DOROTHEUM. Die ersten 300 Jahre
Daniela Gregori, Cathrine Stukhard

… und Applaus!

Das älteste Auktionshaus der Welt und größte im deutschen Sprachraum feiert seinen 300. Geburtstag. Bild und Text geben Einblicke in Geschichte und Gegenwart dieser Wiener Institution auf dem Weg in ihr viertes Jahrhundert.

Ist das Los erst mal aufgerufen, sollte es zügig zum Zuschlag gehen. „Den Saal gleich einer Schlange hypnotisieren und das höchste schriftliche Gebot immer im Auge behalten”, gilt als eiserne Regel für den Auktionator. Dieser konzentrierte Blick kann eine Geste, die ein Gebot auch ohne Bieternummer zu bedeuten hat, von jenen beiläufigen Bewegungen unterscheiden, die keine Steigerungsstufe zur Folge haben.


Obwohl man in Spielfilmen auf diese Weise allzu leicht in den Besitz eines millionenschweren Gemäldes gelangt, braucht in der Realität niemand den Drang unterdrücken, sich auffällig an der Stirn zu kratzen oder eine Haarsträhne zu richten, ja selbst heftiges Winken im Publikum weiß der Auktionator noch in der Hitze des Bietgefechtes als Grußformel an eine andere Adresse zu deuten.

Mit dem „Pling” des Zuschlags löst sich jene gespannte Stille, um sich beim nächsten Los wieder aufzubauen.  

Im Auktionssaal ist jedes Objekt zumindest für einen kurzen Moment der Star, ob es wirklich das Talent zum Highlight hat, entscheidet sich bis zum nächsten „Pling”!

 
Liegender weiblicher Akttorso. Aquarellierte Zeichnung von Egon Schiele, 1910, Verkaufspreis 456.000 Euro. Eines von vielen Spitzenstücken der Sammlung Lill, versteigert zu Gunsten des Vereins „Rettet den Stephansdom“.


Qualität, Marktfrische und Zustand sind hierbei die Grundvoraussetzungen für derlei Karrieren am Auktionsfirmament. Eine gesicherte und über jeden Zweifel erhabene Provenienz, eine schöne Geschichte oder Seltenheit haben einem potenziellen Highlight noch nie geschadet.


 

  Oben: Bildnis eines jungen Mannes. Gemälde von Jan Lievens (1607–1674), Verkaufspreis 912.000 Euro.
Unten links: Violoncello. Luigi Bajoni, Mailand, um 1850, Verkaufspreis 60.000 Euro. Unten Mitte: New York City 65, l’inverno attraverso il museo. Mischtechnik von Mario Schifano, 1965, Verkaufspreis 360.000 Euro. Unten rechts: Totentanz. Gemälde von Albin Egger-Lienz, 1921, Verkaufspreis 912.000 Euro.

Das Bildnis eines jungen Mannes, gemalt von Jan Lievens, einem Freund Rembrandts, hatte all diese Voraussetzungen, was ihm (2003) mit einem ganz atemberaubenden Bietgefecht und einem Verkaufspreis von 912.000 Euro gedankt wurde.

Bei einem Totentanz von Albin Egger-Lienz aus dem Jahre 1921 schien nicht das von einem Museum restituierte Werk, sondern der bislang am Kunstmarkt unauffällige Bieter aus dem Nichts aufzutauchen, was am Preis von ebenfalls 912.000 Euro nichts änderte.

Als Dauerbrenner am Markt erweisen sich neben den üblichen Verdächtigen der klassischen Moderne – Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka – die Aquarelle des Rudolf von Alt und die Gemälde von Ferdinand Georg Waldmüller aus dem 19. Jahrhundert.

Bei den Zeitgenossen war die zunehmende Internationalisierung des Dorotheums mit der Privatisierung (2001) am deutlichsten wahrzunehmen. Mario Schifano hat hier mit New York City 65, l'inverno attraverso il museo für den Weltrekordpreis von 360.000 Euro markante Spuren hinterlassen.

   

 


In der von Felix Czeike verfassten Publikation zum 275-jährigen Jubiläum des Dorotheums fand
Waldmüllers Gratulation zu Großvaters Geburtstag mit einem Meistbot von 4,5 Millionen Schilling (ca. 320.000 Euro) Eingang, 25 Jahre später ist es die Unterbrochene Wallfahrt, die Ende 2005 für 1,320.000 Euro in die Sammlung des Fürsten Liechtenstein gegangen ist.

Ansonsten sorgen der Zeitgeschmack und der internationale Ausstellungsbetrieb immer wieder für Richtungswechsel und deren Nachhaltigkeit. Seit Wohnen Lifestyle geworden ist und Innenarchitektur eine aufstrebende Branche, wurden ausgefallene Möbel buchstäblich salonfähig. Die Sparte Design hat seit ihrer Gründung 1997 im Dorotheum einen beachtlichen Aufstieg erlebt.


 
Red Blue Chair.
Stuhl von Gerrit Rietveld, 1918,
Verkaufspreis 11.500 Euro.

Einen festen Platz an der Spitze hat hier für 111.500 Euro ein Exemplar von Rietvelds Red Blue Chair, gefolgt von einem Sofa von Zaha Hadid für 72.000 Euro. Bei den Möbeln wurde das enden wollende Bedürfnis nach massiven Hallenschränken von nicht enden wollenden Bietgefechten um qualitätsvolle Exzentrik abgelöst, so wechselte ein außergewöhnlicher Louis-XIV-Damenschreibtisch um 428.000 Euro den Besitzer.

Für exzentrisch bis grotesk hatte man über Jahre hinweg die Arbeiten von Dagobert Peche gehalten, eine Einstellung, die sich nach den Präsentationen in Wien 1998 und New York 2002 schlagartig ändern sollte.

Seither schätzt man das Entwurfsgenie aus der Spätzeit der Wiener Werkstätte dies- und jenseits des großen Teiches und verankert seine Preise auf dem internationalen Markt – wie 120.000 Euro für einen Deckenluster aus dem Jahre 1922 – in Augenhöhe mit jenen seines väterlichen Freundes und Förderers Josef Hoffmann.


Übertroffen wurde Peches seltener Beleuchtungskörper bislang lediglich von französischem Glas aus dem Hause Émile Gallé. Stimmen die Parameter Qualität und Marktfrische, sind kleine bis mittlere kosmetische Makel kaum wertmindernd.  

So hatte sich beispielsweise das Fehlen einer kleinen Silberperle in einer Brosche von Josef Hoffmann aus dem Jahre 1907 auf den Verkaufspreis von 66.000 Euro sicher nicht ausgewirkt, auch nicht das Loch in einem wundervollen und ansonsten bestens erhaltenen Stillleben von Georg Flegel.

Wer übrigens vermutet, Kaiserhaus und historische Reliquien wären eine rein nationale Angelegenheit unter treuen Monarchisten und verklärten Sisi-Anhängerinnen, irrt gewaltig.

Oft geht es bei der hier angebotenen Ware weniger um künstlerische Aspekte als um größtmögliche Authentizität, wie aus der Nachfrage um des Kaisers Reise-Necessaire oder diverse Accessoires der Frau Gemahlin zu schließen ist – vor allem der japanische Markt scheint ein Herz für traurige Kaiserinnen zu haben.


Brosche von Josef Hoffmann, 1907,
Verkaufspreis 66.000 Euro 


Manche historischen Objekte – etwa die durchlöcherte Windschutzscheibe des Wagens, in dem das Thronfolgerpaar einst in Sarajevo erschossen wurde, oder jener Diwan, der ihnen zum Sterbebett wurde – landeten hingegen im Museum.


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