Elisabeth von Samsonow orphische oszillogramme Zu einem Projekt von Julia Logothetis Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder man bestimmt das Menschsein von innen, indem man Humanismus zur großen Eins kürt, mit der sich alles andere zählen und messen lassen muss, oder - und das ist der Weg des esoterischen antiken Griechenland - man definiert (umgrenzt) es von außen, was nur möglich ist, wenn man mit seinen engsten Nachbarn, Freunden und Feinden die Lager wechselt. Dieser Weg nach außen ist das Curriculum der Zaunreiterinnen, der Hagazussae, die den bestellten Garten und gleichzeitig die Wildnis sehen, der Hexen der neolithischen Revolution, die den Verkehr zwischen den beiden Zentren regeln. Die Herstellung der Kultur - das wissen am ehesten die Heroinnen und Heroen, die sich als Mütter und Väter verstehen - ist eine höchst komplizierte Operation, die die Kenntnis und Beobachtung ihrer Bedrohung in ihren Fortschritt integrieren muss. Orpheus, einer dieser Helden, wurde, wie Artemis, als Führer der Tiere berühmt, als einer, der seine Würde dadurch zu bekräftigen weiß, dass er die Stimme des Fremden versteht, dass er also nicht nur ein Interpret der Fremden ist, ein Dolmetsch, sondern auch ein Xenokrat, einer, der für die Gleichen das Fremde meistert. Nach seiner Leier heulen die Wölfe, drehen sich die Raben und die Kühe artig im Hypnose- Menuett, regen sich aber auch im Menschen die älteren Gefühle, die, die nicht die geeigneten Namen haben. Nicht umsonst haben die Sirenen - Sängerinnen, die zum gleichen xenokratischen Clan gehören - diese merkwürdigen Hühnerfüße zu den schönen Frauenleibern. Ihre Figur drückt ikonographisch das Projekt noch etwas deutlicher aus, als es der schöne Orpheus tut. Die Sirenen befinden sich noch im rein psychoökonomischen Rahmen, sie operieren vortechnisch, als Performance-Künstlerinnen, deren Körper ihr Kapital ist: vogelseits anerkanntes Hineinzwitschern ins Innerste des menschlichen Ohrs. Orpheus hingegen gehört bereits der Generation der männlichen, gerätemäßig gerisseneren Heroen an, wie das an seiner Erfindung des ihn charakterisierenden Musikinstruments deutlich wird. Orpheus singt ZUR Leier, erfindet die Selbstbegleitung, eine Art archaisch-kybernetischer Tätigkeit, die den schrillen Gesang der Sirenen eben in buchstäblich instrumenteller Hinsicht übertrifft. So wird Orpheus auch der Kulturvater der Stimmen-Imitatoren, also derjenigen, die etwas erfinden, das dann so wirkt wie dasjenige, das sie nachahmen. In dieser Hinsicht ist er auch bestimmt der Erfinder der nach ihm benannten orphischen Malerei oder des Orphismus. Mitten durch die Figur des Orpheus verlaufen jene Linien, die ihn als mit Musik gekreuzte Malerei und mit Malerei gekreuzte Musik wieder verlassen. Er ist ein doppelter Imitator, der Simulant der nervberührenden Gesänge und der Erfinder einer invertierbaren Imitationsmöglichkeit, die sich wie von selbst aus dem Abstand zwischen dem Gegenstand der Nachahmung und der Nachahmung selbst ergibt. Die Nachahmer, das muss man nun staunend zur Kenntnis nehmen, sind gar nicht die Stumpfsinnigen, die Nachbeter, die Unoriginellen, sondern solche, die den Weg zum Anderen kennen, die überhaupt ihre Imitationen als strategische Operationen aus dem Anderen heraus anlegen. Imitieren heißt, das Andere von innen her machen. Daraus ergeben sich für ein orphisches Projekt folgende Aufgaben: es muss alles sein, was der lebendige Mensch nicht ist, alles, womit er in existenzieller Beziehung steht. Julia Logothetis (re)konstruiert einen Todesraum, einen Jagdraum und einen Eros-Raum, durch die sich das Thema des Anderen zieht: Durchgang durch den Tod als Läuterung des Lebens, Durchgang durch die Jagd als das Ineinanderfallen von Jäger und Gejagtem, Opfer und Täter, Durchgang durch Eros als eine Form der schönen Auslieferung an den Anderen. Julia Logothetis inszeniert eine Suite von Räumen, einen discours (Durchgang) als Vervielfältigung, als Polyphonisierung der Einstimmungsmöglichkeiten, und wählt - das mag für den zeitgenössischen Betrachter eine überraschende Option sein - die Malerei als geeignetes Mittel. In riesigen, von farbigen Linien überzogenen Formaten definiert sie das Oszillationsniveau der unterschiedlichen Imitationslabore: jede Linie als reine Intensität, präzise Schrillstärke. Darin ist die Malerei anderen medialen Dispositiven überlegen: sie hat die kurze Distanz zum Einstimmungspol, sie gehört zum inneren Kreis der Medien, sie ist allein schon durch ihr Alter wahr wie eine Heiligengeschichte. Jede Linie ein Körper, ein Lebewesen, ein vollständiger Zustand. Dazu gibt es einen „Schattengang", in dem die Besucher sich in dieselben verwandeln sollen: die schöne Legende von der Erfindung der Malerei aus der Schattenkontur wird hier zitiert, aber auch ältere Schattenmythen, wie die erzgriechische Behauptung, dass der Schatten die Seele sei, die lose am Körper hängt und nach dem Tode in das nach ihm benannte Reich wandere. Bekanntlich hat Orpheus einen Gang durch dieses Reich gemacht, um Eurydike ins Leben zurückzuführen. Dieser heldenhafte Gang zeigt an, dass Orpheus als der große Imitator, der große Heterotechniker oder Künstler des Anderen sogar das Schattenwesen seinem Operationsfeld einverleibt hat, d. h., dass er den Schatten als Körpersimulation entdeckt, die mit Recht ein eigenes Riesenreich fordert. Die Entkoppelung des Körpers von seinem Schatten lässt den Schatten als zu gestaltende Größe frei, als Kontrast, als Projektion, als projiziertes Bild, als Dia, als Film, als Bildschirm füllendes Phantom. Erst wenn diese Entkoppelung - die Wiederverkoppelung ist nicht die Stärke des Orpheus, wie man an dem Misslingen der Entführung der Eurydike aus der Unterwelt sieht - geübt und gelungen ist, kann die Vervielfältigung stattfinden, kann Eines die Vielen werden. Dem Tod, der Jagd und dem Eros wird die Vielheit zugerechnet, jene rätselhafte Größe, die die Philosophen überanstrengt und unter deren Titel der Teufel bei der Versuchung Jesu in der Wüste auftritt: ich bin die Vielen. Die Vielen wirken verflüssigend auf den Einen, er fürchtet sich ebenso vor ihnen, wie er sich in ihnen rettet. Der griechische Chor bezieht aus seinem Wesen, Stimme der Vielen zu sein, seine Autorität. Aber wenn Orpheus singt, dann zieht er die Vielen zu sich, die sich danach sehnen, in seiner Sonosphäre zu wohnen. Julia Logothetis' flirrende Linien bilden die wiedergewonnene Notation dieser verschollenen Musik. |