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HESS, Paul Johann

Geboren 1743/1744 in Bamberg (als jüngerer Bruder von Sebastian Hess); gestorben in Wien, durch Ertrinken in der Donau. Als Todesjahr wird zumeist 1798 angegeben.

Wie M. X. Duquenne unter Nennung des Jahres 1767 berichtet, waren die Brüder Hess nachweisbar für den Hof des Statthalters in Brüssel tätig. In ihrem Atelier in Brüssel wurde u. a. C. Haager in der Mikroschnitzkunst ausgebildet. Paul Johann Hess ehelichte während dieser Zeit eine Brüsselerin.

Überliefert ist, dass sein Bruder Sebastian nach einem sieben Jahre währenden Aufenthalt (spätestens 1773) nach Wien zog. In einem undatierten Schreiben fragt Sebastian an, ob Paul Johann nach Wien zurückkehren könne, woraus hervorgeht, dass der jüngere Hess länger in Belgien verweilte und, dass sich die Künstler bereits früher in Wien aufgehalten hatten. (Bibl., L. de REN, 1987 S. 71, Anm. 62) Es ist nicht bekannt, wann Paul Johann wieder nach Wien kam. Der ältere Hess war jedenfalls bereits 1773 in Wien, da er der Überlieferung nach in den Jahren von 1773 bis 1775 die drei in der „Maria-Theresien-Brosche“ gefassten winzigen Landschaftsbilder geschnitzt hat.

Die Arbeitsweise der Brüder Paul Johann und Sebastian Hess ist sehr ähnlich, unterscheidet sich aber durch die Ausführung der Zweige kleinformatiger Bäume. Während bei den von Paul Johann stammenden Bäumen die Äste durch Aufstechen kleiner Elfenbeinspäne mittels eines Hohlstichels dreidimensional und buschig wirken, faszinieren die Äste der von Sebastian Hess stammenden Bäume insbesondere dadurch, dass sie nur winzige Bruchteile eines Millimeters voneinander entfernt sind, was die Herstellung besonders schwierig macht (weil das geringste „Verkanten“ des Schneidwerkzeuges, in einer Art Domino-Effekt, zum Bruch aller Nachbarzweige führen würde). Die im Gesamtformat kleinste bekannte Mikroschnitzerei aus dem Atelier der Brüder Hess stammt von Paul Johann.

Mikroschnitzerei unter Bergkristall, Anhänger, Gold und Diamanten. Bild ohne Fassung 1,4 x 1,2 cm
Mikroschnitzerei unter Bergkristall, Anhänger, Gold und Diamanten. Bild ohne Fassung 1,4 x 1,2 cm
Es handelt sich dabei um den auf der linken Seite abgebildeten Anhänger mit dem gefassten Frau-am-Brunnen-Motiv.

Wenn man das Kleinod nicht in natura gesehen hat, fällt es schwer zu glauben, dass dieses winzige Landschaftsbild wirklich existiert. Es ist absolut rätselhaft, wie es mit den einfachen Werkzeugen gelang, solch kleinteilige Darstellungen aus dem harten Stoßzahnmaterial zu gestalten.

Die Darstellung einer am Dorfbrunnen Wasser holenden Frau bildet auch das Motiv von zwei gleich gefassten goldenen Fingerringen (Verlobungsringen), die Maria Theresia dem Niederländer Jan Ingenhousz schenkte, der nach dem Tod Gerard van Swietens ihr Leibarzt war. Beide Mikroarbeiten stammen wahrscheinlich gleichfalls von Paul Johann Hess. (Bibl., WELTKUNST-VORSCHAU, 1985, Abb. S. 2752).

Der Überlieferung nach erhielt der Arzt auch das als „Maria-Theresien-Brosche“ bezeichnete Kleinod von der Herrscherin als Geschenk, siehe unter Sebastian Hess. Wie geschätzt Ingenhousz war, ist u. a. daran zu ersehen, dass seiner Witwe laut Hofzahlamtsrechnungen vom Kaiserhof in Wien eine Pension zuerkannt wurde. Zum Unterschied von Sebastian Hess, von dem es einige mit „S. HESS“ bezeichnete Mikroschnitzereien gibt, kennt man nur ein einziges Werk, das im Stil des Paul Johann ausgeführt und mit „HESS“ signiert ist:

Als Brosche gefasst und geschützt durch Bergkristall sind acht Menschen, ein Hund und zwei Schafe sowie Bäume und Strauchwerk vor einem in antikem Stil gestalteten Bauwerk zu sehen.

Eine der Personen zeigt mit ausgestrecktem Arm auf den höchsten Punkt des Gebäudes, wo ein Aufsatz mit den ausgeschnittenen Buchstaben „ L N“ zu sehen ist; möglicherweise handelt es sich dabei um die Initialen des Auftraggebers.

Meusel, der die beiden Hess persönlich kannte, bezeichnete den Jüngeren als einen Virtuosen der Mikroschnitzkunst, als ganz eigenes Genie und Enthusiasten für die Kunst, der in der Öffentlichkeit aber, im Gegensatz zu seinem Bruder, kaum in Erscheinung trete. Paul Johann konnte man mehr im Atelier als in Gesellschaft antreffen, und er war es auch vor allem, der Klammer und Haager ausgebildet hatte. Meusel
Mikroschnitzerei unter Bergkristall, eingesetzt in Goldbrosche. Bild ohne Fassung 3,2 x 2,7 cm
Mikroschnitzerei unter Bergkristall, eingesetzt in Goldbrosche. Bild ohne Fassung 3,2 x 2,7 cm

schrieb weiters über die Brüder Hess, denen er oft stundenlang mit Verwunderung zugesehen hatte: „Der eigentliche Gegenstand ihrer Kunst bestehet in Elfenbein, worin hauptsächlich der Jüngere Stücke von unbegreiflichem Fleiß (mit dem Ausdruck wurde früher auch Kleinheit bezeichnet) und Feinheit lieferte … er arbeitete damals (1780) an einem Dosendeckel für die Kaiserin von Russland, der eine ländliche Gegend mit Bäumen, Bauernhaus und einer Aussicht aufs Wasser vorstellte, wo man Menschen, Vieh und alles so vortrefflich ordinirt und ausgearbeitet sahe, dass hier das unbegreiflich kleinste, dem Großen in der Kunst nichts nachgiebt.“ (Bibl., J. G. MEUSEL, 1782, S. 41).

Die im Auftrag der Zarin Katharina d. Gr. als Einlage für einen Dosendeckel konzipierte 3,7 x 3 cm große hochovale Schnitzarbeit wurde für diesen Zweck offensichtlich als zu wertvoll erachtet und statt dessen in einer 4,1 x 3,3 cm großen goldenen Schließe für eine siebenreihige Halskette gefasst. Bei der Mikroschnitzerei handelt es sich um das Motiv des Kirschenpflückers, das etwas variiert auch von Klammer übernommen wurde. Dargestellt ist ein auf einer Leiter stehender Mann mit Hut, der einer neben dem Baum stehenden Frau Kirschen in die aufgehaltene Schürze wirft. Rechts im Bild befindet sich eine Hütte mit einigen Leuten davor. Links von dem Baum grasen Ziegen, und dahinter ist ein Gewässer zu sehen, an dessen gegenüberliegendem Ufer einige Menschen mit Angelruten stehen. Heute befindet sich das Kleinod in der Eremitage von St. Petersburg. Zu den Exponaten der Eremitage zählt weiters eine in einem gegossenen Messingrahmen eingesetzte querovale Mikroarbeit, bei der es sich ohne Zweifel gleichfalls um ein Werk der Brüder Paul Johann und Sebastian Hess handelt.

<<HAGEN, Van der (Hagar, Hager)
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