Grazia Toderi (I)

©Texte: Johannes Rauchenberger/Alois Kölbl

Grazia Toderi, Rosso Babele, 2006, Video (DVD), Sound, Courtesy the Artist.


Die italienische Videokünstlerin Grazia Toderi zoomt sich in ihren Arbeiten immer wieder in die Weitwinkelperspektive, um gerade daraus Panoramen pulsierenden Lebens (von Städten, Fußballstadien etc...) mit Phänomen des Kosmischen zu verbinden: So kippen sie durch die Ferne in eine Nähe und generieren dadurch - durch das Moment des Auratischen -  metaphysische Klänge.

Eine ihrer jüngsten Arbeiten, Rosso Babele (2006) beschwört einen zyklisch sich aufbauenden und zusammenfallenden Turm aus flackernden Lichtpunkten: Die Arbeit besteht aus einer Unzahl übereinandergelegter, -gelagerter und -geschichteter Stadtansichten, deren genaue Ortsbestimmung längst unmöglich ist.

Statt dessen legt sich eine unbestimmbare, rote Atmosphäre über diese Veduten, die sich zunehmend unheimlich und furchterregend darbieten. 

Das bestimmende, dominierende Rot des Videos schwimmt wie eine bedrohliche Lavamasse über die geschichteten Städte, einem zeitgenössischen Hades gleich.

Im Zentrum der Bildbewegung steht ein ständig entstehender und zusammenfallender Turm, wie in einem ununterbrechbaren Zyklus.

Als moderner "Turmbau von Babel" ist dieser vernetzt mit allen anderen Kommunikationsströmen anderer Städte: er stellt Sprache und Kommunikation in einer globalisierten Welt vor Augen und warnt vor der uralten Hybris.

Das ständige Wachstumspotential führt durch diesen Wahn in die Implosion und setzt einen der ältesten mythischen Erzählungen der Menschheit in die Gegenwart beklemmend um.



„Gestures of Infinity“ greifen wörtlich ins Unendliche. Die notwendige Unerfassbarkeit dieser Behauptung wird im Medium des Bildes notwendigerweise gebrochen, auf eine Anschauung herunter-, hinauf- oder einfach nur umgepolt, ihres Pathos beraubt, ironisiert, ersehnt, beweint, erdacht.

Die Ausstellung „Gestures of Infinity“ bearbeitet künstlerische Gesten , die dem Fundus eines Ineinanders von Religion und Emotion entlehnt oder aus ihm heraus entwickelt sind: in einer künstlerischen Nach-Postmoderne, die ihre „schlechte Unendlichkeit“ (Hegel) reflektiert und zugleich genießt, und in einer geopolitischen Situation, die Religion als Zuviel (in der Verengung von Fundamentalismus und Gewalt) und als Zuwenig (in der Ödnis erschöpfter Utopien und deren Übersättigung) zum Gegenüber hat: ein „NAHE GENUG“.