DOROTHEUM. Die ersten 300 Jahre
Daniela Gregori, Cathrine Stukhard

Alter Hut & neues Dach

Das älteste Auktionshaus der Welt und größte im deutschen Sprachraum feiert seinen 300. Geburtstag. Bild und Text geben Einblicke in Geschichte und Gegenwart dieser Wiener Institution auf dem Weg in ihr viertes Jahrhundert.

 

Zuallererst war da die Sache mit dem Hut. Es ist eine jener Geschichten, die zum Mythos werden, da sie das Wesen einer Person treffend charakterisieren. Eine jener Geschichten also, denen man gerne ein „se non è vero, è ben trovato” hinzufügt – wenn sie schon nicht wahr ist, dann zumindest gut erfunden …

 


Joseph also – volksverbunden wie inkognito – hatte die Räume des Versatzamtes in der Annagasse besucht, wo man seinen Hut wegen des zu geringen Wertes nicht pfänden wollte, was wiederum den Kaiser sehr in Rage gebracht und den Schätzmeister seinen Job gekostet hatte.

Es ist ein glücklicher Zufall der Historie, dass sich hierzu ein zeitgenössischer Bericht erhalten hat, aus dem man etwas mehr über den Nährboden dieses Mythos erfährt.

In den 1788 erschienenen Skizzen aus dem Karakter und Handlungen Josephs des Zweiten von Friedrich Geisler d. J. lesen wir über des Kaisers Verwunderung, dass seine Kopfbedeckung wegen ihres Wertes unter zwei Gulden, was der Mindespreis gewesen wäre, nicht als Pfand angenommen wurde – daraufhin wurden sämtliche Beamten beurlaubt.

Doch anderes dürfte den Monarchen ebenfalls irritiert haben. Die Räumlichkeiten waren sowohl für den Parteienverkehr als auch zur Lagerhaltung zu eng bemessen, die üble Lage des Lombards schien ihm ungeeignet, doch am meisten erstaunte ihn laut Geisler der Blick in das Lager, das eher einer Schatzkammer glich. Dies wäre wahrlich nicht der Ort gewesen, um einen Hut aufzubewahren.

 
Joseph II. (1741-1790)
Gemälde von ...


Mit der josephinischen „Nachricht” vom 1. Februar 1785 setzte eine Reihe von Reformen ein. Das Versatzamt agierte nun – kontrolliert von staatlicher Seite – rechtlich selbständig, die Wahrung der Anonymität des Pfandgebers wurde ebenso festgesetzt wie die Haftung des Amtes für das Pfand oder kundenfreundlichere Öffnungszeiten.

Als humanitärer Aspekt erging jetzt die Hälfte des Reingewinnes an die Armenkasse, bei der Art des Pfandes zeigte sich die neue Regelung allerdings weniger human: Bilder, Bücher, Spiegel, Kästen und sonstige sperrige Einrichtungsgegenstände sowie Kürschnerware, also jene Habseligkeiten, die für finanziell benachteiligte Bevölkerungsschichten ein Pfand hätten darstellen können, wurden nun ebenso von der Belehnung ausgeschlossen wie alles, was mit dem Militärdienst in Zusammenhang stand, denn dies hätte einen Missbrauch bedeutet.

Die neue kaiserliche Verordnung hinderte allerdings „Professionslicitaten” nicht daran, ihr unlauteres Treiben weiterzuführen. Im ohnedies gehörigen Chaos rund um den Versteigerungstisch versuchten sie, Interessenten, die nicht zu ihrem Kreis gehörten, durch Drängen, Zerren, Stoßen und sonstige sanfte Gewalt am Steigern zu hindern. Sowohl der Ausrufer, dessen Aufgabe es war, die Objekte zu präsentieren, als auch der Schätzmeister waren in diesem Bietverhalten so überfordert wie machtlos.

Die Ware wurde aus den Händen gerissen, sodass sie oft beschädigt, wenn nicht überhaupt mehrteilig oder lückenhaft an den neuen Besitzer gelangte. Erst ein von der Regierung versandter Commissär sollte fortan für einen reibungslosen und geordneten Ablauf der Versteigerungen sorgen. Doch noch Jahrzehnte später gab es Beschwerden über jene gut organisierten „Licitationshyänen”.

Zu den vom Kaiser höchstpersönlich betriebenen Strukturveränderungen gehörte weiters die Verbesserung der räumlichen Situation samt Standortwechsel.


 
Das neu erbaute "Versatz-, Versteigerungs- und Verwahrungsamt".
Lithografie nach einer Zeichnung von Franz Freiherr von Knauß, 1901.
Die Architektur des Historismus prägt das Haus bis in die Gegenwart.


Das 1782 aufgelassene Dorotheerkloster in einer der vornehmsten Gassen der Innenstadt schien für diesen Zweck nach entsprechender Adaptierung bestens geeignet. Das Gebäude war von zwei parallel verlaufenden Gassen zu betreten, bot genügend Platz für Parteienverkehr, zudem gingen die Fenster der Lagerräume im Parterre – sicherheitstechnisch vorteilhaft – in den Innenhof.

Dort, wo heute so manch kunstvoll bemalte Leinwand in den Auslagen hängt, waren im Mittelalter flämische Tuchfärber angesiedelt worden, nach denen die Gasse vorerst benannt war. Mitte des 15. Jahrhunderts wurde die „Färbergasse” auch „St. Dorotheengasse” genannt, eine Bezeichnung, die sich mit der Zeit durchsetzen sollte. Bei Hofwürdenträgern war diese Adresse als Wohnsitz beliebt, das 1414 gegründete Dorotheerstift und das 1583 geweihte Königinkloster – beides nicht eben einem Bettelorden zugehörig, sondern vielmehr dem Kaiserhaus verbunden – taten ihr Übriges zu einer beschaulich-noblen Nachbarschaft.

Das Königinkloster fiel bereits 1782 der Klosterreform von Joseph II. anheim, mit der Schließung von St. Dorothea im Jahre 1786 wartete der aufgeklärte Regent immerhin bis zum Ableben von Probst Ignaz Miller, dem Beichtvater seiner Mutter Maria Theresia. Als erste Gasse von Wien gab es hier ab 1688 eine Straßenbeleuchtung, exakt ein Jahrhundert später wurden die Räume des ehemaligen Klosters wieder erhellt. Auf kaiserliche Anordnung wies über dem Eingang eine schlichte Tafel mit der Aufschrift „Versatzamt” auf die neue Funktion des alten Gebäudes hin.

Mehr und mehr wurde das Haus in der Dorotheergasse Anlaufstation der Bevölkerung in wirtschaftlich schwierigen Zeiten; verstärkt waren es Darlehenwerber aus dem unteren Mittelstand, also Arbeiter, Handwerker oder Gewerbetreibende. Nach wie vor half die Armut jener, die nur wenig hatten, die Armut derer, die gar nichts hatten, zu lindern. Auch nach allen Reformen musste das Versatzhaus die Hälfte des Reingewinnes an das Armenhaus abführen.


 
Versteigerung im Fanz-Joseph-Saal.
Xylografie von Moritz Ledeli, um 1905
Früher war es ein Zusammenspiel von Auktionsleiter und Rufer, der die Lose präsentierte. Heute ist man nur bei Versteigerungen mit vielen Posten zu Zweit

 
Versteigerung im Fanz-Joseph-Saal.
Fotografie von Ch. Scolif, um 1910.
Hinter dem Auktionator befindet sich ein immer noch funktionstüchtiger Aufzug zu den Depot-Räumen im Kellergeschoss.


Für das Versatzamt bedeutete diese Zunahme an Kundschaft mitunter eine bedenkliche räumliche und finanzielle Situation. Allzu großzügig hatte sich die Regierung immer wieder an den erwirtschafteten Überschüssen des „Wohltätigkeitsinstitutes” bedient, sodass diesem die notwendigen Rücklagen fehlten, allzu viele kamen, um kurzfristig gegen ein Pfand eine finanzielle Notlage zumindest zu überbrücken. Über satte Gewinne dürften sich jene Händler gefreut haben, die in den überfüllten Warteräumen Semmeln und Kipferln feilboten.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es bereits die ersten Überlegungen, mit Filialen in die Vorstadt zu gehen – bis die erste Zweigstelle in der Josefstadt eröffnet wurde, benötigte es jedoch drei Anläufe und mehr als acht Jahrzehnte. Schneller reagierte man beim Haupthaus, wo nicht nur der Personalstand, sondern auch das Gebäude in weiten Teilen aufgestockt wurde. Bis zur Jahrhundertwende sollte dies ausreichend sein, doch wie allerorts in Wien, so herrschte in der Dorotheergasse zu dieser Zeit ebenfalls Aufbruchsstimmung.

Der in Hannover geborene Erich Graf Kielmansegg, seines Zeichens Statthalter von Niederösterreich und engagierter Mitstreiter bei den städtebaulichen wie verwaltungstechnischen Wiener Großprojekten der Donauregulierung und der Eingemeindung der Vororte, wurde Vordenker einer umfassenden Strukturreform, die einen Neubau des Hauses zur Folge haben musste. Wenngleich Kielmansegg am josephinischen Grundsatz festhielt, das Versatzamt müsse in erster Linie der ärmeren Bevölkerung mit günstigen Darlehen eine Hilfe sein, legte er sein Augenmerk vornehmlich auf den Ausbau des Versteigerungsgeschäftes.

Wie aus der neuen Benennung des Hauses in „K. k. Versatz-, Verwahrungs- und Versteigerungsamt” unschwer herauszulesen ist, waren es fortan drei verschiedene Aufgabenbereiche, die mit dem Regulativ von 1901 eine rechtliche Verankerung  erfuhren. Neben der Pfandleihe und den Versteigerungen kam das unabhängige Verwahrungsamt hinzu, vergleichbar mit der Einrichtung eines Schließfaches oder Banksafes. In Erinnerung an die Anfänge von 1707 wurde weiters „die Führung von Kundschaftsbüchern im Sinne des seinerzeitigen Fragamtes” als vierter Bereich wieder miteinbezogen.

Auch der Bau ließ erahnen, in welcher Zeit die Einrichtung gegründet worden war. Aus dem stilistischen Fundus des Historismus hatte sich Emil von Förster in seinem Entwurf – trotz einer gewissen Vorliebe für die Renaissance – für die Gestaltungsmerkmale des Wiener Barock entschieden. Förster hatte als Architekt bereits einiges gebaut, als er 1895 im Alter von 57 Jahren in den Staatsdienst eingetreten war, doch auch als Beamter wusste er, den Anforderungen dieser Aufgabe für ein öffentliches Gebäude bestens zu entsprechen: repräsentativ, aber nicht protzig, erhaben über jeden Verdacht der Verschwendung. Die verwendeten Materialien wie Schmiedeeisen oder Salzburger Marmor waren schön verarbeitet und vermittelten Dauerhaftigkeit, jedoch keinen Luxus. Den einzigen Schmuck bildeten die beiden in Kupfer getriebenen Reichsadler, die mit jeweils sechs Metern Spannweite die Eingänge in der Dorotheer- und Spiegelgasse unter ihre Fittiche nahmen.

 

 

 

Links oben: der einzige Schmuck an den beiden Fassadenfronten des Neubaues waren die beiden monumentalen kupfernen Reichsadler über den Haupteingängen. Fotografie um 1905.
Mitte oben: Erich Graf Kielmannsegg (1847-1923), der Vater der Umstrukturierung. Lithografie, um 1900.
Rechts oben: Emil von Förster (1838-1909), der Architekt des neuen Palais. Lithografie von Josef Kriehuber, 1863 (sic)


Aus Mangel an vergleichbaren Institutionen vor Ort hatte der Ministerialrat Bauten mit ähnlicher Funktion in ganz Europa besucht und war mit seiner Planung zu einer in vielen Teilen heute noch gültigen Zweckmäßigkeit gelangt. Um einen reibungslosen Fortbestand des Betriebs auch während der Bauzeit zu erhalten, wurde in zwei Phasen gebaut. Erst nach Fertigstellung des ersten Längstraktes wurde mit dem Abbruch des zweiten begonnen, der bis dahin noch in Benutzung war.

Am 12. November 1901 schließlich konnte der Neubau von Kaiser Franz Joseph feierlich eröffnet werden. Von Anfang an waren die drei Geschäftsbereiche des Amtes räumlich voneinander getrennt, das großzügig gestaltete Vestibül diente hier mit seinen drei Treppenaufgängen als Verteiler für den Besucherstrom.

Ganz offensichtlich hatte man sich mit dem Versteigerungsamt einiges vorgenommen, denn die räumliche Gewichtung und die Hierarchisierung sprechen eine deutliche Sprache: Der erste und zweite Stock diente ausschließlich dem Auktionsbereich. Dreizehn Auktionssäle samt Nebenräumen gruppierten sich um den zwei Geschoße umfassenden monumentalen Franz-Joseph-Saal, der immer noch das Zentrum des Hauses bildet.


 
Der Franz-Joseph-Saal vor einer Musikalien-Auktion.
Fotografie, um 1910.
Von der prachtvollen Struktur blieb nach dem Krieg nur der Doppeladler erhalten.


 


Kundenbetreuung vor 100 Jahren:
Gräfin Kielmannsegg mit Damen der kunstinteressierten adligen Wiener Gesellschaft im Dorotheum.
Fotografie, um 1905 

Gleich dem heutigen wohlfrequentierten Café war einst ein Buffet in den Plänen vorgesehen.

Im Mezzanin waren neben der Auslösung von Preziosen und deren Verwahrung auch die Direktion, Buchhaltung und eine Wohnung für Beamte eingeplant.

Das mit knapp zwei Metern über dem Straßenniveau erhöht liegende Erd-geschoss war für die Belehnung und Lagerung von Wertpapieren und anderen Wertgegenständen konzipiert, in der auf direktem Weg vom Eingang zu erreich-enden Ebene waren auch Hauptkassa, Portiersloge und Feuerwache zu finden.

Das Souterrain bot Platz für die Wach-stube, drei Dienstwohnungen und einen verkachelten Raum für Lebensmittel-versteigerungen.

In den beiden darunterliegenden brandsicheren Kellergeschoßen waren damals wie heute Lagerräume und die Haustechnik untergebracht, zwei Durchfahrtshallen samt einem geräumigen Hof verbanden die Dorotheer- mit der Spiegelgasse und erleichterten den Ladevorgang erheblich. Im Ladehof erinnern einige Bauteile und Grabsteine, eingelassen in die „Kielmanseggmauer”, an die frühere Bestimmung des Ortes als Kloster und an jenen Statthalter, der mit seinen Neuerungen den Grundstein zu einem modernen Auktionshaus gelegt hatte.


Im Bild rechts und unten links: Der Architekt Michael Rosenauer ließ 1925/26 ein Stockwerk einfügen.

Unten rechts: Beseitigung der Schäden im Franz-Joseph-Saal nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Architekten Anton Potyka

 
  

 

Offerte unter dem Doppeladler.


Von beiden Seiten des Franz-Joseph-Saals kann man bei noch so gedrängten Auktionen oder Schaustellungen den Überblick bewahren. Als Teil des Cafés wird die eine Galerie zudem heute gleichsam als Aussichtsterrasse genutzt.

Postkarte, um 1910

 

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