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GRAILLON, Pierre-Adrien
Geb. am 19. 9. 1807/1809; gest. am 14. 12. 1872. Er war vielseitig tätig, und zwar als Elfenbeinschnitzer, Bildhauer und Maler. Als Halbwaise unterstützte er seine Mutter bereits als Kind, indem er Kreide selbst schürfte, Kreidestücke daraus formte und an Geschäfte verkaufte. Er hatte bereits sehr früh bildnerische Ambitionen und machte mit Kreideabfällen die ersten Gestaltungsversuche. Das Material bot aber wenig Möglichkeit, sein Talent unter Beweis zu stellen, und niemand nahm deshalb Notiz davon.
Die Armut durchkreuzte vorerst sein hochgestecktes Ziel, Bildhauer zu werden. Eine sich ihm bietende Gelegenheit nutzend, trat er deshalb bei einem Schuster die Lehre an. 1829 heirateten Graillon und Pauline-Madelaine-Adélaïde Lebas. Den Lebensunterhalt verdiente er weiterhin als Schuster, widmete sonst aber jede freie Minute bildnerischen Aktivitäten. Er war ständig auf der Suche nach Motiven, die er zumeist im Hafen fand und sofort skizzierte oder später aus dem Gedächtnis in Ton formte. 1831 besuchte er die Zeichenschule in Dieppe und nahm auch privat Zeichenunterricht. Obwohl Graillon keine einschlägige Lehre absolviert hatte, wurde seine kunsthandwerkliche Fertigkeit bald so groß, dass er in einer Fabrik für Waren aus Alabaster Beschäftigung fand.
Die ihm nach der Schließung dieses Betriebes drohende Arbeitslosigkeit wurde durch Jacques-Nicolas Blard abgewendet, der ihm 1833 das Angebot machte, ihn in seinem Betrieb als Elfenbeinschnitzer anzulernen. Graillon erwies sich als sehr begabt, und sein Lohn wurde in kurzer Zeit von 2,– auf 5,– Francs pro Tag hinaufgesetzt. Die nach Modellen anzufertigenden Objekte konnten aber seinem schon fast an Besessenheit grenzenden Streben, sich zu vervollkommnen, bald nicht mehr genügen, und er verließ den Blardschen Betrieb im Jahr 1836. Ein Stipendium der Stadt Dieppe ermöglichte es ihm, 1837–1839 die Ausbildung in Paris bei David d’ Angers fortzusetzen. Bei einem Aufenthalt in Dieppe fertigte David d’Angers von Graillon ein Profilporträt an, das in das Musée de Dieppe gelangte.
1849 präsentierte Graillon einige Werke im Salon von Paris. 1853 zeichnete ihn Napoleon III. mit dem Kreuz der Ehrenlegion aus. Sein 1855 bei der Weltausstellung in Paris präsentiertes Werk „Die Kartenspieler“ wurde vom Staat erworben. Wie erwähnt, hielt P.-A. Graillon die am Hafen oder in Kneipen auf ihn einströmenden Eindrücke mit dem Zeichenstift fest. Charakteristisch für die Arbeiten des Künstlers ist eine auf das Wesentliche reduzierte Gestaltungsweise. Viele seiner Skizzen, keramischen Objekte und Schnitzereien befinden sich im Musée de Dieppe.
Auch von seinen Elfenbeinarbeiten gelangten einige in das Museum seiner Heimatstadt, und zwar: ein aus einem Pottwalzahn sehr markant herausgearbeiteter Kopf eines Mannes mit Mütze und nur angedeutetem Oberkörper; (Bibl., G. J. MALGRAS, 1974, S. 32) ferner ein Rondell mit dem Brustbild einer „Polletaise“ (Bewohnerin des Diepper Stadtteiles Pollet) beim Schnupfen von Tabak. Das Relief weist die Signatur Graillons und die Datierung 1850 auf.
Weiters finden wir eine hochrechteckige Tafel aus Walbein, auf der als Hochrelief eine alte Frau mit einem kleinen Kessel dargestellt ist. Für den Künstler besonders typisch ist ein Reliefbild, bestehend aus einer hochrechteckigen Tafel mit einer als Hochrelief geschnitzten Gestaltung eines gebeugten alten Mannes mit eingeknickten Knien, der sich auf einen Stock stützt und dessen Gesicht von der Krempe eines hohen, zylinderförmigen Hutes überschattet wird. Das Werk ist mit „Graillon“ bezeichnet und „1854“ datiert.
In der gleichen Sammlung befindet sich ein hochrechteckiges Bild, für das ein Stück Hohlung als Material dient. Es zählt zu den wenigen Elfenbeinreliefs, die in die innere, d. h. in die konkave Krümmung des Zahnsegmentes geschnitzt sind. Als Hochrelief dargestellt ist eine Bettlergruppe an einem Waldrand. (Bibl., A. MILET, 1906, S. 40, 42, 43 und 53). Ähnliche Personengruppen in Form dunkel gebeizter Holzreliefs befinden sich gleichfalls im Musée de Dieppe. Auch bei diesen Schnitzarbeiten sind Männer wiedergegeben, die dem Typ des beschriebenen Alten mit hohem Hut entsprechen. Manche der Dargestellten tragen auch Phrygische Mützen.
Nicht bei Milet abgebildet sind drei Neuerwerbungen des Museums, bei denen jeweils ein Mann zu sehen ist, der durch Hut und Haltung an den vorab beschriebenen Alten erinnert. Es handelt sich dabei um zwei jeweils vollplastisch aus einem Zahnsegmet geschnitzte Gruppen, wobei die Rundung des Stoßzahnes durch die Anordnung der Figuren und bei dem Sockelstück erkennbar ist, sowie um ein Hochrelief. Alle drei Motive sind stark abstrahiert, d. h. nicht ins Detail gehend angelegt. Sie wirken, verglichen mit üblichen Elfenbeinschnitzereien (selbst mit anderen Arbeiten des Künstlers), wie halbfertig. Das Motiv dieses alten Mannes mit hohem Hut ist auch als Holzfigur ausgeführt und weist die Jahreszahl 1840 auf.
Auch unter den im Musée de Dieppe ausgestellten vollrund modellierten Gruppen aus gebranntem Ton sind Figuren zu finden, die dem Alten mit dem zylinderförmigen Hut stark ähneln; manche davon sind von Graillon signiert und datiert. Anlässlich des Besuches von Napoleon III. in Dieppe (1853) wurde P.-A. Graillon ausersehen, eine Statuette des Herrschers in Elfenbein zu schnitzen. Der Kaiser war über das Werk Graillons so erfreut, dass er ihn, wie bereits erwähnt, durch die Verleihung des Kreuzes der Ehrenlegion auszeichnete.
Der Grund, warum Graillon es erst spät schaffte, als Künstler Anerkennung zu finden, basiert u. a. auf dem Umstand, dass er mit seiner reduzierten Gestaltungsweise seiner Zeit voraus war. Speziell bei Figuren war man früher an ebenmäßige, bis ins Kleinste ausgeführte, zumeist idealisierte Darstellungen gewöhnt. P.-A. Graillon gehörte zu den ersten Künstlern, die sich von der ins Detail gehenden harmonischen Ausgewogenheit distanzierten. Nicht die Schönheit war es, die ihn faszinierte, sondern die facettenreichen Möglichkeiten, interessante, von Armut und Alter gezeichnete Menschen wiederzugeben. Seine ausdrucksstarken, zumeist kantig und grob modellierten Arbeiten irritierten.
Graillon schnitzte auch in Elfenbein auf die gleiche derbe Art, wie er in Ton modellierte. In schonungsloser Offenheit präsentierte er die Schattenseiten des Lebens, in einer ähnlichen Weise, die später z. B. den Maler Toulouse Lautrec (1864–1901) berühmt machte. Mit Ausnahme seiner beiden Söhne hatte Graillon keine Schüler. Seine Arbeiten dienten aber anderen Bildhauern als Vorbilder, u. a. Gigoux, Baldisseroni und Mélicourt-Lefebvre. Die letzten sieben Jahre seines Lebens war Graillon teilweise gelähmt. (LAMI, Dict. des Sculpt. frçs. 19 me sièc. III. Paris 1919).
Im Musée de Dieppe ist eine Elfenbeinkreation ausgestellt (siehe unter Brunel), in der zwei Bronze-Medaillen eingesetzt sind, die einige Diepper Schnitzer anlässlich der „Exposition Romaine“ (Rom-Ausstellung) verliehen bekamen. Unter den auf Spruchbändern angeführten Namen der Künstler, denen diese Ehrung zuteil wurde, befinden sich auch die Namen Graillons und seiner beiden Söhne.
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