskugeln eingesetzt, z. B. Reiter, die Heiligen Drei Könige, Golgathadarstellungen, Wallfahrtskirchen, Blumensträuße, deren Blüten zum Teil gedrechselt sind, aus gedrechselten Einzelteilen zusammengesetzte Luster etc. Die schützenden Glaskugeln befinden sich zumeist auf zirka 20–25 cm hohen, aus Knochenmaterial gefertigten Ständern, bestehend aus einem runden Sockel und einem stabförmigen Schaft. Manche dieser Säulchen können mittels einer kleinen beinernen Kurbel, über geschnitzte Zahnräder aus dem gleichen Material, in Drehung versetzt werden, so dass sich auch die Glaskugel dreht und die darin befindlichen Schaustücke von allen Seiten zu betrachten sind.

Hergestellt wurden ferner sogenannte Kleinigkeitsarbeiten. Berichtet wird u. a. von Monstranzen, „die in den dünnsten Stellen feinen Haaren gleichen und in ihren Höhlungen, kaum für die Aufnahme eines Pfefferkorns geräumig genug, Crucifixe oder Rosenkränze enthalten, deren Theile ein kurzsichtiger „Elegant“ kaum mit der Lorgnette erspäht.“ (Bibl., A. HARTMANN, 1903, S. 91).

Zu den Berchtesgadener Arbeiten zählen weiters durch ein aus Stoff bestehendes Scharnier verbundene Nussschalen, in die Miniatur-Schnitzereien aus Bein eingesetzt wurden. Beliebte Motive waren Wallfahrtskirchen, Krippen- und Golgathadarstellungen etc. In der Herstellung einfacher und viel billiger, im Aussehen aber ähnlich, sind solche Gestaltungen aus Elfenbeinmasse.

Neben kunsthandwerklichen Objekten wurden in Berchtesgaden auch große Mengen an Gebrauchsgegenständen aus Bein und Elfenbein gefertigt, vor allem Nadelbüchsen, Riechbüchsen, Kämme, Bürstenkörper und Pomadetiegel, Stock- und Schirmgriffe, Spielwürfel, Falzbeine, Papiermesser, Tabakstopfer, Zahnstocher, Rufpfeifchen, Sanduhren, Fingerhüte, Garnspulen, Grillenkäfige, Buckelkratzer Kratzer) und Flohfallen. (Bibl., M. BACH-MANN, 1985, S. 30/31).

Im ersten Drittel des 18. Jh. erfassten Glaubensdifferenzen auch das Berchtesgadener Land. Während im nahen Salzburgischen das Manifest vom 31. 10. 1731 des Fürsterzbischofs Leopold 30.000 Salzburger, die sich zum lutherischen Glauben bekannten, veranlasste, ihre angestammte Heimat zu verlassen, emigrierten in Berchtesgaden nur zirka 900 Menschen aus demselben Grund. Die meisten konnten sich die Ausreise nicht leisten. Von den Protestanten, an denen das Berchtesgadener Land Interesse hatte, wie z. B. an den Knochen- und Beinschnitzern, deren Produkte exportiert wurden, verlangte man in Berchtesgaden eine hohe Entlassungsgebühr, um sie an der Ausreise zu hindern. Es half ihnen auch nicht, dass sie sich auf die im Westfälischen Frieden gewährleistete Auswanderungsbefugnis beriefen. (Bibl., M. BACHMANN, 1985, S. 30–31)

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