OSKAR KOKOSCHKA
Pöchlarn/Niederösterreich 1886 – 1980 Montreux/Schweiz
22
MUTTER MIT KIND, um 1909
Tusche auf Papier, 108 x 75 mm
Provenienz: Herbert von Garvens (ehemaliger Direktor der Kestner Gesellschaft, Hannover)
Die kleine Tuschezeichnung – sie ist kaum elf Zentimeter hoch – wandelt ein traditionsreiches Motiv aus der europäischen Kunstgeschichte ab. Die sehr jugendliche Mutter mit breitem Gesicht, schmaler Nase und kleinem Mund hat ihre Augenlider geschlossen, worin sich vielleicht die innere Hinwendung zum Kind ausdrückt. Der Körper der Mutter wird in der Zeichnung kaum angedeutet. Lediglich ihr rechter Arm und die rechte Hand sind ausgeführt und wirken bergend, schützend, so dass das Kind wie in einer natürlichen Rundung davon umfangen ist. Auch dessen Körper ist auffallend akzentuiert. Arm- und Handhaltung des Kindes erinnern an den Segensgestus aus Christusdarstellungen. Vielleicht ließ sich Kokoschka von entsprechenden Renaissancegemälden inspirieren, die Maria und den bereits als Messias charakterisierten Jesusknaben darstellen.
Indem das Blatt auch Altmeisterliches innerhalb der ersten expressionistischen Werkphase Kokoschkas zeigt, ist es höchst reizvoll. Der Künstler hat sich zu dieser Zeit von den akademischen Anfängen seiner Ausbildung im Rahmen der Wiener Kunstgewerbeschule bereits befreit, allerdings ohne in die Richtung des verspielten dekorativen Jugendstils zu gehen, wie er ebenfalls an dieser Schule und von einigen der dortigen Lehrer Kokoschkas (Carl Otto Czeschka, Bertold Löffler) gepflegt wurde. Mit derartigen Blättern brachte der junge Kokoschka in den Wiener Jugendstil ein herberes Element ein, wie es sich auch in den Lithographien zu seiner ersten publizierten Dichtung, „Die Träumenden Knaben“ (1908) findet.
Patrick Werkner
Literatur: Ernst Rathenau: Oskar Kokoschka. Handzeichnungen 1906 – 1965. New York 1966, vgl. Abb. S. 21.