Gor Chahal (RU)

©Texte: Johannes Rauchenberger/Alois Kölbl

Gor Chahal, Stages (Trisvyatoe), Video (DVD), 2005, Courtesy the Artist.

In der Moskauer Off-Szene der 80er Jahre hat der russische Künstler Gor Chahal sein künstlerisches Profil entwickelt.  Sehr bald begann er sich auch für die verschütteten spirituellen Traditionen seiner Heimat und der orthodoxen Tradition zu interessieren und sie künstlerisch zu verarbeiten.

In singulärer und nicht nur für westliche RezipientInnen überraschender Weise verbinden sich in seinem Werk seitdem moderne Flash-Animationen mit der orthodoxen Bildtradition. Es erscheinen menschliche Körper in pulsierendem Licht, Gold, Feuer und Gottes rotierende Hände. Chahals künstlerische Themen der letzten Jahre sind Verwandlung, Transformation, Verklärung, Vergeistigung, Gnade.

Die geistigen Gesprächspartner des Künstlers sind die großen Bildtheologen des Ostens: Dionysius Areopagita (Anf. 6. Jh.), Theodor von Studion (9. Jh.) oder Gregorios Palamas (Anf. 14. Jh.), der Begründer des Palamismus, der das Licht in das Zentrum theologischen Denkens stellte. Durch Palamas erhielt auch der auf der Theologie Johannes Hesychastes gründende Hesychasmus seine volle Ausprägung. Seine Anhänger versuchen durch Gebets- Meditations- und Atempraktiken Anteil zu erhalten an den „göttlichen Energien“ und das sogenannte Taborlicht zu schauen. Für seine Arbeit „Stages“ ließ sich Gor Chahal von dieser Tradition inspirieren: In konzentrischen Kreisen bewegen sich die Gottesnamen des Trishagions (Heiliger Gott, Heiliger Starker Gott, Heiliger Unsterblicher Gott) auf die BetrachterInnen zu, destabilisieren den Realraum und entfalten einen Sog in ein virtuelles Jenseits.



„Gestures of Infinity“ greifen wörtlich ins Unendliche. Die notwendige Unerfassbarkeit dieser Behauptung wird im Medium des Bildes notwendigerweise gebrochen, auf eine Anschauung herunter-, hinauf- oder einfach nur umgepolt, ihres Pathos beraubt, ironisiert, ersehnt, beweint, erdacht.

Die Ausstellung „Gestures of Infinity“ bearbeitet künstlerische Gesten , die dem Fundus eines Ineinanders von Religion und Emotion entlehnt oder aus ihm heraus entwickelt sind: in einer künstlerischen Nach-Postmoderne, die ihre „schlechte Unendlichkeit“ (Hegel) reflektiert und zugleich genießt, und in einer geopolitischen Situation, die Religion als Zuviel (in der Verengung von Fundamentalismus und Gewalt) und als Zuwenig (in der Ödnis erschöpfter Utopien und deren Übersättigung) zum Gegenüber hat: ein „NAHE GENUG“.