Doch vorerst ging es allenthalben darum, die Monarchie in eine Republik zu überführen, was für das Versatz-, Verwahrungs- und Versteigerungsamt in erster Linie ein novelliertes Statut bedeutete. Diese neuen Richtlinien, am 12. Juli 1923 im Amtsblatt der Wiener Zeitung publiziert, brachten für das Haus einige kleinere Verbesserungen und auch eine Benennung, die zwar nicht mehr neu, aber jetzt zumindest amtlich war. Um den zugegebenermaßen etwas lang geratenen Anstaltstitel zu verkürzen, hatte sich über die Jahre schon ein weitaus kürzerer eingebürgert – endlich hatte die Einrichtung mit „Dorotheum” eine eingängige Bezeichnung. Freilich, Österreich liebt seine Titulaturen, und selbstverständlich wollte man hier auch der Historie des einst geweihten Ortes einen Tribut zollen, doch spricht es für einen gewissen Stolz, dass man auf eine – sonst nur für kaiserliche Gründungen wie Museen oder Schulen übliche – lateinische Nomenklatur zurückgegriffen hatte. An zusätzlichen Rechten gegenüber jenen der Monarchie war mit dem neuen Statut noch eine Bankkonzession hinzugekommen, eine Option, die man bis zum Verkauf der „Dorotheums-Bank” an das Bankhaus Carl Spängler & Co im Jahre 1999 auch nutzte. Das Dorotheum hatte die Bevölkerung durch sämtliche Höhen und Tiefen der österreichischen Geschichte begleitet. Warum sollte es anders sein, als es 1938 zum „Anschluss” kam? Ebenso wenig wie ein Volk von dem „Anschluss” überrumpelt wurde, wurde auch das Dorotheum überrascht, als auf einmal regimetreue Mitarbeiter Führungspositionen innehatten. Die Nationalsozialisten mussten nicht erst kommen – sie waren schon längst da und begannen rasch mit Umstrukturierungen nach ihrer Fasson. Das NS-Regime verstand es, die Kompetenzen der Institution im öffentlichen Eigentum bestens für seine Zwecke zu nutzen. Und es gab in diesen Zeiten niemanden im Haus, der sich dem Unrecht, das hier passierte, entschieden entgegengestellt hätte. Wie der 2006 erschienene Historikerbericht zur Rolle des Dorotheums im Nationalsozialismus klargestellt hat, war das Unternehmen selbst nicht an „Arisierungen” beteiligt, wohl aber am Verkauf „arisierten” Besitzes. Im Pfandleihbereich wurden etliche Güter von der Belehnung ausgeschlossen. Es mag als Ironie der Geschichte erscheinen, dass neben ausländischen Druckwerken auch Hitlers Mein Kampf nicht mehr verpfändet werden durfte. Nahezu inflationär war diese Schrift im Umlauf, die Peinlichkeit, bei Zwangsversteigerungen auf dem Machwerk sitzen zu bleiben, wollte man sich wohl lieber ersparen. Wie vielfach in Österreich, so hat man auch im Dorotheum zu diesem Thema jahrzehntelang geschwiegen. Geschwiegen hat das Dorotheum auch jahrelang zu den seltsamsten Dingen, die bei Publikationen zum Thema „Arisierung” zu Tage traten. Beispielsweise sollte ein Foto Hitlers mit einer im Hintergrund auf der Fassade angebrachten Werbetafel des Dorotheums als Illustration für den Besuch des Diktators im Dorotheum in Wien dienen. Obwohl nicht nur aus der Beschriftung des Fotos auf der Rückseite, sondern aus der Aufnahme selbst hervorgeht, dass es sich um den Bahnhof von St. Pölten handelt, war die Versuchung der Autoren, auf Kosten des zunehmend international prominenten Unternehmens eine kleine Verfälschung der historischen und ganz offensichtlichen Tatsachen vorzunehmen, vermutlich zu groß. Spät, aber nicht zu spät wurde mit der Aufarbeitung und – sollte dies überhaupt möglich sein – einer Wiedergutmachung begonnen. Nicht nur der vom Dorotheum in Auftrag gegebene Bericht oder die Überweisung von 32 Millionen Euro aus dem Verkaufserlös an den „Allgemeinen Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus”, auch die Gründung einer eigenen Abteilung für Provenienzforschung dürfen hier als deutliches Signal gesehen werden. In der Zeit zwischen der 250-Jahrfeier und den Festivitäten zum 275-jährigen Jubiläum hatte das Dorotheum nochmals ein Vierteljahrhundert, in dem es allzu wenig zu feiern gab. Rote Zahlen und ein durch Kriegsschäden baufälliges und etwas verwahrlostes Gebäude sorgten für eine immer schlechter werdende Situation, die sich bis in die siebziger Jahre hielt. Als 1978 die Generalrenovierung des Palais ihren Abschluss fand, war das Schlimmste bereits überstanden. Es konnte wieder aufwärts gehen … |