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Austria Presse Agentur 22.11.2000

APA0134 5 KI 0489 
Kunst/Kunstmarkt/Auktion/Österreich/Großbritannien

Mikroschnitzereien von "unschätzbarem" Wert

Mikrobilder aus Kunstkammer-Sonderausstellung werden am
12. Dezember bei Christie's in London versteigert
 
Wien (APA) - Wieviel ist ein "unschätzbares" Kleinod wert? Diese
derzeit nicht zu beantwortende, aber bereits heiß diskutierte Frage
sollte am 12. Dezember in London geklärt werden, bei der Christie's
Auktion "European Sculpture". Den Abschluss dieser Versteigerung
bildet eine aus britischem Privatbesitz stammende Kollektion von 26
Objekten mit Mikroschnitzereien aus Elfenbein, über deren Marktwert
recht divergierende Ansichten herrschen, weil solche Kunstgegenstände
eigentlich nicht am Markt aufzutauchen pflegen.

Dem Publikum des Wiener Kunsthistorischen Museums könnte die
Sammlung bekannt sein, waren doch die Mikrobilder von Februar bis
Oktober in einer Sonderausstellung in der Kunstkammer des Museums
präsentiert. Dass die Sammlung nun direkt von der Ausstellung zum
Verkauf kommen soll, nimmt Kunstkammer-Direktor Manfred Leithe-Jasper
allerdings nun "mit höchster Verwunderung" zu Kenntnis: "Davon war
mir nichts bekannt".

Mikroschnitzereien sind aus Elfenbein geschnitzte Reliefbilder,
bei denen einzelne Partien mikroskopisch so fein ausgeführt sind,
dass die Details Bruchteile eines Millimeters messen. Keine anderen
Objekte von solcher Filigranität sind in der Kunst bekannt. Auch die
Technologie, mit der diese mikroskopisch feinen Schnitzereien
hergestellt werden konnten ist selbst Fachleuten ein Rätsel.
Beherrscht und ausgeführt wurde diese Kunst nur von einer Handvoll
Künstler gegen Ende des 18. Jahrhunderts, die u.a. für den Wiener
Kaiserhof, für Zarin Katharina d. Große oder für König Georg III. in
Großbritannien tätig waren.

Auch die Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums verfügt über
einige der Mikrobilder, über die es allerdings kaum wissenschaftliche
Literatur gibt und die deshalb auch schon von Kunstexperten wegen
ihrer außerordentlichen Feinheit für fernöstliche Artefakte gehalten
wurden.

50.000 bis 80.000 Pfund (1,15 - 1,85 Mill. S / 83.000 Euro -
134.000 Euro) Schätzwert werden im Auktionskatalog von Christie's für
die gesamte Sammlung angegeben, während das Schätzgutachten der
Pretiosenschätzstelle des Gemmologischen Labors Austria für jedes
einzelne Objekt einen Verkehrswert zwischen 70.000 und 450.000
Schilling angibt, und das Spitzenstück, die Marien-Theresien Brosche
mit drei eingesetzten Landschafts-Mikrobildern gar mit 25 Millionen
Schilling bewertet. In Summe ergibt das für die nun zur Versteigerung
angebotenen Sammlung einen Wert von rund 32 Mill. S (2,35 Mill.
Euro).

Der Leiter der Wiener Pretiosenschätzstelle, Walter Mican,
langjähriger Pretiosenschätzmeister des Wiener Dorotheums und
international anerkannter Experte, erklärt der APA gegenüber auf
Anfrage, dass bei einem Objekt wie der Maria Theresien Brosche nur
eine fiktive Wertangabe möglich sei. "Schätzbar" sind nach
bürgerlichem Gesetzbuch nur Objekte, deren Wert durch vergleichbare
Sachen bestimmt werden kann. Vergleichbares sei aber nicht am Markt
aufgetaucht, und so ist die Maria-Theresien-Brosche tatsächlich von
"unschätzbarem" Wert. Mican: "In den langen Jahren meiner Tätigkeit
ist mir so etwas nicht untergekommen".

Warum allerdings bei Christie's ein derart geringer Schätzwert
angesetzt wurde, kann der Wiener Schätzmeister nicht erklären. Die
seltenen Mikroschnitzereien sind aber auch nicht übliche Handelsgüter
mit abschätzbarem Sammlermarkt. Im Dorotheum wurde ein solches Objekt
etwa bei einem Schätzwert von 7000 Schilling um 20.000 Schilling an
einen Händler verkauft, der es wenige Tage später um 300.000
Schilling in Deutschland verkaufte.

 (Schluss) ge/whl

<<Austria Presse Agentur 16.3.2000
Austria Presse Agentur 6.4.2001>>


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