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Leipzig Almanach
Rezension Juni 2004:
http://www.leipzig-almanach.de/
P. W. Hartmann:
Kunstlexikon
BeyArs, St. Gilgen/Salzburg 1996
1663 Seiten, ca. 10.000 Stichwörter
Von A bis Zypresse
P. W. Hartmanns Kunstlexikon ist eine Ausnahmeerscheinung unter den
Lexika
Wie sieht es aus, das typische Kunstlexikon? Inhalt? Bedeutende
Künstler, Epochen, Stilrichtungen, Techniken und Materialien samt Definitionen,
würde man meinen. Bilder? Ja, bestimmt. Anspruch: Hoch. Unterhaltungswert? Eher
niedrig. Leser? Bildungsbürger und Kunsthistoriker. Ausnahme: P. W. Hartmanns
Kunstlexikon.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ebendieser Ausnahme kann man
durchaus Anspruch und inhaltliche Vielfalt attestieren. Die Leser dürften ob des
wirklich umfangreichen Informationsangebots höchst erfreut sein - Bildungsbürger
ebenso wie Kunsthistoriker. Bedeutende Künstler, Epochen, Stilrichtungen,
Techniken und Materialien werden ausführlich benannt, definiert und auf
wissenschaftlich korrekte, jedoch auch dem Laien verständlicher Weise erklärt.
Würde man bei Lexika von Pflicht und Kür sprechen, wäre somit die Pflicht
erfüllt - ein Nachschlagewerk ist das Kunstlexikon, alphabetisch
geordnet, zur Kunst und ihrer Geschichte. Was will man mehr? Die Kür will man,
denn P. W. Hartmann schafft mit seinen kompetenten Mitarbeitern (unter anderem
Diamanteure, Restauratoren, Hochschuldozenten und Forscher) etwas, das kaum
einem anderen Lexikon gelingt: Unterhaltung.
Ein Beispiel: Man hört das Lied ‚My secret europe' von
Phantom/Ghost im Radio (dass dieses Lied leider sehr selten im Radio
gespielt wird, steht auf einem anderen Blatt) und fragt sich, wer mit ‚Lady
Godiva' gemeint ist, die im Text vorkommt. Angenommen, man käme auf die Idee, im
Kunstlexikon nachzuschlagen, würde man fündig. "Godiva, Lady, engl.
Sagengestalt des 11. Jh., Gemahlin des Grafen Leofric von Mercia. Der Graf hatte
versprochen, die seinen Untertanen auferlegte drückende Steuerlast zu mindern,
wenn die um Vermittlung bemühte G. zur Mittagszeit völlig nackt durch Coventry
reiten würde. Wider Erwarten erklärte sich die Gräfin dazu bereit. Die Bürger
der Stadt verehrten ihre Herrin sehr, niemand hielt sich deswegen an dem
besagten Tag auf der Straße auf, und alle Türen und Fenster der Häuser waren
fest verschlossen. Nur ein Schneider konnte seine Neugierde nicht beherrschen
und spähte durch einen Spalt ins Freie. Er wurde von der überirdischen Schönheit
G.s geblendet und verlor sein Augenlicht, weshalb man ihn fortan ‚Peeping Tom'
nannte. Das Thema ist auf zahlreichen engl. Bildern dargestellt." Unter dem
selben Stichwort hätte man natürlich auch nachschlagen können, wenn einem zum
Beispiel Salvador Dalís Bild ‚Lady Godiva' aufgefallen wäre und man sich gefragt
hätte, was es mit der gemalten Schönen auf sich hat.
Und so sind bei Hartmann mythologische und biblische Gestalten und
Geschichten ebenso verzeichnet wie die Geschichte der Briefmarke; nicht nur als
Leipziger dürfte es einen freuen, den Goldenen Schnitt endlich in einem Satz
erklären zu können ("Die Teilung einer Strecke in zwei ungleiche Abschnitte in
der Weise, dass das Verhältnis des größeren zum kleineren Abschnitt dem der
ganzen Strecke zum größeren Abschnitt entspricht. [...]"), und dass mit
‚Mannsdose' früher die Schnupftabakdose, mit ‚Weibsdose' aber die Bonbonnière
bezeichnet wurde, ist nicht nur kunsthistorisch aufschlussreich. Im Eintrag über
‚Kunst' wird Eugen Roth zitiert ("Ein Mensch hält an dem Grundsatz fest, dass
über Kunst sich streiten lässt. Er widersteht den Avantgarden und ihren
wortgewandten Barden. [...]"), und was es mit Demokrit und Heraklit auf sich
hat, wird ebenfalls erklärt. Kurz: Viele kleine Geschichten, die - nicht nur -
in der Kunst ihren Niederschlag finden, werden erläutert. Etymologisches
("Tusche, von franz. toucher, "leicht berühren [...]") findet seinen Platz neben
den üblichen Lexikonbegriffen wie ‚Klassizismus' oder ‚Op Art', kuriose Einträge
wie ‚Gretchen in der Küche' und ‚Hansel im Keller' stehen neben ‚Griechische
Kunst' und
‚Hansekanne'.
Auffällig: Der Eintrag für ‚Olympische Spiele' (fast zwei Spalten) ist länger
als der für ‚Ölmalerei' (eine Spalte); das aber ist typisch für Hartmanns
Kunstlexikon. Das, was man in jedem zweiten Ausstellungskatalog und in so
manchem art-Magazin nachlesen kann, wird zwar behandelt; ausführlicher aber
gehen die Autoren ein auf das, was man als Kunstkonsument sonst nicht erfährt.
Die Attribute und Symbole, die über mehrere Seiten hinweg aufgelistet werden,
sind besonders interessant: Hier liest man zum Beispiel, dass das Sieb das
Attribut der heiligen Amalberga ist und die Lampe ein Symbol für Leben und
Wachsamkeit.
Dass außer dem ansprechenden Umschlagfoto keine Bilder verwendet wurden, ist ein
wenig schade. Dass Picasso und van Gogh nicht im Lexikon verzeichnet sind,
verwundert, lässt sich aber verschmerzen; dafür lernt man einiges über Simon
Troger, einen auf Kombinationsfiguren aus Elfenbein und Holz spezialisierten
Bildhauer; wie wichtig derlei Einträge sind, zeigt sich, wenn man die
Suchmaschine Google in dieser Sache befragt: Über 700.000 Ergebnisse für
Pablo Picasso, nicht einmal 100 aber für Simon Troger - der in seinem Metier
jedoch ebenso Meilensteine setzte.
Nun ist aber P. W. Hartmanns Werk kein Buch, dass man nur gelegentlich nach dem
arte-Themenabend durchblättert, um sich ein wenig Fachwissen für die
Nacht im Elfenbeinturm oder das nächste Kolloquium an der Universität
anzueignen. Ein praktischer Test zeigt dies: Wer am 20. Juni 2004 die
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung aufgeschlagen und bis zum
‚Kunstmarkt' durchgeblättert hat, stieß auf einen kleinen Artikel namens Die
Vase der Pompadour. Es ging darin um eine Seladon-Deckelvase mit
Goldbronze-Fassung, die die Marquise de Pompadour einem Minister am Hofe Ludwigs
XV. geschenkt hatte. Zog man in diesem Fall das Kunstlexikon zu Rate, fand man
ausführliche Einträge zu den Stichwörtern ‚Vase', ‚Pompadour', ‚Seladon'
‚Goldbronze', ‚Fassung' und ‚Louis-quinze' - der Artikel füllte sich mit Leben.
Zwischen ‚A' und ‚Zypresse' finden sich etwa 10.000 Einträge, oft versehen mit
Angaben zu weiterführender Literatur, auf 1663 Seiten. Besonderer Service: P. W.
Hartmanns Kunstlexikon steht im Internet zur kostenlosen Nutzung bereit.
Dass dort der Eintrag ‚Zypresse' fehlt und trotz alphabetischer Ordnung ‚Zwölf
kleine Propheten' vor ‚Zwölfjähriger Jesus im Tempel' steht - in der Buchausgabe
wurde es richtig gemacht -, stört den Stöbergenuss kaum. Denn wo findet man
sonst schon ein so untypisches und daher umso schöneres Kunstlexikon?
(Friederike Haupt)
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Link auf
das große Kunstlexikon
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