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Spätantike (frühes Christentum, alexandrinische Kunst)

In der Spätantike, das ist die letzte Epoche des Altertums, in der Zeit des Zerfalls des römischen Weltreichs (seit etwa Ende 3. Jh. bis zum Ende der weströmischen Kaiserzeit 476 n. Chr.), waren Elfenbeinschnitzereien besonders in der alexandrinischen Kunst gebräuchlich. Sie weisen zumeist hellenistisch-römischen Stil auf. Nachdem Alexander d. Gr. die persische Herrschaft in Ägypten beendet und 332 v. Chr. Alexandria gegründet hatte, stand Ägypten unter hellenistischem Einfluss. Speziell das Gebiet um Alexandria entwickelte sich zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum ersten Ranges. In Alexandria befand sich die umfangreichste Bibliothek des Altertums. Um die Sicherheit der Handelsschiffahrt zu gewährleisten, wurde auf der mit Alexandria durch einen Steindamm verbundenen ehemaligen Insel Pharus ein Leuchtturm gebaut (vollendet 279 v. Chr.), der so gewaltige Ausmaße hatte, dass er zu den sieben Weltwundern der Antike gezählt wird. Zentren der alexandrinischen Kunst waren bis in die Spätantike neben Alexandria vor allem auch Antiochia und Pergamon sowie die Inseln Kos und Rhodos. Bei den erhaltenen alexandrinischen Schnitzereien handelt es sich vornehmlich um Fragmente von aus Bein bestehenden Pyxiden (Bibl., W. F. VOLBACH, 1962) und um Elfenbeintäfelchen, die mit Reliefschnitzereien verziert sind, wobei hellenistische Motive vorherrschen. Beliebt waren neben dionysischen Darstellungen, wie Dionysos, Silen, Menaden, Panther, Weinlaub und Puttifiguren auch christliche Motive.

Mänaden (Menaden)und Panther, Fragmente alexandrinischer Bein- und
Elfenbeinschnitzereien, 5. Jh. n. Chr
Mänaden (Menaden)und Panther, Fragmente alexandrinischer Bein- und Elfenbeinschnitzereien, 5. Jh. n. Chr

Lange Zeit galt deshalb die nachstehend erwähnte Lipsanothek von Brescia als alexandrinische Arbeit. Schöne Exemplare alexandrinischer Elfenbeinschnitzereien sind u. a. in den Staatlichen Sammlungen Ägyptischer Kunst in der Residenz in München, im Musée du Louvre und in privaten Sammlungen zu finden, etwa in der Sammlung Kofler-Truninger, Luzern. In der letzterwähnten Sammlung befindet sich eine wenig bekannte Pyxiswandung mit der Darstellung des jugendlich und bartlos wiedergegebenen Jesus, der dem mit Leichentüchern umwickelten Lazarus ein Stabkreuz entgegenhält. Hinter Jesus steht ein Apostel, mit einem Buch in der linken Hand und die Rechte erhoben, um auf das Wunder der Wiederbelebung hinzuweisen. (Bibl., W. F. VOLBACH, 1964) Im Frühchristentum dienten dann aus Elfenbein geschnitzte Pyxiden auch zur Aufbewahrung von Hostien. Das bekannteste aus Elfenbein bestehende Objekt des frühen Christentums ist die um 370 n. Chr. In einer römischen Werkstatt hergestellte Lipsanothek von Brescia

 Lipsanothek von Brescia, röm., um 370 n. Chr, L. 32,7 cm, B. 22 cm, H. 25 cm, Museo Civico dell’Età Christiana, Brescia
Lipsanothek von Brescia, röm., um 370 n. Chr, L. 32,7 cm, B. 22 cm, H. 25 cm, Museo Civico dell’Età Christiana, Brescia

Bei dem aus Santa Giulia in Brescia stammenden Schrein handelt es sich um ein rechteckiges, aus einem Holzkern gefertigtes und mit beschnitzten Elfenbeinplatten verkleidetes Kästchen mit flachem Deckel (L. 32,7 cm, B. 22 cm, H. 25 cm). Die Themenkreise der geschnitzten Motive stammen aus dem Alten und dem Neuen Testament. Auf den beiden über die ganze Länge des Deckels reichenden Elfenbeintafeln findet man je zwei Ereignisse wiedergegeben, und zwar die „Gefangennahme Christi am Ölberg“ und die „Verleugnung durch Petrus“ auf der oberen Hälfte sowie „Jesus vor Kaiphas“ und „Die Handwaschung des Pilatus“ auf der zweiten Tafel. Typisch für solche frühe Darstellungen ist das bartlose auffallend jugendliche Antlitz Christi, das an Helden oder Götterbilder der Antike erinnert. Die auf den Relieftafeln wiedergegebenen Szenen weisen eine abgeschrägte Einrahmung auf. Teile der Szenerie, z. B. die Köpfe und Füße einiger Personen, das Podest, auf dem der Thronsessel des römischen Präfekten steht etc., ragen in diese Umrandung hinein. Die italienische Herkunft des Reliquiars wird kaum mehr angezweifelt; früher wurde sowohl Alexandria als auch Antiochia als Provenienz in Betracht gezogen. Heute befindet sich die Lipsanothek im Museo Civico dell’Età Christiana in Brescia. (Bibl., J.KOLLWITZ, 1933; Bibl., R. DEL-BRUECK, 1942; Bibl., J.KOLLWITZ, 1956, S. 144 ff.)

Immer mehr an Bedeutung gewann schließlich Konstantinopel, die Hauptstadt des oströmischen Reiches. Auf das Vorhandensein zweier Hauptstädte nimmt u. a. ein im Besitz des Kunsthistorischen Museums in Wien befindliches Diptychon Bezug, auf dem Rom und Konstantinopel als Frauenfiguren personifiziert sind.

Tafel eines Konsulardiptychons mit der Stadtgöttin Roma, der Behüterin von Rom.

Tafel eines Konsulardiptychons mit der Stadtgöttin Constantinopolis,der Behüterin von Konstantinopel


Solche Diptychen sind charakteristische bildnerische Arbeiten der Spätantike. Sie zeugen von dem großen Können der spätrömischen, byzantinischen und frühchristlichen Elfenbeinschnitzer. Der Ausdruck Diptychon kommt aus dem Griechischen und bedeutet „doppelt zusammengefaltet“. Bezeichnet werden damit zwei mit Schnüren bzw. Riemchen, in späterer Zeit mit Scharnieren verbundene hochrechteckige Täfelchen (aus Elfenbein), die ursprünglich als Schriftträger dienten. Ihre Außenflächen sind zumeist reich beschnitzt und die einander zugekehrten Innenseiten zur Aufnahme einer Wachsschichte ausgenommen. In die Wachsflächen konnten mit einem Griffel Schriftzeichen eingetieft werden. Dem für die Herstellung von Diptychen typischen Material entsprechend, nannte man die Schreibtäfelchen „libri elephantini“ (Elfenbeinbücher). Früher oder später rissen meist die Verbindungsschnüre der beiden Tafeln, weshalb zusammengehörige Diptychonhälften selten zu finden sind. Als Sonderform wurden große sogenannte Kaiserdiptychen hergestellt, bei denen beide Diptychonflügel jeweils aus fünf Elfenbeintäfelchen zusammengesetzt sind. (Im Stile der Kaiserdiptychen wurden in späterer Zeit auch die großen Einbandtafeln für sakrale Bucheinbände gestaltet.) Das einzige erhaltene fast komplette Exemplar eines Kaiserdiptychons ist das durch zahlreiche Abbildungen bekannte sogenannte „Barberini-Elfenbein“, das in die erste Hälfte des 6. Jh. n. Chr. Datiert wird und aus Konstantinopel stammt. Benannt ist die 34,2 x 26,6 cm große Tafel nach einem Kardinal namens Barberini, der sie im 17. Jh. von dem in Aix wohnhaften Gelehrten Claude Fabri de Peiresc als Präsent erhalten hatte. Für die Forschung von großem Interesse sind die Konsulardiptychen, die sich, im Gegensatz zu den sonst anonymen Elfenbeinarbeiten jener Zeit, genau datieren lassen, wenn der Name des Konsuls eingeschnitzt ist. (Bibl., G. EGGER, 1968, S. 45-76)

Für das römische Reich wurden jährlich zwei Konsuln gewählt, die anlässlich ihres Amtsantrittes an Freunde und hochgestellte Persönlichkeiten solche Schreibtafeln verschenkten, deren Außenseiten oft überreich beschnitzt waren. Es sind 44 Tafeln von Konsulardiptychen erhalten, die Datierungen zwischen 406–540 n. Chr. aufweisen und es ermöglichen, die Gestaltungsweise der konstantinopolitanischen und römischen Elfenbeinarbeiten zu vergleichen. 34 Tafeln konnten 18 verschiedenen Konsuln zugeordnet werden, bei den restlichen zehn Tafeln sind die Auftraggeber nicht zu eruieren. Während die bekannten aus dem 5. Jh. erhaltenen Konsulardiptychen auf römische Konsuln zurückgehen, kann bei fast allen Exemplaren des 6. Jh. Konstantinopel als Provenienz angenommen werden. Bei dem frühesten der erhaltenen Konsulardiptychen handelt es sich um das im Domschatz von Aosta aufbewahrte Probus-Diptychon, das 406 n. Chr. datiert ist. Das letzte der bewahrten Exemplare gab Konsul Justinus im Jahr 540 n. Chr. in Auftrag. (Bibl., R. DELBRUECK, 1929).

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