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Barockzeit

Zu den Charakteristika der bildenden Kunst der Barockzeit zählen die schönen Elfenbeinfiguren. Der Ausdruck „Barockfigur“ wurde deshalb zu einem Qualitätsbegriff bei Elfenbeinschnitzereien. Während die Künstler und Kunsthandwerker im Mittelalter in erster Linie im Auftrag des Klerus Kunstwerke für den Sakralbereich schufen, arbeiteten sie seit der Renaissance in zunehmendem Maße auch für Adelige und für Bürger, die durch rege Handelsbeziehungen vermögend geworden waren. Durch die Westindische und die Ostindische Kompanie gelangte seit dem 17. Jh. vermehrt Elfenbein nach Europa. Im Unterschied zur früheren Zeit, wo den Namen der Künstler wenig Bedeutung beigemessen wurde und diese deshalb auch nur selten überliefert sind, änderte sich das im 17./18. Jh. Man kennt die Namen Hunderter Bildhauer, die im Barock und im Spätbarock edles „Helffenbein“ für ihre Werke verwendeten. Manche von ihnen erlangten das Privileg, für einen Herrscherhof arbeiten zu dürfen, wie etwa der Hofelfenbein- und Bernsteinarbeiter Arbeiter) Wilhelm Krüger (1680-1756), der in Dresden für die Kunstkammer tätig war. Zu seinen Auftraggebern zählten Kurfürst Friedrich August von Sachsen, besser bekannt als August d. Starke, König von Polen, der 1715 dem Ansuchen Krügers um „Schutz und Hoffreiheit“ stattgab Hofbefreiter). Auch Friedrich August II., der nachfolgende Kurfürst, zählte zu den Bewunderern der Krügerschen Schnitzereien und von Zar Peter d. Gr. weiß man, dass er den Meister in dessen Werkstatt in Dresden aufgesucht hatte. (Bibl., K. v. WEBER, 1873, S. 345)

Es heißt, dass als Kontrast zu dem am Fürstenhof herrschenden Prunk geschnitzte Figuren von Bettlern und Krüppeln in zerrissener Kleidung beliebt waren. Krüger soll solche Typen und auch Handwerker überaus lebensnah und bis ins kleinste Detail aus Elfenbein gestaltet haben. Im Grünen Gewölbe in Dresden befindet sich eine Reihe von Elfenbeinfiguren, die der Tradition nach als eigenhändige Werke Krügers gelten. Besonders bekannt davon sind vier Bettler aus dem Besitz der Gräfin Königsmark, der Mätresse August d. Starken. Von diesen mit zerfetzter Gewandung dargestellten Gestalten haben zwei einen Stelzfuß, drei verwenden eine Krücke, und der vierte stützt sich auf einen Wanderstab, während er einen breit-krempigen Hut in almosenheischender Geste hält. Die Knöpfe der Kleidung der vier Figuren bestehen aus gefassten Diamanten und auch die aus vergoldetem Silber gefertigten und zum Teil emaillierten Sockel sind mit edlen Steinen verziert. Soweit bekannt, stammen von Krüger die Elfenbeinfiguren, nicht aber die Goldschmiedearbeiten; diese wurden der Überlieferung nach von J. H. Köhler hergestellt. (Bibl., J. L. SPONSEL, 1932, S. 96)

Im Besitz des Victoria & Albert Museums in London befinden sich zwei Drehleierspieler, die als eigenhändige Werke Krügers gelten und die in der Art gleich gestaltet sind wie jener, der auf dieser Abbildung zu sehen ist:
Drehleierspieler, Elfenbein, H. 13,5 cm Wilhelm Krüger (1680 bis 1756) zugeschrieben, dem Hofelfenbeinschnitzer August d. Starken, König von Polen
Drehleierspieler, Elfenbein, H. 13,5 cm Wilhelm Krüger (1680 bis 1756) zugeschrieben, dem Hofelfenbeinschnitzer August d. Starken, König von Polen

Sie tragen ähnliche Hüte, und aus ihren Taschen ragen ebenfalls die Köpfe von Hühnern. Einschließlich der zylindrischen Holzsockel sind die beiden in London ausgestellten Elfenbeinfiguren 13,5 bzw. 15 cm hoch. Pendants bilden zwei in Lumpen gehüllte Frauen mit Rosenkränzen. Nicht alle Barockbildhauer sind namentlich bekannt. Den Notnamen "Furienmeister" erhielt ein Künstler, dessen Werke zu den ausdrucksstärksten Objekten der Bildhauerei zählen. Plastiken, die diesem Meister der Schnitzkunst zugeschrieben werden, haben einen gehetzten Ausdruck, oft mit zum Schrei geöffnetem Mund, und vermitteln einen "von Furien gehetzten" Eindruck.
Furienreiter, dem sogenannten „Furienmeister“ zugeschriebene Figurengruppe aus Elfenbein, frühes 17. Jh., gesamte H. 42 cm, gesamte L. 46 cm, Sammlung Reiner Winkler
Furienreiter, dem sogenannten „Furienmeister“ zugeschriebene Figurengruppe aus Elfenbein, frühes 17. Jh., gesamte H. 42 cm, gesamte L. 46 cm, Sammlung Reiner Winkler

Detail des "Furienreiters". Typisch ist die Ausführung des Haares bei Reiter und Pferd. Es sind einzelne Haarsträhne ausgearbeitet, die schnurförmig aussehen
Detail des "Furienreiters". Typisch ist die Ausführung des Haares bei Reiter und Pferd. Es sind einzelne Haarsträhne ausgearbeitet, die schnurförmig aussehen
Inspiriert durch eine im Kunsthistorischen Museum in Wien befindliche Figur einer hageren Frau mit ausholenden Armbewegungen und weit aufgerissenem Mund, prägte Erich Neumann den Terminus "Furienmeister". Die typischen diesem Künstler zugeschriebenen Figuren sind zumeist hager und sehnig gestaltet, mit wenig hervortretenden Muskeln. Sie haben verhältnismäßig lange, sehr schlanke Gliedmaßen sowie große Hände und Füße. Das dichte Haupthaar besteht oft aus vielen einzelnen kurzen, sich ringelnden Haarsträhnen.

Neben dem Kunsthistorischen Museum und der Sammlung Reiner Winkler befinden sich Werke des Furienmeisters in Florenz im Palazzo Pitti. (Bibl., ASCHENGREN, 1967, S. 148), in der Skulpturengalerie der staatlichen Museen Berlin (Bibl., Chr. THEU-ERKAUFF, 1986, S. 121 ff.), in der Walters Art Gallery in Baltimore (Bibl., R. H. RANDALL Jr. & Chr. THEUERKAUFF, 1985, S. 264) und in anderen Sammlungen. In der Schatzkammer von Altötting befindet sich das sogenannte „Füllkreuz“, dessen stilistische Nähe zur Furienmeister-Werkstatt Rudolf Distelberger aufzeigte. Die Schnitzarbeiten des Furienmeisters werden in den Zeitraum vom 1. Viertel bis zum Ende des 17. Jh. datiert. Zu den beeindruckendsten Barockarbeiten zählen zwei von Johann Caspar Schenck (gest. 1673/74), dem „Hof-Painstecher“ Kaiser Leopolds I., stammende großformatige Elfenbeinreliefs, die im Besitz des Kunsthistorischen Museums in Wien sowie des Linzer Landesmuseums Francisco Carolinum sind und die Marter des hl. Sebastian darstellen. Typisch für Schenck sind vor allem die Physiognomien der beiden Pfeilschützen bei dem in Linz befindlichen 81 x 53 cm großen Elfenbeinrelief.
Marter des hl. Sebastian, 81 x 53 cm großes Relief, Johann Caspar Schenck (gest. 1673/74) zugeschrieben, oberösterreichisches Landesmuseum, Linz
Marter des hl. Sebastian, 81 x 53 cm großes Relief, Johann Caspar Schenck (gest. 1673/74) zugeschrieben, oberösterreichisches Landesmuseum, Linz

Detailansicht der Pfeilschützen des Sebastian-Reliefs von Abb. 38. Ihre Physiognomie ähnelt sehr stark dem Gefesselten auf der nächsten Abbildung:
Detailansicht der Pfeilschützen des Sebastian-Reliefs von Abb. 38. Ihre Physiognomie ähnelt sehr stark dem Gefesselten auf der nächsten Abbildung:

Gefesselter, H. 10,8 cm. Er ähnelt den Pfeilschützen auf obigen Abbildung, Sammlung des Fürsten von Liechtenstein
Gefesselter, H. 10,8 cm. Er ähnelt den Pfeilschützen auf obigen Abbildung, Sammlung des Fürsten von Liechtenstein
In der Sammlung des Fürsten von Liechtenstein befinden sich u. a. zwei Figuren, eine davon ist auf dieser Abbildung zu sehen, die zwar Rauchmiller zugeschrieben werden, sicher aber von der gleichen Hand stammen, da sie den beiden Bogenschützen der Sebastianmartyrien wie Geschwister ähneln.

Ebenso groß ist die Ähnlichkeit des Fahnenträgers bei dem im Kunsthistorischen Museum in Wien befindlichen 80 x 54 cm großen (1655 datierten) Sebastianrelief und dem bärtigen Soldaten, der auf dem im Besitz des Hessischen Landesmuseums in Darmstadt befindlichen Reliefs "Urteil des Salomo" dargestellt ist.

Urteil des Salomo, 21 x 15 cm großes Elfenbeinrelief, Johann Caspar Schenck (gest. 1673/74) zugeschrieben, Hessisches Landesmuseum, Darmstadt
Urteil des Salomo, 21 x 15 cm großes Elfenbeinrelief, Johann Caspar Schenck (gest. 1673/74) zugeschrieben, Hessisches Landesmuseum, Darmstadt
E. v. Philippovich hat akribisch und plausibel die Arbeiten Schencks dokumentiert, u. a. in dem Aufsatz „Hauptwerke des Elfenbeinkünstlers Johann Caspar Schenck“, und hat auch die erwähnten Objekte beschrieben und einander gegenübergestellt. Die Ansicht von Philippovich, die Arbeiten von Schenck betreffend, wird auch von anderen Kunsthistorikern vertreten, beispielsweise von V. Birke. (Bibl., V. BIRKE, 1981, Abb. 13-15)

Warum von einigen Kunsthistorikern der Notname „Meister der Sebastianmartyrien“ geprägt wurde, obwohl Schenck als Meister dieser Reliefs außer Zweifel steht, ist nicht bekannt. (Bibl., E. v. PHILIPPOVICH, 1973, S. 47-51) Wie gefährlich es zur Zeit des Barock noch war, erfolgreich zu sein, ist am Beispiel des bekannten Bildhauers Leonhard Kern (1588-1662) zu sehen. Während die Zeit-genossen Kerns durch Missernten und vor allem wegen des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) in eher ärmlichen Verhältnissen lebten, gelang es ihm, ein kleines Vermögen zu erwerben. Er beschäftigte in seiner Werkstatt einige gute Figuristen und war selbst häufig auf Reisen, „um viele Stücke aus Elfenbein, sonderbaren Steinen und gutem Holz an fremden Orten, bis nach Holland, mit gutem Nutzen zu verkaufen“, wie es sinngemäß im Totenbuch der Pfarrkirche St. Michael in Schwäbisch Hall heißt. Die finanziellen Mittel ermöglichten es dem Bildhauer, im Raum von Schwäbisch Hall einige Grundstücke und ein kleines Schloss zu erwerben. Von 1616–1639 wurde deshalb mehrmals gegen die Familie Kern wegen Hexerei ermittelt. U. a. bezeichnete eine gewisse Lukrezia Schüler die Familie Kern als „Unholde und zauberische Hexenleut“ und sagte, sie werde es in Kürze erleben, „dass deren Gebein zu Aschen verbrennt werde“. Dem Umstand, dass ein Bruder Leonhard Kerns Burgvogt in Neuenstein war, war es hauptsächlich zu verdanken, dass es nie zu einer echten Anklage kam. Da Elfenbein trotz des Aufschwunges des Handels in abgelegenen Gegenden noch immer schwierig zu beschaffen und das Material auch teuer war, kamen einige Schnitzer auf die Idee, aus Holz und Elfenbein bestehende Kombinationsfiguren herzustellen, um auch kleine Reste des wertvollen Materials optimal verarbeiten zu können.

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