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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

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Böhmisches Glas , Sammelbegriff für in böhmischen Hütten erzeugte und in viele Länder exportierte Glaswaren aller Art, insbesondere für Gläser des ausgehenden 17. bis frühen 20. Jh., nachdem Böhmen die Vorherrschaft Venedigs und der Venezianerhütten nördlich der Alpen, z. B. Hall in Tirol und in den Niederlanden, abgelöst hatte.

Schon in der ersten Hälfte 16. Jh. gründeten aus dem sächsischen Erzgebirge nach Böhmen eingewanderte Glasmacher, vornehmlich Mitglieder der Familien Preissler, Schürer und Wander, Hütten u. a. im Iser- und Riesengebirge sowie im Böhmerwald. Anfangs erzeugte man schlichte Gläser aus * Waldglas wie überall in Nordeuropa. Angeregt durch die künstlerische Bearbeitung von * Bergkristall und anderen edlen Steinen am Hofe Kaiser Rudolfs II. in Prag, wo u. a. berühmte Steinschneider wie Mitglieder der Familie Miseroni aus Mailand und der aus Deutschland stammende Caspar Lehmann (1570-1622) wirkten, der als erster Glasschneider der Neuzeit bezeichnet wird, trachteten die böhmischen Glasmeister danach, eine dickwandige Glassorte zu erzeugen, die in Reinheit und Härte dem Bergkristall möglichst nahe kam und sich wie dieser durch * Glasschliff und * Glasschnitt dekorieren ließ.

Der Durchbruch erfolgte in der 2. Hälfte des 17. Jh. mit der Erfindung des so genannten böhmischen Kristalls, eines Kreideglases, bei dessen Herstellung dem Gemenge aus Sand und Pottasche Kalk in Form von Kreide beigemischt wurde, um die Leistungsfähigkeit der Schmelzöfen zu erhöhen. In der Folge traten neben die bis dahin überwiegende Dekoration mit opaken * Emailfarben verstärkt Glasschliff und Glasgravur. Die Glasveredelung erfolgte nun weitgehend fern der glaserzeugenden Hütten und konzentrierte sich auf das nordböhmische Gebiet Haida (tschechisch Novy Bor), Steinschönau ( tschechisch Kamenicky Senov) und umliegende Ortschaften, wo die international tätigen böhmischen Glashandelsfirmen ansässig waren.

Als Anfang 18. Jh. das englische * Bleiglas, insbesondere dessen moderne Schliffveredelung, und auch die nach englischem Vorbild erzeugten Gläser französischer Hütten wie * Baccarat und * Saint Louis dem böhmischen Kreideglas Konkurrenz zu machen begannen, war man dank der weitverzweigten Beziehungen des Glashandels in der Lage, die Entwicklung rechtzeitig zu erkennen, die Glasqualität noch weiter zu steigern und die Schliffverzierugen den veränderten Anforderungen des Marktes anzupassen. Neben farblosem trat vermehrt farbiges Glas in vielen Tönen und Nuancen sowie * Überfangglas, dem die ausländischen Glaserzeuger lange Zeit nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatten und das vornehmlich in der gräflich Harrachschen Hütte in Neuwelt im Riesengebirge, in den gräflich Buquoyschen Hütten in Südböhmen, wo man u. a. das rote und schwarze [4211*]Hyalithglas erfand, und in den Meyrschen Hütten im Böhmerwald in hervorragender Qualität erzeugt wurde.

Hohe Anpassungsfähigkeit an sich verändernde Marktsituationen und neue Stilrichtungen bewiesen die böhmischen Hütten und Veredelungsbetriebe auch in den folgenden Jahrzehnten unter dem Eindruck des Historismus und der Jugendstilbewegung. Maßgeblichen Einfluss auf die künstlerische Gestaltung des böhmischen Glases in der 2. Hälfte 19. Jh. übte der Wiener Glasverleger Ludwig * Lobmeyr (1829-1917) aus, indem er sich für die Wiederbelebung traditioneller Veredelungstechniken und bewährter alter Stilrichtungen einsetzte, daneben aber auch neue, zeitgenössische Dekorationen, u. a. im orientalischen Stil, von Wiener Architekten und Künstlern entwerfen und in Böhmen ausführen ließ. Um 1900 war es vor allem die Glashütte Lötz Witwe in Klostermühle (tschechisch Klastersky Mlyn) im Böhmerwald, die ihre phantasievoll gestalteten und handwerklich kunstvoll veredelten farbigen und irisierenden Jugendstilgläser in alle Welt exportierte.

E. SCHEBEK, Böhmens Glasindustrie und Glashandel. Quellen zu ihrer Gesch., Prag 1878; G. LANGE, Die Glasindustrie im Hirschberger Thale, Leipzig 1889; H. SEYDEL, Beiträge zur Gesch. des Siegelstein- und Glasschnitts und der Glaserzeugung im Riesen- und Isergebirge, Breslau 1919; M. KLANTE, Das Glas des Isergebirges, Berlin 1938; K. ZENKNER, Die alten Glashütten d. Isergebirges. Ein geschichtlicher Überblick, Schwäbisch Gmünd 1968; S. URBAN, Die kaiserl. Edelsteinmühle in Prag in den Jahren 1586-1684, in: Glasrevue, H. 4, 1973; W. SPIEGL, Böhm. Gläser, München 1976; M. Gräfin von BUQUOY, Die Glaserzeugung auf d. gräflich Buquoyschen Herrschaft Gratzen in Südböhmen, München 1980; K. PITTROF, Böhm. Glas im Panorama der Jh., München 1987; K. PITTROF, Reise- u. Lebensberichte dt.-böhm. Glashändler, Passau 1990; G. HÖLTL, Passauer Glasmus., Hg., Das böhm. Glas 1700-1950, Bd. I-VII, Passau 1995.


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