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Menschen
Hie und da gibt es sie noch, die legendären Dachbodenbilder. Jene längst für die Kunstgeschichte und den Rest der Welt verloren gemeinten Meisterwerke, die wieder auftauchen, freilich vorerst inkognito. Und meist sind es die Experten der Auktionshäuser, die auf verstaubten Speichern einen ersten leisen Verdacht äußern, eine Ahnung davon haben, dass der Fund vielleicht doch mehr ist als ein – zugegebenermaßen – ansehnliches Objekt, von dem keiner mehr so recht weiß, wie es eigentlich dorthin gelangte, bis es vom Schein einer Taschenlampe wachgeküsst wird. In der langjährigen Karriere von Peter Wolf, dem Experten für Alte Meister im Dorotheum, hat es einige solch beglückende Momente gegeben. Einmal war es kein leiser Verdacht, vielmehr war es eine Gewissheit, die ihn bei der Auffindung von Tarquinius und Lucretia im Jahre 1992 schlagartig affizierte. In diesem Falle war es ein Keller, wo das Meisterwerk seinen Dornröschenschlaf verbracht hatte, und die Überzeugung, dass es sich hierbei um ein eigenhändiges Werk von Hans von Aachen handle, konnte alsbald auch von wissenschaftlicher Seite belegt werden. Für keinen Geringeren als Kaiser Rudolf II. hatte der Meister das Gemälde geschaffen. Unter der Nummer 1031 in der berühmten Kaiserlichen Sammlung inventarisiert, befand sich die vom Königssohn Tarquinius bedrängte Lucretia bis zum Verkauf im Jahre 1623 in der zweiten Galerie der Prager Kunstkammer auf dem Hradschin, von wo es wohl wegen seines Inhaltes wider jegliche Moral für wohlfeile 400 Taler an den Kunsthändler Daniel van Briels gelangt war. |
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 Rück- und Vorderseite von Hans von Aachens „Tarquinius und Lucretia“ während der Restaurierung im Kunsthistorischen Museum Wien. | Danach verliert sich die Spur bis zu jenem Moment, als die mit 120 x 185 cm nicht eben klein dimensionierte Leinwand auf Holz in einem Wiener Keller wieder auftauchte – im Gegensatz zu jener von Lucretia, die sich das Leben nimmt, ist diese Geschichte gut ausgegangen. Unter großem medialen Interesse ging der Zuschlag der ausfuhrgesperrten Sensation damals für umgerechnet 472.400 Euro an das Kunsthistorische Museum, wo es nach einer umfassenden Restaurierung seither zu bewundern ist.
Alle der rund siebzig Expertinnen und Experten des Dorotheums haben so ihre Geschichten von wundersamen Entdeckungen, urplötzlichen Gewissheiten, herben Enttäuschungen oder diesem bestimmten Gefühl, das einem sagt, dass irgendetwas an dieser angebotenen Ware nicht stimmig ist. „Man muss sich in vieles hineindenken”, erzählt Herbert Jetzinger, Experte, Hauptschätzmeister und Leiter der Juwelenabteilung, „es ist dies ein Job, der einem viel Leidenschaft abverlangt. Man bildet jemanden gut aus, aber was man nicht lernen kann, ist dieses Bauchgefühl – und das benötigt ein Experte ebenso.” |
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Die hausinterne Ausbildung zum Schätzmeister des Dorotheums findet in kleinen Gruppen statt, danach werden die Anwärter in die Praxis entlassen
| Alleine für die Experten der Bereiche Juwelen, Schmuck und Uhren gibt es eine fest geregelte Schulung. Von zehn Bewerbern, die sich als Schätzmeister für Juwelen im Dorotheum bewerben, ist es lediglich einer, der die Voraussetzungen für diesen Job mitbringt. Viele der Anwärter kommen bereits aus der Branche, sind Goldschmiede- oder Uhrmachermeister, manche jedoch haben sich über Liebhaberei das benötigte Fachwissen angeeignet. Der Aufnahmetest ist nicht die einzige Prüfung der Ausbildung. „Training on the job” in den Filialen ist ebenso angesagt wie die ständige Überprüfung des neu erworbenen Wissens: Steine werden bewertet, Schmuckstücke geschätzt und Fälschungen erkannt. |
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| Eben diese Fälschungen, die immer besser werden, sieht Jetzinger als großes Problem, denn Auktionshäuser seien immer noch die erste Anlaufstelle, wo man es probiere – entsprechend wappne man sich. Auch über diese Lehrzeit hinaus werden die Mitarbeiter des Hauses immer auf den neuesten Stand gebracht, orientieren sich nach einheitlichen Richtlinien und arbeiten mit internen Listen, die für alle Filialen gelten. Hinzu kommen bei vielen Kollegen noch spezielle externe Ausbildungen und Qualifikationen, bis man gerichtlich beeideter Sachverständiger ist. Kurzum: Schätzmeister im Dorotheum ist weniger eine Berufsbezeichnung, es ist ein Prädikat für Leute, deren Wissen weit über das eines Gewerbetreibenden hinausgeht. Während es in der Juwelenabteilung eine genauestens geregelte Ausbildung gibt, haben die Experten aller anderen Sparten ihre Kennerschaft auf unterschiedlichste Weise erlangt. Peter Wolf beispielsweise, studierter Kunsthistoriker, arbeitete 15 Jahre als Journalist, ehe er sich berufen fühlte, seine sehr speziellen Interessen zum Beruf zu machen. Georg Ludwigstorff sammelte bereits als Kind Orden, seine beiden weiteren Kompetenzbereiche – Kaiserhaus, Silber und Bronze – kamen nach dem Studium der Geschichte hinzu. Einige haben als Assistenten ihrer Vorgänger begonnen, andere im Handel oder als passionierte Sammler. Auch 1943 hatte man einem kenntnisreichen wie vielversprechenden jungen Briefmarkensammler die Stelle eines Experten angeboten. Der ambitionierte Achtzehnjährige, aufgrund seiner Gelbsucht vom Militärdienst befreit, musste jedoch ablehnen. Zu groß wäre die Gefahr gewesen, dann als gesund und damit tauglich für die Front zu gelten, und überhaupt sollte er bald seinen Sammlungsschwerpunkt verlagern. Heute noch sind die Gutachten des einstigen Philatelisten Rudolf Leopold hoch geschätzt, wenngleich es jetzt eher um Klimt, Schiele und deren Kollegen als um Postwertzeichen geht. In der Frühzeit der Institution war Schätzmeister ein nicht nur verantwortungsvoller, sondern höchst risikoreicher Beruf. Andere Hilfsmittel als Wissen und Erfahrung gab es nicht. Das hat sich in den letzten Jahrhunderten geändert. Die Möglichkeiten der genauen Bestimmung, Überprüfung und Schätzung wurden mittlerweile optimiert, da den Experten neben ihren Kompetenzen auch noch eine Reihe von technischen Hilfsmitteln sowie externe Gutachter zur Verfügung stehen. Doch was nützen die besten Hilfsmittel, wenn zwar das gute Stück qualitätsvoll, marktfrisch und bestens in Ordnung ist, jedoch Herkunft oder Geschichte zweifelhaft? Fälschungen und Hehlerware werden vom Experten der Rechtsabteilung übergeben, entsprechende Fälle werden umgehend an die Kriminalpolizei weitergeleitet. Bei all dem Fachwissen, über das die Experten in ihren Gebieten verfügen, gehören dennoch weitere Gutachten von jeweiligen Spezialisten, zumeist aus dem Wissenschaftsbetrieb, nicht nur bei Zuschreibungsfragen, sondern auch bei Verdachtsmomenten zur Tagesordnung. Das Sicherheitsnetz ist in Zeiten des Internets um einiges engmaschiger geworden, und so durchlaufen die Lose unter anderem eine Prüfung des ALR, des international agierenden „Art Loss Register”, in dem sämtliche aus verschiedensten Gründen vermisste Kunstgegenstände verzeichnet werden. Auch Werke, die zwischen 1933 und 1945 in fremde Hände geraten sind, finden sich im ALR, doch der Umgang mit derlei Dingen erfordert weitaus mehr Sensibilität, als eine standardisierte Abwicklung über eine Datenbank leisten kann. Als einziges Auktionshaus im deutschsprachigen Raum unterhält das Dorotheum deshalb seit 2003 eine eigene Abteilung für Provenienzforschung mit zwei fest Angestellten. „Bei uns”, definiert Felicitas Kunth, die Leiterin der Abteilung, „wird vorrangig Provenienzforschung betrieben, die im Zusammenhang mit dem Holocaust steht, und hier grundsätzlich bei identifizierbaren Objekten, also Gemälden, Zeichnungen, Aquarellen oder andere Kunstgegenständen, die Unikate sind.” Druckgrafik, Porzellan oder andere vielfach hergestellte Objekte, die nicht durch eine spezielle Kennzeichnung einem bestimmten Eigentümer zugeschrieben werden können, sind kaum bearbeitbar. Neben der Überprüfung der einzelnen Objekte widmet sich die studierte Kunsthistorikerin, Historikerin und Juristin in Zusammenarbeit mit der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Wien der ausführlichen Schulung der Experten – worauf man achten müsse, um bereits im Vorfeld möglichst viel über die Werke in Erfahrung zu bringen, sei das Ziel dieser Seminare. Die Experten bekommen einen genauen Einblick in die Arbeit der Abteilung und schulen ihr Auge, etwa für Hinweise auf Rückseiten. |
 Neben der Begutachtung von Juwelen und Schmuck wird bei der Ausbildung ein besonderes Augenmerk auf Taschen- und Armbanduhren gelegt. Das Tätigkeitsfeld der Schätzmeister umfasst den Auktionsbereich ebenso wie den Belehnservice und den Juwelier. | Die internationalen Datenbanken werden ebenso zu Rate gezogen wie auch verschiedene interne Listen: beispielsweise jene der gesuchten Bilder, jene der Opfer, Täter und Kollaborateure – die sogenannte „Red Flag List” mit den Begriffen, bei deren Aufscheinen sämtliche Alarmglocken läuten sollten. Und wie verfährt die Abteilung nun mit Werken, bei deren Provenienz Zweifel angebracht sind? Freilich hat das Dorotheum kein Recht, die betreffenden Objekte sicherzustellen, zumal sie während der gesamten Bearbeitung dem Datenschutz unterliegen, doch die Bemühungen des Hauses gehen weit über die schiere Rückgabe des mit einem Makel behafteten Objektes an den aktuellen Eigentümer hinaus. Der Einbringer erhält eine genaue Dokumentation der bisherigen Forschungsergebnisse und das Angebot einer kostenfreien weiteren Recherche durch das Dorotheum oder der Vermittlung an die Anlaufstelle IKG. |
Selbstredend kann vom Haus lediglich eine Empfehlung ausgesprochen werden, sich mit der Sachlage auseinanderzusetzen. Ziel des Dorotheums sei es jedoch stets, so Kunth, die beiden Parteien an einen Tisch zu bringen. Jeder der Fälle, die man bisher hatte, ist anders gelöst worden. Das Dorotheum sieht sich hier als Vermittler, keineswegs als Richter. Die Verpflichtung eines Auktionshauses sei es allerdings, durch einen verantwortungsvollen Umgang mit jener Materie potenzielle Käufer zu schützen. |
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