DOROTHEUM. Die ersten 300 Jahre
Daniela Gregori, Cathrine Stukhard

Von Alten Meistern und Ziergegenständen

Das älteste Auktionshaus der Welt und größte im deutschen Sprachraum feiert seinen 300. Geburtstag. Bild und Text geben Einblicke in Geschichte und Gegenwart dieser Wiener Institution auf dem Weg in ihr viertes Jahrhundert.

Durch den 1901 eröffneten Neubau war erstmals genügend Platz vorhanden, um das Angebot vor den Auktionen angemessen zu präsentieren. Mit dem wachsenden Interesse der Kunden begann man alsbald, das Versteigerungsgut weiter zu klassifizieren. Die Kunstabteilung war die erste, die sich 1900 aus dem umfassenden Angebot löste.

Die klassischen wie beliebten Sammlergebiete Münzen, Briefmarken und Bücher ließen dann nicht mehr lange auf sich warten. Über all die Jahre und Jahrzehnte wurde differenziert, spezialisiert, vieles hinzugefügt und weniges wieder weggenommen. Von A wie Alte Meister, der Königsdisziplin, über O wie Oldtimer, dem jüngsten Zugang, bis zu Z wie Ziergegenstände macht die viel zitierte Vielfalt des Dorotheums im Auktionsbereich heute rund 40 verschiedene Sparten aus.


 

 

 
Silber, Manuskripte, Glas und Briefmarken
sind einige klassische Bereiche, insgesamt werden Objekte aus 40 Sparten angeboten.

 


Jenseits der Top-Lose findet sich so manches Stück, das zum Highlight der eigenen Sammlung wird. 

 


Alte Meister, Gemälde des 19. Jahrhunderts, Klassische Moderne und Zeitgenössische Kunst schlagen bei den Bildwerken eine Schneise durch den Wildwuchs der Kunst in ihrer historischen Entwicklung, während Meisterzeichnungen, Ikonen, Aquarelle und Miniaturen, Druckgrafik bis 1900 sowie Moderne Grafik und Fotografie weniger historischen denn produktionstechnischen Phänomenen verpflichtet sind und durch die Sparte „Rahmen” eine stets stimmige Begrenzung erhalten.

Skulpturen, Volkskunst, Möbel und Dekorative Kunst, Silber, Teppiche, diverse Uhren, Fayence, Glas und Porzellan sind ebenso dem Antiquitätenbereich zuzuordnen wie Jugendstil und Kunsthandwerk des 20. Jahrhunderts, Design, Historische wissenschaftliche Instrumente und Globen oder Kaiserhaus und Historische Objekte.

Während sich der Bereich Juwelen, Schmuck und Uhren ganz konkret über die Bezeichnung von selbst erklärt, erschließt sich bei dem Begriff Sammelobjekte eine Musterkollektion an spezialisierten Individuen, die heterogener nicht sein könnte: Nostalgiker und Numismatiker, Phonophile und Philatelisten, Kraftfahrzeuglenker und Oldtimerfahrer, Puppenmuttis und kühne Strategen, Comic-Freaks und Cineasten, Antiquariatskundige und Elektromechaniker.

In der Terminologie der Sparten klingt dies gewohnt seriös:  Autografen, Briefmarken, Bücher und Dekorative Grafik, Comics und Comic Art, Historische Rundfunk- und Tontechnik, Historische Wertpapiere und Papiergeld, Film- und Kinohistorika, Kraftfahrzeuge und technische Geräte, Historische Fahrzeuge und Automobilia, Münzen und Medaillen, Musikinstrumente, Orden und Auszeichnungen, Pelze, Plakate und Reklame, Blechspielzeug und Modelleisenbahnen, Puppen, Teddys und Spielzeug, Matador, Steinbaukästen, Historische Waffen, Uniformen und Militaria, Jagd-, Sport- und Sammlerwaffen – und zu guter Letzt im Alphabet die Ziergegenstände: kleine Kostbarkeiten und Kleinsilber.

Doch wer bedient sich in diesem Setzkasten der Spartenvielfalt immer nur eines Buchstabens, wer wäre so einsilbig, keine Wörter bilden zu wollen, sie zu Sätzen zu fügen, die vielleicht nicht nur von einer Leidenschaft erzählen, sondern von einem ganzen Leben? Sammlungen und Nachlässe spiegeln nicht nur die Interessen und Neigungen eines Menschen wider, für ein Auktionshaus bedeutet es stets Ehre und Glück, mit dem Auftrag des Verkaufes von derlei Zeugnissen betraut zu werden.

Neben einer Sammlung von 50 hochkarätigen Armband- und Taschenuhren fügte der Wiener Chirurg Heinrich Lill (1918–2004) in seiner Kollektion Werke aus allen Jahrhunderten, deren Gemeinsamkeit eine östereichische Provenienz war, zu einer ganz persönlichen Kunst- und Kulturgeschichte des Landes zusammen. Eine Sammlung solle den Sammler erfreuen und später nicht im Depot eines Mueums verstauben, war seine Ansicht, entsprechend wurde sie nach seinem Ableben wieder zerteilt und in alle Himmelsrichtungen verstreut.

Bei der Auktion 2005 war dieser vorbildhafte Gedanke schließlich 3,260.000 Euro wert, Einbringer war dem letzten Willen des Grandseigneurs zufolge der Verein zur Erhaltung des Wiener Stephansdomes. Ein Jahr zuvor hatte sich der weltbekanne Pianist Jörg Demus – wohl auch aus Platznot – von rund 100 Objekten seiner vornehmlich aus Möbeln, Tasteninstrumenten und Kachelöfen bestehenden Sammlung getrennt. Und die unterschiedlichsten Zimelien aus dem Nachlass des Fürsten Ladislaus Palffy (1867–1947) kamen 2005 zum Ausruf.

Blickt man zu den Anfängen dieser Tradition der Spezialauktionen, so finden sich jene Herrschaften in der besten Gesellschaft. Der Nachlass Bertha von Suttners (1843–1914), der österreichischen Friedensnobelpreisträgerin, wurde hier 1917 ebenso versteigert wie 1921 die gesamte Einrichtung des Schlosses Klessheim, einst im Besitz von Erzherzog Ludwig Viktor (1842–1919), oder ein nicht geringer Teil der Sammlung von Albert Figdor (1843–1927), einem der größten Privatsammler Europas.

Die Versteigerung des Nachlasses des Bankiers und Mäzens im Jahre 1930 wurde zum viel beachteten Auktionsereignis, von dem heute noch ein fünfbändiger Katalog Zeugnis ablegt. Zur gleichen Zeit wurde in Berlin der andere Teil der Sammlung versteigert – vermutlich war dies die erste Simultanauktion.


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Das Buch ist erhältlich im Christian Brandstätter Verlag
ISBN 978-3-85033-057-2  =>> hier bestellen