Stücksuche:
Bitte mind. 2 Zeichen eingeben. Weitere Suchmöglichkeiten »

Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
Nutzen Sie die Funktion der VOLLTEXTSUCHE, indem Sie Worte oder Wortteile in das Suchfeld eingeben. Das Kunstlexikon beschreibt ca. 10.000 Begriffe, hat 5,5 Mio Zeichen ( Druckausgabe: 1663 Seiten). Die Begriffe verweisen insgesamt auf ca. 35.000 Quellen.  
 Volltextsuche: nur in der Begriffsliste suchen

Einhorn . Dem Aussehen nach wird das Fabeltier unterschiedlich beschrieben: in älterer Literatur mit säulenartigen Beinen, ähnlich dem Nashorn, aber zusammengesetzt aus verschiedenen Tierarten; später fast ausschließlich als schneeweißes Pferd mit Kinnbart und einem geraden, schraubenförmig gedrehten Horn von einer * Elle Länge inmitten der Stirn.

Es gibt aber auch frühe Schilderungen des Einhorns als Pferdetyp. Der altgriechische Arzt und Historiker Ktesias, der die Eindrücke seines jahrelangen Indienaufenthalts in dem Buch "Indica" wiedergab, widmete sich z. B. ausführlich der Beschreibung des Einhorns in Pferdegestalt. Diese Schrift zählte zu den Grundlagen für die Vorstellung, die man im Mittelalter vom Einhörnern hatte. Besonders schöne Darstellungen des Fabelwesens gibt es auf alten Wandteppichen, z. B. bei den aus Frankreich stammenden Tapisserien im Metropolitan Museum of Art in New York (Cloisters).

Das Horn des Einhorns wurde einerseits als * phallisches Symbol gedeutet, da es aber aus der Stirn, der Wurzel des Geistes, entspringt, sah man in ihm anderseits auch ein Symbol der Verdrängung der Sexualität und ein Sinnbild für sittliche Reinheit. Das zum vorchristlichen Glaubensgut gehörende Fabeltier wurde vom Kirchenlehrer Tertullian (150-225) im Sinne der christlichen Lehre gedeutet und als Symbol des Erlösers interpretiert. Über das Wesen des Einhorns herrschte allgemeine Übereinstimmung; es sei sehr scheu und schnell, wurde behauptet. In die Enge getrieben, werde es unbezwingbar wild und es bedürfe einer Jungfrau mit reinem Herzen, um das Tier fangen und zähmen zu können; deshalb wird es bisweilen im * Paradiesgärtlein dargestellt. Nicht nur einfache Menschen, sondern auch gebildete Personen, Fürsten und hohe Kleriker waren von der Existenz des Einhorns überzeugt. Man glaubte, mit Löffeln oder Bechern aus dem Horn des Einhorns Gift sichtbar machen und es sogar neutralisieren zu können. Selbst den kleinsten vom Horn abgeschabten Pulvermengen schrieb man Wunderkraft zu.

Noch im 19. Jh. gehörte das Einhornpulver "Alicorn" zum Lagerbestand jeder gutgeführten Apotheke. Bei den in den * Kunst- und Wunderkammern aufbewahrten "Hörnern des Einhorns" sowie den aus dem Horn hergestellten Bechern handelt es sich um Narwalzähne bzw. um aus * Narwal-Elfenbein gefertigte Objekte. Da der Durchmesser des spitzkegeligen Narwalzahns verhältnismäßig klein ist (an der Basis 4-10 cm), wurden größere Gefäße aus streifenförmigen Segmenten zusammengesetzt. Das Horn des Einhorns war wegen seiner vermeintlichen wundersamen Wirkung überaus kostbar und wurde im Allgemeinen nur zur Herstellung besonderer Gegenstände verwendet. Der auf Schloss Rosenborg in Kopenhagen befindliche Thron der dänischen Könige besteht z. B. aus dem Horn des Einhorns, d. h. aus Narwalzahn.

Scheide und Griff des so genannten "Ainkhürn-Schwertes" in der Schatzkammer in Wien sind aus dem Horn des Einhorns gefertigt, und der Schaft eines * Pontifikalstabes der Benediktiner Erzabtei St. Peter in Salzburg besteht aus dem gleichen Material, d. h. aus einem Narwalzahn. Das Einhorn war auch ein beliebtes Wappentier. So nahm James VI. von Schottland als James I., König von England, das "Unicorn" (Einhorn) 1603 sogar in das königlich-britische Wappen auf. Es ist verwunderlich, dass sich der Glaube an die Existenz des Einhorns selbst noch im 20. Jh. in sonst durchaus seriösen Fachpublikationen erhalten hat. In dem Werk "Das Drechsler Werk" von F. Spannagel, Ravensburg 1940 (Nachdruck Hannover 1981), wird Einhorn allen Ernstes als Rohmaterial für Drechslerarbeiten beschrieben. Fotografien von edlen weißen Pferden mit einem Horn auf der Stirn (Fotomontage) stammen meist von dem bekannten Fotografen Robert Vavra, dessen Spezialität Pferdebilder sind.

H. GRAF, Die Darstellung der sakralen Einhorn-Jagd in der altdeutsche Kunst, Diss. München 1923; L. WEHRHAHN-STAUCH, E., in: Reallex. zur dt. Kunstgesch. IV, Stuttgart 1958, S. 1405 ff.; J. L. BORGES, E., Sphinx u. Salamander. Buch der imaginären Wesen, München, Wien 1982; E. NEUMANN, Der E.-Zyklus von E. Fuchs und seine subjekt.-schöpfer. Beziehungen zur christl. Ikonographie und alchemist. Bilderwelt, in: Das Münster 37, 1984; R. VAVRA, Das schönste Tier der Welt, in: Diners Club, Okt. 1984; J. C. COOPER, Lexikon alter Symbole, Leipzig 1986.


<< Einherier Einkehlung >>


Vertiefen Sie Ihr Wissen über Kunst!
Testen Sie unseren Gratisservice Kunstbegriff des Tages. Auf Wunsch erhalten Sie täglich oder wöchentlich per E-Mail einen Begriff aus dem Kunstlexikon geschickt.
Mehr Informationen »

Das Kunstlexikon für das iPhone!
Sie können das Kunstlexikon auch in einer für das iPhone optimierten Version ansehen. Klicken Sie einfach auf den nachfolgenden Link.
Jetzt öffnen »

Schmuckwissen>>


Aktuelle Objekte:

Litho Philip... >

Sven Boltens... >



Aktuelle Objekte:

WACKER, Rudo... >

"Vereint Euch" >