|
|
BONZANIGO, Giuseppe Maria
Geb. 1740/45; gest. 1820 in Turin,
wo der Künstler den Großteil seines Lebens verbrachte. Als Geburtsort findet man zumeist Asti angegeben, bisweilen auch Bellinzona. (Bibl., E. BÉNÉZIT, 1976, Bd. 2, S. 169) Überliefert ist, dass Bonzanigo aus einer Familie von Orgelbauern schweizerisch-lombardischer Herkunft stammte.
Er stellte vor allem aufwendige (zum Teil intarsierte) Möbel und Einrichtungsgegenstände her, beispielsweise einen im Palazzo Reale in Turin ausgestellten geschnitzten und vergoldeten Feuerschirm. Zu seinen Arbeiten zählt auch der zirka 1780 entstandene hohe, schmale Bücherschrank mit eingebautem Sekretär, der im Jagdschloss Stupinigi bei Turin ausgestellt ist. Der weiße Schrank hat hellblaue Füllungen, die mit gleichfalls in Weiß gehaltenen zarten silhouettierten Schnitzarbeiten verziert sind. (Bibl., A. GRISERI, 1989, S. 74).
Für bildhauerischen Werke verwendete der Künstler Elfenbein und andere Materialien nur in geringem Maße; seine Arbeiten bestehen vornehmlich aus Holz. Die Dekorformen Bonzanigos sind typisch klassizistisch (Urnen, antikisch gekleidete Frauen, Lyraformen, gekreuzte Fanfaren und andere Musikinstrumente, die bisweilen als Trophäen bezeichnet werden).
Ungewöhnlich ist, dass Bonzanigo auch für Mikroarbeiten oft Holz und nicht Elfenbein verwendete. Er gestaltete beispielsweise in überaus feiner Manier sehr plastisch wirkende Blumenarrangements aus Holz, mit denen er aus Elfenbein geschnitzte Porträts und als Reliefs gestaltete allegorische Motive verzierte. |
 Elfenbeinrelief, umrahmt von in Mikrotechnik gestaltetem Kranz aus Obstholz, Ø des Rondells 6,5 cm | Typisch dafür ist das in dem dunkelbraunen Kunstkammerrahmen auf dem Bild links eingesetzte aus Obstholz bestehende kranzförmige Blumenarrangement als Umrahmung eines Elfenbeinreliefs. Das in der Mitte befindliche Relief besteht aus einem geschnitzten Wiesengrund, auf dem eine nach links gewendete Frauengestalt steht. Sie ist in antikischem Stil gekleidet und hält einen Lebensbaumzweig in der erhobenen Rechten, während sie mit ihrer linken Hand auf einen Gedenkstein weist, auf den ein geflügelter Putto das Wort „RÉCONNAISSANCE“ (Dankbarkeit, Anerkennung) schreibt. |
Hinter dem Stein und neben der Frau befindet sich je ein stilisierter Lebensbaum, als Symbol der Unsterblichkeit. Ein in der Mitte dargestellter Storch hat gleichfalls sinnbildhafte Bedeutung; er galt im Mittelalter als „Seelenträger“. In Mikroarbeit ausgeführt sind auch die vier an den Ecken des quadratischen Rahmens in kleinen verglasten Medaillons eingesetzten Blumensträußchen aus Holz.
So klein geschnitzte Blüten wurden nur noch von Tanadei, einem Schüler Bonzanigos, und von den in England gemeinsam tätigen Kleinbildhauern Stephany & Dresch gestaltet, wobei die Letztgenannten vornehmlich auf winzige Rosen spezialisiert waren. Ein auf der Rückseite des dunkelbraunen Kunstkammerrahmens aufgeklebter alter Werkstattzettel, mit dem Aufdruck „Joseph Marie Bonzanigo rue d`Arcole no. 9“, bringt zur Kenntnis, dass Bonzanigo auch in Paris tätig war.
1787 wurde der 1773 erstmals für den Königshof tätige Künstler offiziell zum Bildhauer seiner Majestät ernannt. (In Turin residierte der König von Sardinien.) Im Museo Civico in Turin werden silhouettierte Elfenbeinreliefs der Motive „Frau mit Schleier“ und „Madonna mit Jesuskind und dem Johannisknaben“ aufbewahrt, deren als Zierde dienende in Mikrotechnik aus Holz gefertigte Blumengirlanden dem Blütenkranz auf dem Bild oben sehr ähnlich sind.
Beide Werke gelten als eigenhändige Arbeiten Bonzanigos. (Bibl., L. MALLÉ, 1969, Abb. 229 u. 230).
Ein vom Künstler hergestelltes elfenbeinernes Porträtrelief aus dem Jahr 1811, Kaiserin Marie Luise nach rechts gewendet darstellend, gelangte in das Musée du Louvre, Paris. Das Abbild der Monarchin wird von Emblemen und allegorischen Figuren umrahmt, die zum Teil aus Holz geschnitzt sind. (Bibl., E. MOLINIER, 1896, Nr. 242). |
In einer Privatsammlung befindet sich eine winzige aus Elfenbein geschnitzte Darstellung des Sujets „Herkules und Omphale“, das der Überlieferung nach 1775/80 von Bonzanigo geschnitzt wurde und das in der künstlerischen Auffassung dem auf dem Bild rechts dargestellten Motiv „Nymphe und Pan“ entspricht.
In der Skulpturengalerie Berlin, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, wird ein kleines Relief mit einer Frauenfigur aufbewahrt, von Theuerkauff als Luna – Fortuna? bezeichnet. (Chr. THEU-ERKAUFF, 1986, S. 322–323). Auch diese Schnitzarbeit ist in ähnlicher Art gestaltet.
Im British Museum in London (Hull Grundy Collection) ist ein goldener Fingerring ausgestellt, in dessen hochrechteckiger Ringplatte eine aus Buchsbaumholz geschnitzte Mikroarbeit eingesetzt ist. Das Motiv besteht aus einem Wiesengrund mit Baum und einem geflügelten Amorknaben, der einen Hund streichelt. An einem dürren Ast hängt der Pfeilköcher des kleinen Liebesgottes. |  Nymphe und Pan, Elfenbein auf Obstholz, in Goldfassung aus späterer Zeit, Bonzanigo, um 1775/80, Rahmen H. 3 cm, B. 2,5 cm. |
Im Katalog der Hull Grundy Sammlung wird darauf hingewiesen, dass derartige aus Buchsbaum und Birnenholz gefertigte Objekte zu den Werken Bonzanigos zählen. Wie aus den Punzen zu ersehen, wurde die Mikroarbeit in der Zeit zwischen 1774 und 1781 in Rennes/Frankreich gefasst.
In der gleichen Sammlung befinden sich auch ein Paar Ohrgehänge mit sehr ähnlichen Schnitzereien aus Holz. Dargestellt ist ein Putto mit zwei Vögeln und einem Hund sowie ein Putto mit einem Schaf. (Bibl., H. TAIT u. a., 1984, Nr. 226 u. 227) 1812 waren etliche Werke des Künstlers bei einer Ausstellung in Turin anlässlich des Namenstages Napoleons I. zu sehen. (Bibl., N. GALIANI, 1920)
|
|
|