Stücksuche:
Bitte mind. 2 Zeichen eingeben. Weitere Suchmöglichkeiten »

Frühmittelalter

Vom 8.–10. Jh. wurde die Kunst Westeuropas vornehmlich von der karolingischen und von der ottonischen Kunst geprägt. Die karolingische Kunst ist benannt nach Karl I., d. Gr. Die glanzvolle Hofhaltung Karls d. Gr., der im Jahr 800 von Papst Leo III. in Rom zum Herrscher des Heiligen Römischen Reiches gekrönt wurde, bot zahlreichen Künstlern Gelegenheit, ihr Talent zu entfalten. Der Kaiser setzte alles daran, das Erbe der Spätantike zu bewahren, d. h. in einer „renovatio“ machtpolitisch und kulturell an das spätrömisch-christliche Imperium anzuschließen, als Gegenpol zum byzantinischen Reich. Auch die Nachfolger des großen Frankenkaisers traten als Kunstmäzene in Erscheinung. Stilistisch orientierte sich die karolingische Kunst an spätantiken und frühchristlichen Vorbildern der westlichen Reichshälfte des ehemaligen römischen Imperiums sowie an der koptischen und der byzantinischen Kunst. Aller Wahrscheinlichkeit nach fanden aus dem byzantinischen Reich stammende Künstler, die wegen des Bilderstreites ihre Heimat verlassen hatten, in den Palastschulen der Karolinger ein neues Betätigungsfeld. Die Elfenbeinschnitzkunst des karolingischen Reiches wird im allgemeinen den drei Hof- oder Palastschulen entsprechend eingeteilt. (Bibl., H. FILLITZ, 1966, S. 20)

Für die in der Zeit Kaiser Karls d. Gr. vorwiegend in der Kaiserpfalz Aachen entstandenen Werke sind die Bezeichnungen „Palastschule Karl d. Gr.“, bzw. französisch „Style Charlemagne“ und mit Bezug auf die sogenannte Ada-Handschrift die Ausdrücke „Ada-Gruppe“ oder „Ada-Schule“ gebräuchlich. (Bibl., A. BOECKLER, 1965)

Als zeitlich gesichert gelten die um 800–810 in Aachen entstandenen und im Stil der großen Kaiserdiptychen aus fünf Elfenbeintafeln zusammengesetzten Einbandtafeln des Codex aureus von Lorsch. Die 37,7 x 27,5 cm große Tafel der Einbandvorderseite befindet sich im Museo Sacro der Vatikanischen Bibliothek in Rom. Man bezeichnet sie als „Christustafel“, weil auf dem Mittelstück Jesus Christus dargestellt ist, über Aspis, Basilisk, Löwen und Drachen triumphierend. (Bibl., H. SCHNITZLER, 1950)

Das Elfenbein der Einbandrückseite des Lorscher Evangeliars wird im Victoria & Albert Museum in London aufbewahrt. Sein Gesamtausmaß beträgt 38,1 x 26,7 cm, wobei auf der mittleren Tafel Maria mit dem Jesuskind auf dem Thron sitzend zu sehen ist. Besonders bekannt sind ferner die beiden 16,8 x 8,1 cm großen hoch-rechteckigen Elfenbeintafeln, die einst den Prachteinband des zwischen 783 und 795 entstandenen „Dagulfpsalters“ zierten, der auch als „Goldener Psalter“ Karls des Großen bezeichnet wird. Beide Tafeln befinden sich im Musée du Louvre in Paris. Jede der beiden Elfenbeintafeln weist zwei nahezu quadratische Felder mit separat gestalteten Motiven auf; die Umrahmungen bestehen aus geschnitztem Akanthus. Dargestellt sind auf der einen Tafel die Szene „Bonifatius übermittelt Hieronymus den Auftrag des Papstes Damasus, die Psalmen neu zu fassen“ und als zweites Motiv „Hieronymus mit den Schreibern“. In der Mitte der Akanthusleiste zwischen den beiden Bildern ist die Hand Gottes eingeschnitzt. Am oberen Abschnitt der zweiten Tafel ist David mit Schreibern dargestellt. Auf dem Feld darunter steht David mit der Harfe im Kreise von Musikanten und singt die Psalmen. In der Mitte der Zierleiste zwischen den beiden Szenen ist der Agnus Dei zu sehen. Die zweite Palastschule heißt „Metzer Gruppe“ oder „Metzer Schule“, benannt nach der lothringischen Stadt Metz, der Residenz des Bischofs Drogo, der ein Sohn Karls d. Gr. war. Stilistisch unterscheidet man bei dieser Palastschule durch zeitlich bedingte Stilelemente eine erste oder ältere und eine zweite oder jüngere Periode. (Bibl., R. MELZAK, 1983)

In den Metzer Werkstätten wurde besonderer Wert auf vegetabilen Dekor gelegt. Es entstanden die ersten durchbrochen geschnitzten karolingischen Elfenbeine. Sie wirken malerisch bewegt, wie die als Vorbild verwendeten illuminierten Handschriften. Die bei manchen Relieftafeln dieser Gruppe auffallenden kleinen Löcher dienten der Befestigung von schmückenden Goldplättchen. Der Stil der zweiten oder jüngeren Metzer Schule umfasst das 3. Viertel des 9. Jh. und den Beginn des 10. Jh. Drei dieser Metzer Handschriften gelangten mit den originalen Einbanddeckeln in die Nationalbibliothek in Paris. Bei den der jüngeren Metzer Gruppe angehörenden Elfenbeinen handelt es sich nicht nur um Einbandtafeln für kostbare Handschriften, sondern vor allem auch um Kästchen und andere für den liturgischen Gebrauch bestimmte Gegenstände. Das bekannteste Objekt davon ist der Kamm des hl. Heribert (H. 19,5 cm; B. 12,3 cm), der in der zweiten Hälfte des 9. Jh. in Metz hergestellt wurde und aus dem Kirchenschatz in das Schnütgen-Museum in Köln gelangte. Am Griffstück ist als Hochrelief die Kreuzigung Christi wiedergegeben, mit Maria und Johannes sowie Stephaton und Longinus. Oberhalb des Kreuz-Querbalkens sind zwei Rondelle zu sehen, mit büstenförmigen Darstellungen von Sol und Luna. Zwischen der Golgathaszene und zwei darüber befindlichen knienden Engeln sowie über den Engeln ist der Kamm in Form von Rankenwerk und Rosetten durchbrochen geschnitzt. Da Kämme im allgemeinen, dem Verwendungszweck entsprechend, kompakt ausgeführt sind, fällt dieses Exponat durch die Ajourschnitzerei besonders auf; Teile davon fehlen, ebenso wie der Abschluss einer Zinkenreihe. Die Rückseite des Kammes ist mit Akanthusranken verziert. (Bibl. H. APPUN, S. 141; Bibl., W. HEGE-MANN, 1988, Farbt. 15)

Ein liturgischer Kamm, der nicht zuletzt dadurch interessant ist, weil er Fälschern als Vorbild diente, befindet sich im Victoria & Albert Museum in London. P. Williamson datiert den Kamm in das dritte Viertel des 9. Jh. und gibt Metz als Provenienz an. (Bibl., P. WILLIAMSON, 1986, S. 72-73).
Früher wurde als Entstehungszeit das 10. Jh. angenommen und der Kamm als Ausläufer der Liuthard-Gruppe bezeichnet. (O. PELKA, 1923, Abb. 66)
Der hochrechteckig geformte Kamm hat oberhalb des verzierten Mittelstückes eine feine Zahnung und unterhalb davon breite Zähne. Beide Seiten des Kammes sind mit Einlagen verziert, die aus gefärbten runden Glasstückchen und nagelkopfförmigen bzw. dreieckigen Goldplättchen bestehen, deren Gesamtformation in den Umrissen an einen „Winkelmesser“ erinnert und die Umrahmung der geschnitzten Darstellung bildet. Im Mittelpunkt der Vorderansicht befindet sich ein ähnlich mit Akanthusranken ausgeführter Baum, dessen zweigeteiltes Laub links einen Bogenschützen und rechts einen Steinbock umschließt, dessen Hinterleib schlangenförmig gewunden endet. Auf der Rückseite werden die im Zentrum befindlichen Darstellungen ebenfalls von Einlagen umrahmt, die in der Form eines Winkelmessers angeordnet sind. Zum Unterschied von der szenischen Darstellung der Vorderseite besteht das halbkreisförmige Mittelstück aus einem durch Einlagen gebildetes florales Motiv mit eingeritzten Schlangen dazwischen. Bei der vormals in der Sammlung Spitzer befindlichen Kopie wurde der Akanthus der Vorderseite weniger sorgfältig ausgeführt. Weiters hat die „kappenartige Haarbehandlung“ des Originals bei dem Gegenstück eher das Aussehen eines Helms, und ferner weisen bei der Nachahmung die auf der Rückseite dargestellten Schlangen keine Schwanzenden auf. Ein wesentlicher Unterschied besteht ferner darin, dass bei der Kopie keine Goldplättchen eingelegt, sondern statt dessen kleine Kreise eingeritzt sind. Pelka weist darauf hin, dass die Fälschung nur als solche erkannt werden konnte, weil ein Vergleich mit dem Original möglich war. (O. PELKA, 1923, S. 377-378)

Von den aus Lothringen (Metz) stammenden Elfenbeinen besonders bekannt ist eine aus dem Zisterzienserstift Heiligenkreuz stammende und im Besitz des Kunsthistorischen Museums in Wien befindliche 20,5 x 12,5 cm große hochrechteckige Elfenbeinplatte, den hl. Gregor und drei Schreiber darstellend. Auf der Schulter Gregors ist der hl. Geist in Form einer Taube wiedergegeben.

Hl. Gregor mit Schreibern, karolingische Elfenbeintafel, 3. Drittel 9. Jh. n. Chr., H. 20,5 cm, B. 12,5 cm, Kunsthistorisches Museum, Wien
Hl. Gregor mit Schreibern, karolingische Elfenbeintafel, 3. Drittel 9. Jh. n. Chr., H. 20,5 cm, B. 12,5 cm, Kunsthistorisches Museum, Wien

Die dritte Hof- oder Palastschule ist nach Karl d. Kahlen benannt. (Bibl., H. FILLITZ, 1975). Während die Hofschule Karls d. Gr. in Aachen lokalisiert wird, reicht die Zuordnung der Handschriften und Schnitzarbeiten der Palastschule Karls d. Kahlen von Compiègne über Corbie und St. Denis bis Reims, nach dem jeweiligen Aufenthaltsort des Herrschers. Auffallend an den Elfenbeinschnitzereien der Palastschule Karls d. Kahlen ist die große Anzahl kleiner, zum Teil freigeschnittener und äußerst bewegt dargestellter Figuren. Für gewöhnlich sind mehrere Motive übereinander angeordnet und durch Stege miteinander verbunden. Diese Stege ähneln wellenkammförmig aneinandergereihten Erdschollen. Eingefasst werden die Darstellungen durch Umrahmungen mit geschnitztem Akanthus-Motiv. (Bibl., A. L. VANDERSALL, 1976)

Charakteristische Beispiele hierfür sind die Elfenbeintafeln des zwischen 842 und 869 entstandenen Psalters Karls d. Kahlen, dessen Einband, zum Unterschied von vielen anderen, immer noch mit dem dazugehörigen Codex verbunden ist (Bibliothèque Nationale, Paris). Als Vorbild für die 14 x 9 cm großen Tafeln, die in dem mit reicher Filigranarbeit und Schmucksteinen verzierten Einband des Psalters eingesetzt sind, dienten für die Schnitzarbeiten der Vorderseite Illustrationen der Psalmen 50 und 56 des Utrecht-Psalters und für die Rückseite Schilderungen einiger Verszeilen des 57. Psalms. Zur sogenannten Liuthard-Gruppe (genannt nach einem Schreiber der Hofschule Karls d. Kahlen) zählt das sogenannte Kreuzigungsrelief, das ursprünglich vermutlich zum Einband des Evangelienbuches Karls d. Kahlen gehörte, dann aber als Deckelplatte des Perikopenbuches Heinrichs II. verwendet wurde, das sich heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München befindet. Die um 860-870 datierte Arbeit besteht aus fünf Teilen, wobei die Ornamentstäbe rechts und links des Mittelstückes möglicherweise im 11. Jh., bei der Anbringung auf dem Perikopenbuch, hinzugefügt wurden. Bei dem als Mittelteil dienenden Kreuzigungsrelief, mit den Abmessungen 27,9 x 12,6 cm, handelt es sich um die größte Elfenbeintafel der Hofschule Karls d. Kahlen. Denselben Stil weisen auch die Elfenbeintafeln des Gebetbuches Karls d. Kahlen auf, die im Schweizerischen Landesmuseum in Zürich aufbewahrt werden. Die Darstellungen dieser beiden Tafeln sind Wiedergaben der Illustrationen der Psalmen 24 und 26 des Utrecht-Psalters. Der dazugehörige Schriftteil befindet sich in der Schatzkammer der Münchener Residenz. Da die zur Liuthard-Gruppe gezählen Elfenbeine eine starke Anlehnung an die für Ebbo von Reims gefertigten Illuminationen (Utrecht-Psalter) aufweisen, die 40 Jahre vor der Liuthard-Gruppe entstanden sind, meinen P. Lasko und D. Gaborit Chopin, dass die Elfenbeine auch schon zur Zeit Ludwigs d. Frommen geschnitzt worden sein könnten, später in den Besitz Karls d. Kahlen gelangten, der sie dann, ihrer Schönheit wegen, wiederverwenden ließ. Anderseits wird als Aufenthaltsort der Schnitzer der Hof des Erzbischofs Hinkmar von Reims in Erwägung gezogen. (Bibl., A. L. VANDERSALL, 1965)

Gleichfalls noch zum Frühmittelalter zählen die schönen, während der Frühromanik entstandenen Elfenbeinschnitzereien der ottonischen Kunst (919-1024) unter der Regierungszeit der Ottonen, der Könige und Kaiser der sächsischen Dynastie, und der ersten Salier. Von den Elfenbeinarbeiten dieser Zeit besonders bekannt sind die quadratischen sogenannten Magdeburger Tafeln, mit einer Seitenlänge von etwas mehr als 10 cm. Goldschmidt beschreibt 16 von ihnen und äußert die Ansicht, dass sie möglicherweise zu einem im Dom zu Magdeburg befindlichen Antependium gehörten, das wahrscheinlich Otto I. dem von ihm gegründeten Dom gestiftet hatte, und das bei einem der Dombrände (1008 oder 1049) bis auf die Elfenbeintafeln zerstört wurde. Heute weiß man, dass die Magdeburger Gruppe aus zumindest 18 Tafeln bestand, die möglicherweise zu einem Reliquiar gehörten. In Verbindung mit den Magdeburger Tafeln hat Goldschmidt sowohl Ähnlichkeiten mit der Reichenauer Schule festgestellt als auch stilistische Gleichartigkeiten mit Arbeiten, die vermutlich in Mailand entstanden. Bei der ottonischen Schnitzkunst ist oft eine Vernachlässigung des extrem plastischen naturalistischen Reliefstils erkennbar, wie er für die karolingischen Arbeiten kennzeichnend ist. Es bestand eine Neigung zu vereinfachter, sehr geradliniger Gestaltungsweise. Mehrmals wurde versucht, die ottonischen Elfenbeinarbeiten in Stilgruppen einzuteilen. Da es aber keine so großen Schnitzzentren gab, wie sie die Palastschulen der Karolinger darstellten und, die überlieferten Informationen spärlich blieben, wurden die Zuordnungen auf Vermutungen aufgebaut und widersprechen einander häufig. In Verbindung mit ottonischen Elfenbeinschnitzereien werden u. a. die Städte Bamberg, Köln, Lüttich und die Insel Reichenau angeführt. Eine spezielle Gruppe mit Sitz auf der Insel Reichenau festlegen zu wollen, ist aber problematisch, da für die gleichen Elfenbeinarbeiten bei-spielsweise auch Künstler aus Mailand in Erwägung gezogen werden. Unbestritten ist dagegen, dass sich die Elfenbeinschnitzer an Buchmalereien orientierten und besonders durch die Miniatoren der Reichenauer Schule beeinflusst wurden. (Bibl., K. KÜNSTLE, 1924; Bibl., R. DODWELL u. D. H. TURNER, 1965)

<<Byzantinische Zeit
Hochmittelalter>>


Aktuelle Objekte:

Michael von ... >

Michael Berger >



Aktuelle Objekte:

Hans-Jürgen ... >

Anton Ebert >