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Die wichtigsten Vorkommen in Europa

Flussperlen hat es aus allen europäischen Vorkommen von Margaritifera (M.) margaritifera (L., 1758) gegeben. In Großbritannien kam die Muschel ursprünglich in Cornwall und entlang der Westküste von Wales, Cumberland und der Insel Man vor, auch an der schottischen Westküste bis zur Insel Lewis. An der Ostküste konzentrierten die Vorkommen sich auf Yorkshire, Schottland und die Shetland-Inseln, in Irland auf Nordirland.

Abb. 5: Das größte zusammenhängende mitteleuropäische Gebiet, in
dem die Flussperlmuschel vorkommt, umfasst die Grenzregionen von
Sachsen, Bayern, Tschechien und Österreich.
(Karte: Klaus Kühner, HüttenWerke, Hamburg, 2001)
Abb. 5: Das größte zusammenhängende mitteleuropäische Gebiet, in dem die Flussperlmuschel vorkommt, umfasst die Grenzregionen von Sachsen, Bayern, Tschechien und Österreich. (Karte: Klaus Kühner, HüttenWerke, Hamburg, 2001)
Das 20. Jahrhundert brachte einen drastischen Rückgang sämtlicher Populationen, und heute sind nur noch etwa 10 bis 20 Prozent der ursprünglichen Gewässer besiedelt. Seit 1998 ist die Flussperlmuschel vollkommen geschützt.

Die ersten englischen Flussperlen werden bereits von Plinius und Tacitus beschrieben, die aber beide keine große Begeisterung erkennen lassen. Suetonius, der Sekretär von Kaiser Hadrian, schreibt in seiner Geschichte der römischen Kaiser, dass die britischen Perlen seinerzeit den »göttlichen Julius zum Englandfeldzug bewogen hatten«.

In den nachfolgenden Jahrhunderten ging die Verwendung der Perlen kaum über die lokale Bedeutung heraus, und nur einzelne feine Exemplare fanden ihren Weg nach London. Die schottischen Perlen standen seit dem 12. Jahrhundert an erster Stelle, ihre Blütezeit begann in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und erlebte ihren Höhepunkt nach 1860. Der Perlenboom dauerte etwa zwanzig Jahre und kam vor dem 1. Weltkrieg zum Stillstand.

Die Perlen kamen vor allem aus Invernesshire, Aberdeenshire und Perthshire, wo die Flüsse Tay und Earn sich als reichhaltig erwiesen. Nur das Einzugsgebiet des Tay hat heute noch eine gewisse Bedeutung. Der schottische Juwelier Cairncross in Perth verarbeitet immer noch feine Einzelperlen zu Schmuckstücken mit naturalistischen Motiven. Im Besitz der Firma befindet sich auch die größte schottische Perle, die 11.5 mm groß ist und den Namen »Little Willie « erhalten hat. In Skandinavien hat die Flussperlmuschel in den letzten fünfzig Jahren ebenfalls Reduzierungen von über 50 Prozent erlebt, die Vorkommen in Dänemark sind erloschen.

In Schweden gibt es noch etwa 8 Millionen Muscheln und in Finnland sind es noch etwa 3 Millionen, die über mehrere hundert Bäche verteilt auftreten. Flussperlen spielen heute keine Rolle mehr, aber im 19. Jahrhundert lieferte Finnland wahrscheinlich einen nicht unbedeutenden Anteil der russischen Perlen. In Russland hat es in den vergangenen Jahrhunderten die reichhaltigsten Perlenfunde gegeben. Perlstickereien wurden um 1800 zu einer in ganz Russland verbreiteten Mode, die Festtagsgewänder, Kokoschniki und Ohrschmuck umfasste.

Die sakrale Goldschmiedekunst griff noch früher auf Perlen zurück, und einzigartige Exemplare sind heute in der Rüstkammer des Kreml in Moskau und in den Museen von St. Petersburg und Nowgorod und anderen Städten zu sehen. Die Flussperlmuschel kam bis vor einigen Jahren in fast allen Gewässern Nord- und Nordwestrusslands bis zu den baltischen Staaten hin vor. Von den gleich noch zu erwähnenden Ausnahmen abgesehen, sind alle Bestände durch den rücksichtslosen Umgang mit der Natur verschwunden.

In Karelien gibt es im Keret noch etwa 6 Millionen Muscheln, und der Varzuga-Fluss auf der Kola-Halbinsel stellt mit über 100 Millionen Muscheln die einzige große, intakte Population dar, die in Europa übrig geblieben ist. Perlen werden in Russland heute so gut wie nicht mehr gefischt. Die Vorkommen in Mitteleuropa konzentrieren sich auf Gebiete, die von der Vereisung nicht betroffen waren und das Pleistozän überdauern konnten. Sie zogen sich ursprünglich von westlich des Rheins bis zur Donau im deutsch-österreichischtschechischen Grenzgebiet hin (Abb. 5 oben).

Im Westen gibt es in Frankreich heute nur noch etwa 100 000 Flussperlmuscheln, die sich größtenteils auf das Massif Central verteilen, nur wenige sind in der Bretagne und in den Pyrenäen zu finden. In den Vogesen, wo die Vologne und ihre Nebenflüsse seit Ende des 17. Jahrhunderts für ihre Flussperlen berühmt gewesen sind, gibt es keine Flussperlmuschel mehr. In Belgien sind geringe Vorkommen noch in den Ardennen, in Luxemburg noch in der Mosel und ihren Zuflüssen zu finden. In Deutschland sind die Vorkommen in der Eifel, im Hunsrück, im Bergischen Land, im Westerwald, Odenwald, Spessart, Vogelsberg und der Rhön so gut wie ausgestorben.

Abb. 6: Die Kette aus bayerischen Flussperlen, die
wahrscheinlich aus dem Regen stammen, stellt ein
einzigartiges Sammlerexemplar dar. (Foto: M.Steinbiß)
Abb. 6: Die Kette aus bayerischen Flussperlen, die wahrscheinlich aus dem Regen stammen, stellt ein einzigartiges Sammlerexemplar dar. (Foto: M.Steinbiß)
In Bayern konzentrierte die Muschel sich ursprünglich auf drei Gebiete, von denen heute der Bayerische Wald und Oberfranken noch eine Bedeutung haben, in der Oberpfalz gibt es keine Perlmuscheln mehr.

Im Bayerischen Wald ist das Gebiet der linken Donauzuflüsse zwischen Regensburg und Passau zu nennen, die Einzugsgebiete des Regen und der Ilz im ehemaligen Fürstbistum Passau haben besonders reiche Erträge geliefert (Abb. 6 links).

In Oberfranken liegen die Vorkommen im Fichtelgebirge zwischen der oberen Saale im Norden und dem Weißen Main und der Eger im Süden. Sie setzen sich jenseits der Grenze nach Tschechien fort. Die bayerischen Perlen haben eine lange Tradition, da sie ursprünglich in mehr als hundert Flüssen und Bächen gefunden wurden. Die erste urkundliche Erwähnung aus dem Bayerischen Wald erfolgt 1437 und das älteste Perlendekret stammt aus dem Jahr 1619.

Dann folgt ein durch den Dreißigjährigen Krieg bedingter Stillstand, aber 1637 verfasst der spätere kurfürstliche Leibarzt Malachias Geiger seine »Margaritologia«, die sich mit der medizinischen Verwendung bayerischer Flussperlen beschäftigt. Der Aufschwung der Perlen aus dem Fichtelgebirge begann erst 1729, die Blütezeit war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zwischen 1814 und 1857 wurden in Bayern insgesamt 158 880 Perlen gefischt. Der letzte offizielle Verkauf von 2585 Perlen aus ganz Bayern, die sich zwischen 1926 und 1952 bei der Bayerischen Staatsbank angesammelt hatten, erfolgte am 1.12.1953 durch das Forstministerium in München. Nur acht Perlen erreichten damals einen Preis von DM 400 bis 500.

Die Vorkommen im sächsischen Vogtland gehören zum gleichen Einzugsgebiet wie die bayerischen Perlen, sie konzentrierten sich auf das Gebiet der Weißen Elster, das die in früheren Jahrhunderten so berühmten Elsterperlen geliefert hat. Die Geschichte der sächsischen Perlenfischerei beginnt im 16. Jahrhundert und hält bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts an.

Zwischen 1719 und 1879 wurden insgesamt 22.732 Perlen gefunden, im Grünen Gewölbe in Dresden liegt eine Kette aus Elsterperlen, die Berühmtheit erlangt hat, sie geht auf das Jahr 1734 zurück. Um 1850 begründete ein gewisser Moritz Schmirler aus der sächsischen Perlenfischer- Dynastie gleichen Namens die Perlmuttindustrie in Adorf. Sie bedeutete einen Aufschwung für die Gegend und kam erst nach dem 1. Weltkrieg zum Stillstand.

1914 gab es noch tausend Arbeiter und jährlich wurden mehrere hunderttausend Schalen verarbeitet, die zu den ersten, nicht wieder gutzumachenden Verlusten führten. 1995 waren nur noch drei Restbestände mit insgesamt 1700 Muscheln übrig geblieben. Die tschechischen Vorkommen liegen entlang den östlichen Abhängen des Böhmerwaldes, sie stellen genauso wie die österreichischen Vorkommen im Mühlviertel eine Fortsetzung des mitteleuropäischen Gebietes dar.

In den letzten Jahren wurde ein umfangreiches Schutzprogramm entwickelt, das sich auf das Dreiländereck Bayern, Sachsen und Tschechien konzentriert und – bezogen auf Bayern und Tschechien – den größten geschlossenen Perlmuschelbestand in Mitteleuropa mit mehr als hunderttausend Muscheln umfasst. Zum tschechischen Rettungsprogramm gehört die Zuchtanstalt in Blanice, der seither in Europa eine Pionierfunktion zukommt, da ihr die künstliche Infizierung von Wirtsfischen und die überwachte Aufzucht von Jungmuscheln in Versuchsgräben zuerst gelungen ist.

Im oberösterreichischen Mühlviertel gibt es vor allem im Bereich der Waldaist noch etwa 30.000 Muscheln. 1997 wurde das umfangreiche Flussperlmuschelprogramm FLUP ins Leben gerufen. Tieflandvorkommen stellen Ausnahmen dar. Das letzte europäische Tieflandvorkommen ist heute in der Lüneburger Heide im Bundesland Niedersachsen anzutreffen, die Vorkommen an der oberen Elbe und oberen Oder im heutigen Polen sind erloschen. Den Heideperlen kommt in der sakralen Kunst des späten Mittelalters eine wichtige Position zu, als die neu aufgekommene Kunst der Perlstickerei in den Heideklöstern eine besonders gelungene Ausbildung erfährt.

Nach der Reformation ging das Perlregal an die Landesherren, die es zunächst mit Strenge handhabten, aber nach der Personalunion des Hauses Hannover mit der englischen Krone zu vernachlässigen begannen. Das 19. und vor allem das 20. Jahrhundert besiegelten den Untergang, der mit der rücksichtslosen Zerstörung der Natur einherging. Ausgehend von der Initiative des Hannoveraner Arztes Dr. Wolf-Dieter Bischoff wurden in den achtziger Jahren umfangreiche Schutzkonzepte erarbeitet, die heute vom Niedersächsischen Landesamt für Ökologie geleitet werden und der letzten Muschelpopulation mit etwa 2000 Exemplaren im Einzugsgebiet der Lachte nördlich von Celle gelten (Abb. 7 unten).

Abb. 7: Brosche aus Privatbesitz mit vier
makellosen, runden Heideperlen. 
(Foto: Elisabeth Strack)
Abb. 7: Brosche aus Privatbesitz mit vier makellosen, runden Heideperlen. (Foto: Elisabeth Strack)
Die europäischen Flussperlen gehören heute mehr oder weniger der Vergangenheit an, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Es wird kaum damit zu rechnen sein, dass die europäische Flussperlmuschel jemals für die Zucht von Perlen eingesetzt wird, wenn auch immer wieder in diese Richtung gehende Wunschvorstellungen zu hören sind.

Abgesehen von der Bedrohung der Muschelbestände, sprechen vor allem die langsamen Wachstumszeiten gegen die erfolgreiche Perlzucht.

Für das Wachstum einer Perle von 4 mm wird mit einer Wachstumszeit von 20 bis 25 Jahren gerechnet, für Perlen von 6–7 mm mit 40 bis 50 Jahren. Die einzigen nachvollziehbaren Experimente hat es in den zwanziger bis fünfziger Jahren im österreichischen Innviertel gegeben, und sie sind gescheitert.

Heute ist die Konkurrenz der modernen Zuchtperlen aus Japan, China, Australien, Indonesien, den Philippinen, Französisch Polynesien, Mexiko und anderen Ländern, für deren Zucht oft weniger als zwei Jahre erforderlich sind, zu groß, um der europäischen Flussperlmuschel überhaupt eine Chance einzuräumen.


Elisabeth Strack / Gemmologisches Institut Hamburg
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