Stücksuche:
Bitte mind. 2 Zeichen eingeben. Weitere Suchmöglichkeiten »

Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
Nutzen Sie die Funktion der VOLLTEXTSUCHE, indem Sie Worte oder Wortteile in das Suchfeld eingeben. Das Kunstlexikon beschreibt ca. 10.000 Begriffe, hat 5,5 Mio Zeichen ( Druckausgabe: 1663 Seiten). Die Begriffe verweisen insgesamt auf ca. 35.000 Quellen.  
 Volltextsuche: nur in der Begriffsliste suchen

Biedermeier , Bezeichnung für die im so genannten * Vormärz oder der * Restauration vor allem im deutschsprachigen Raum vom Bürgertum geprägte Lebensweise und den Kunststil der Zeit vom Wiener Kongress 1815 bis zur politisch-sozialen Märzrevolution von 1848.

Charakteristisch ist die auf strenge Moral sowie häusliche Behaglichkeit ausgerichtete Lebensführung, die von den zeitgenössischen Intellektuellen als spießbürgerlich bezeichnet wurde. Das Biedermeier kam vor allem zum Ausdruck in der Innenraumgestaltung mit Tapeten, Bildern, von der Frau des Hauses selbst angefertigten Wandbehängen, Spitzendeckchen usw., in der Möbel- und Glaskunst (* Biedermeiergläser), durch spätromantische Strömungen (* Nazarener) sowie im * Freundschaftskult und in der Dichtung. Heute ist Biedermeier ein Synonym für "das kleine Glück" und "die gute alte Zeit". Der Name Biedermeier (eigentlich Biedermaier) entstand aus der Verbindung von "Biedermann" und "Bummelmaier", zweier in der Zeitschrift "Fliegende Blätter" vorkommender Typen.

Der Arzt Adolf Kußmaul hatte in seiner Jugend vom Vater seines Freundes Heinrich Goll das 1845 in Karlsruhe erschienene 500 Seiten starke Buch "Die sämtlichen Gedichte des alten Dorfschulmeisters Samuel Friedrich Sauter ..." geschenkt erhalten. Wie Kußmaul in seinen "Jugenderinnerungen eines alten Arztes" schrieb, handelte es sich bei dem Buch um einen ..."bisher ungehobenen Schatz einer eigenartigen Poesie von ungewöhnlich komischer Kraft..." Kußmaul wandelte die Erinnerungen des Dorfschulmeisters parodistisch ab und schickte eine Probe an seinen Freund, den Amtsrichter Ludwig Eichrodt mit dem Vorschlag, mit ihm gemeinsam ähnliche Stilblüten zu veröffentlichen. Eichrodt wendete sich daraufhin an den Herausgeber der * Fliegenden Blätter, wo dann die Verse von 1855-1857 unter dem Pseudonym Gottlieb Biedermaier gedruckt wurden. Die Idee der Verbindung der Namen "Biedermann" und "Bummelmaier" zu Biedermeier geht auf Victor v. Scheffel zurück. Als Autoren fungierten weiters der mit Schiller und Goethe befreundete Buchbinder Treuherz und "der alte Schartenmeier". Es wird angenommen, dass sich hinter diesem Pseudonym Friedrich Theodor Vischer verbarg.

Die gesammelten Beiträge erschienen später in dem Buch "Biedermaiers Liederlust" allein unter dem Namen Eichrodts. Wie der fiktive Dorfschullehrer Gottlieb Biedermaier hat sich auch Wilhelm Busch (1832-1908) als Mitarbeiter der "Fliegenden Blätter" mit den Charakteren seiner Zeit literarisch und zeichnerisch kritisch auseinandergesetzt. Die Schrulligkeit von Sonderlingen des Biedermeier hat weiters Carl Spitzweg (1808-1885) in seinen Bildern besonders treffend dargestellt und in den "Fliegenden Blättern" veröffentlicht. Die Satire galt vor allem dem alleinigen Streben nach Gemütlichkeit, Rechtschaffenheit und "gutbürgerlichem" Wohlstand. Gleichsam beispielhaft für diese Grundeinstellung waren Darstellungen des im * Ohrenfauteuil im Morgenmantel sitzenden beleibten Vaters, mit dem Hauskäppchen am Kopf, das lange gedrechselte Rohr der Meerschaumpfeife in der Hand, den "Spucknapf" in Reichweite und den Nachttopf unterm Bett. Die Ausgehkleidung des wohlbestallten Bürgers bestand aus Zylinder, langschößigem Gehrock, gestärkter Hemdbrust und dem hohen * Vatermörder-Kragen. Als * Accessoires dienten eine goldene Uhrkette und der Spazierstock mit Elfenbeingriff.

Die Damen des Biedermeier trugen mit Spitzen besetzte Kleider und den das Gesicht umrahmenden Biedermeierhut (* Schute), aus dem seitlich die langen "Korkenzieherlocken" herunterhingen. Der * Sonnenschirm war ein unverzichtbares Beiwerk der eleganten Frauenmode. Während in Verbindung mit der Architektur oft weiterhin der Ausdruck Klassizismus gebräuchlich ist, wird der solide, bürgerlich behagliche Stil der Inneneinrichtung und des Mobiliars der Zeit von 1815-1848 heute als Biedermeier bezeichnet. Die Möbel vermitteln eine gemütliche Atmosphäre und zeichnen sich durch solide Eleganz und klare Linienführung aus. Es wurden die repräsentativen Möbelformen des Empire übernommen, jedoch mit sparsamerem Zierat und meist ohne die beim Empire übliche Vergoldung des Dekors. Hellfarbene Hölzer (Kirsche, Birke und Ahorn) wurden sparsam mit dunklen Leisten, Pilastern und Säulen verziert. Man könnte den Stil als eine "bürgerliche Sonderform des Klassizismus" bezeichnen. In der Kunst des Biedermeier finden sich so entgegen gesetzte Stilrichtungen wie die * Romantik und der * Realismus.

Das nach dem Sturz Napoleons und der Neuordnung Europas im Wiener Kongress (Sept./Okt. 1814 - Juni 1815) von der Politik weitgehend ausgeschlossene Bürgertum konzentrierte sich auf Geselligkeiten innerhalb des Freundeskreises, auf familienbezogene gemütliche Häuslichkeit und auf eine betonte Verbundenheit mit Garten, Wald und Flur. Die behagliche Lebensführung traf allerdings nur auf die so genannten "gut bürgerlichen Kreise" zu. Der Großteil der Menschen lebte im Elend (Pauperismus). Wenn jemand eine Anstellung hatte, dann bedeutete dies zumindest sechs Tage zu je zwölf Stunden Arbeit die Woche. Bei Dienstmägden war es üblich, dass zwei Mädchen im selben Bett schlafen mussten. Wer von den "niederen Ständen" über ein eigenes * Kabinett mit Bett verfügte, vermietete es häufig an einen "Bettgeher". Es gab damals schon Schichtarbeiter, die tagsüber schliefen und das Bett einem anderen überließen, wenn sie abends zur Arbeit gingen.

M. v. BOEHN, B., Berlin 1922; L. SCHROTT, B. in München, Dokumente einer schöpferischen Zeit, München 1963; R. FEUCHTMÜLLER, W. MRAZEK, B. in Österr., Wien, Hannover, Bern 1963; G. HERMANN, Das B., Oldenburg, Hamburg 1965; S. HARCKSEN, Wohnräume der B.zeit, Kat. Potsdam 1970; I. WIRTH, Berliner B., Berlin 1972; G. HIMMELHEBER, B.möbel, Düsseldorf 1978; R. KRÜGER, B. Eine Lebenshaltung zwischen 1815 und 1848, Leipzig 1982; M. BERNHARD, Das B. Kultur zwischen Wiener Kongreß und Märzrevolution, Düsseldorf 1983.


<< Bidri-Ware Biedermeierglas >>


Vertiefen Sie Ihr Wissen über Kunst!
Testen Sie unseren Gratisservice Kunstbegriff des Tages. Auf Wunsch erhalten Sie täglich oder wöchentlich per E-Mail einen Begriff aus dem Kunstlexikon geschickt.
Mehr Informationen »

Das Kunstlexikon für das iPhone!
Sie können das Kunstlexikon auch in einer für das iPhone optimierten Version ansehen. Klicken Sie einfach auf den nachfolgenden Link.
Jetzt öffnen »

Schmuckwissen>>


Aktuelle Objekte:

Lot 10 Litho... >

Porträtstudi... >



Aktuelle Objekte:

Christoph Sc... >

Ulrich Hakel >