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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

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Elfenbein , in erster Linie das meist leicht gelbliche, in seiner Konsistenz harte und elastische Material der Stoßzähne des afrikanischen und asiatischen Elefanten sowie des vor ca. 10.000 Jahren ausgestorbenen Mammuts.

Als Elfenbein bezeichnet werden seit alters her auch die Eckzähne des Flusspferdes, die Hauer des Walrosses, die Zähne des Pottwals und der Spitzzahn des Narwals, der früher als Horn des * Einhorns galt. Bei kleinen Elfenbein-Schnitzereien ist die Unterscheidung des von diesen Tieren stammenden Zahnmaterials vom Elefanten-Elfenbein oft nur durch Laboruntersuchungen möglich. Das so genannte * vegetabile Elfenbein spielt eine nur untergeordnete Rolle. Aus der Farbe von Elfenbein-Schnitzereien kann nicht auf deren Alter geschlossen werden. Die Farbe hängt vielmehr von der Tiergattung, der Größe der Zähne und davon ab, welches Stück des Zahnes verarbeitet wurde, beim Elefanten auch davon, aus welcher Region er stammt. Weiters gibt es speziell beim Elefanten Unterschiede von Tier zu Tier; bei manchen ist das Zahnmaterial weiß und bei manchen von Natur aus mehr gelblich. Elfenbein vom Elefanten weist gewöhnlich eine * Maserung auf, die gegen die Zahnbasis zu gröber und dadurch stärker sichtbar ist. Nahe der Zahnspitze ist die Maserung mit freiem Auge oft nicht erkennbar. Je näher der Zahnspitze, desto feinzelliger und dichter wird das Material; es verfärbt sich deshalb auch weniger. Zum Vergilben neigendes Elfenbein dunkelt bei Lichtabschluss viel stärker als Elfenbein, das dem Licht ausgesetzt ist. Das betrifft z. B. die Bodenseite von Objekten und auch deren Hinterseite, wenn der Gegenstand nahe einer Wand steht. Nachgedunkelte Stellen werden wieder heller, wenn man sie längere Zeit dem Licht zukehrt.

Schon im Altertum, besonders aber im Mittelalter wurden Elfenbeinschnitzereien eingefärbt, im Mittelalter häufig mit * Krapp. Zu den ältesten künstlerischen Arbeiten des Menschen zählen geschnitzte Kleinplastiken und Ritzzeichnungen aus Mammutelfenbein. Mit Hilfe der * Radiokarbonmethode wurde festgestellt, dass das Material der frühesten Arbeiten etwa 35.000 Jahre alt ist, also aus dem * Jungpaläolithikum stammt. Die * prähistorischen Objekte, vor allem die Tierdarstellungen der Steinzeitkünstler, faszinieren durch ihre Lebendigkeit und Ausdruckskraft. Die ältesten Elfenbein-Arbeiten des * Altertums sind aus Ägypten bekannt, wo vor allem die Eckzähne des Flusspferds für figürliche Schnitzereien und * Einlagen Verwendung fanden. In weiterer Folge hat sich eine große Zahl syrischer, phönikischer und assyrischer Elfenbeinreliefs erhalten. Insbesondere bei den in * Mesopotamien gefundenen Stücken handelt es sich zum Teil um prachtvolle * Ajourarbeiten. Manche von ihnen weisen auch * Inkrustationen aus * Glasfluss, * Schmucksteinen und Gold auf. Diese Elfenbeinschnitzereien dienten meist als * Intarsien in * Paneelen und Möbeln.

Schriftliche Überlieferungen und Münzabbildungen sind die Quellen für das Wissen um die zwischen 460 und 430 v. Chr. in * chryselephantiner Manier gestalteten * Kolossalfiguren des * klassischen Altertums, von denen die Zeusstatue von Olympia die bekannteste war. Sie wurde vom berühmten griechischer Bildhauer Phidias geschaffen und galt als eines der* sieben Weltwunder der Antike. Von Kaiser Theodosius II. nach Konstantinopel gebracht, fiel das über 12 m hohe Kolossalstandbild 475/476 einem Brand zum Opfer (* Phidias). Von den Funden der * Spätantike sind vor allem die * Konsulardiptychen kunst- und kulturgeschichtlich interessant. Im * Frühmittelalter waren vor allem in Byzanz Elfenbeinschnitzer tätig, wobei im Allgemeinen aber nur nach dem * Bilderstreit entstandene Werke auf uns gekommen sind. Erhalten geblieben ist eine große Zahl karolingischer Elfenbein-Schnitzereien, Werke, die vor allem in Verbindung mit * Bucheinbänden Verwendung fanden und Zeugnis geben von dem überragenden technischen und künstlerischen Können damaliger Bildhauer.

Bedeutung erlangten auch die frühen englischen Schnitzereien. Im * Hochmittelalter entstanden die romanisch-ottonischen Elfenbeinarbeiten, ferner ein großer Teil der nach dem Bilderstreit gefertigten byzantinischen Reliefs und die überragenden gotischen Arbeiten, die zum * Spätmittelalter überleiten. In der * Renaissance, am Beginn der Neuzeit, wurden Elfenbein-Schnitzereien hauptsächlich als Gebrauchskunst ausgeführt, beispielsweise in Form von * Intarsien in den * Schäftungen von * Armbrustwaffen und * Radschlossbüchsen sowie in Kassetten und Kastenmöbeln. In der Plastik war Bronze das bevorzugte Material der Renaissance. Das nachfolgende Barock stellt einen Höhepunkt der Elfenbein-Schnitzkunst dar, wobei sich vor allem Relief-Bilder und Statuetten großer Beliebtheit erfreuten. Die am Ende des Rokoko und im Klassizismus von einigen wenigen Kleinbildhauern aus Elfenbein geschaffenen * Mikroschnitzereien galten schon den Zeitgenossen der Künstler als * Mirabilien (Abb. 1 und Abb. 2). In der Kunst gibt es, unabhängig vom verwendeten Grundmaterial, keine vergleichbaren Objekte, die so außergewöhnlich fein gestaltet sind. Die Elfenbein-Mikroschnitzerei stellt einen der Höhepunkte bildnerischen Könnens und Kunstschaffens dar.

Nicht so fein wie die Mikroarbeiten, aber zeitlos formschön ist der als Miniaturschnitzerei ausgeführte Elfenbein-Schmuck des 19. Jh. Um 1900 erfolgte eine Wende im Kunstverständnis. Seit dem * Jugendstil dominierten glatte Formen ohne den früher beliebten ornamentalen Dekor. Die in früherer Zeit geschätzten feinen Ajourarbeiten, deren Ausarbeitung nur durch die elastische Konsistenz des Elfenbeins möglich war, wurden durch den Geschmack in der * Moderne unaktuell und das Elfenbein als Werkstoff deshalb nicht mehr erforderlich. Die Schönheit des Elfenbeins, als Material für die naturgetreue Wiedergabe des menschlichen Körpers in Form von Plastiken, war seit Beginn des 20. Jh. in der Kunst gleichfalls von untergeordneter Bedeutung, sieht man von einem kurzen Aufschwung im * Art deco ab, in dem Kabinettplastiken in * chryselephantiner Technik hergestellt wurden. Die Reduzierung der Form führte weg von der Wirklichkeit und hin zur * abstrakten Kunst. Diese Kunstform hat keinen Bedarf an einem Material wie Elfenbein, das für kleinteilige naturalistische Gestaltungen prädestiniert ist. Moderne Objekte können aus jedem beliebigen Material gefertigt werden.

Bezugnehmend auf Diskussionen über die Gefährdung der Elefanten durch den Elfenbein-Handel, sei erwähnt, dass die Elfenbein-Schnitzer für die Elefanten nie eine Gefahr darstellten. Es ist zu unterscheiden zwischen Massenartikeln und künstlerisch oder kunsthandwerklich hochwertigen Objekten. Die Elfenbein-Schnitzer wurden im 19. Jh. als "merkantilisch uninteressant" bezeichnet, da ihr Bedarf an dem edlen Material für den Handel nicht ins Gewicht fiel. In Aufstellungen des 19. Jh. sind die Produkte aufgeschlüsselt, die aus den nach Europa exportierten Stoßzähnen hergestellt wurden. Einen guten Einblick vermitteln die Zahlen des Kommerzienrates Max Westendarp. Er war Inhaber der Firma Heinr. Ad. Meyer in Hamburg, der bekanntesten und größten Elfenbein-Handelsfirma Europas. Danach lag der Höhepunkt des jährlichen Weltmarkt-Durchschnittsverbrauchs in den Jahren 1879-1913 bei 848.000 kg. Davon entfielen auf Europa 535.000 kg, die sich wie folgt aufteilen: Messer- und Besteckgriffe 214.000 kg; Kämme 138.000 kg; Klaviaturen 112.000 kg; Billardbälle 42.000 kg. Der Rest von 29.000 kg entfiel auf Handgriffe für Bürsten sowie für Werkzeuge und Türschnallen, weiters auf Cremetiegel, Handschuhdehner, Klöppel (für * Klöppelspitzen) und andere industriell gefertigte Produkte. Die Elfenbein-Schnitzer verarbeiteten in ganz Europa im jährlichen Durchschnitt nur 6.000 kg! Sie hatten deshalb keinen Anteil an der Dezimierung der Spezies, wenn man bedenkt, dass Elefanten im Alter von etwa 60 Jahren von Natur aus keine Backenzähne mehr besitzen, ihre Nahrung nicht mehr entsprechend zermahlen können, dadurch schwach werden und schließlich sterben. Der Anteil des auf natürliche Weise angefallenen Elfenbein überstieg bei weitem den Bedarf der Elfenbeinschnitzer.

Wenig bekannt ist, dass die Stoßzähne des Elefanten keine Eckzähne sind, wie etwa die des Flusspferdes und des Walrosses, sondern die letzten noch vorhandenen Schneidezähne des Oberkiefers, die zu Stoßzähnen umfunktioniert wurden. Im Unterkiefer bildeten sich die Schneidezähne im Laufe der Evolution gänzlich zurück. Auch der Spitzzahn des Narwals ist ein solcher umgebildeter Schneidezahn (* Elfenbein-Narwalzahn). Die Stoßzähne des Elefanten haben keinen Emailüberzug, sondern werden von einer bräunlichen bis 0,5 cm starken Rinde umhüllt, die mit Ausnahme der Zahnspitze Längsriefen aufweist. Elefantenstoßzähne gibt es mit kreisrundem und ovalem Querschnitt, wobei die aus Westafrika und Asien stammenden Exemplare im Allgemeinen eher rund, die aus dem Osten Afrikas kommenden dagegen mehr oval sind. Die Stoßzähne haben keine Wurzel, sondern sitzen im Kiefer auf einem kegelförmigen Zahnkeim. Die Basis jedes Zahnes weist daher eine * Hohlung auf, die bei jungen Tieren einen großen Teil der Gesamtlänge des Stoßzahnes ausmacht; solche Zähne wurden früher Eskrevellen genannt. Bei großen Stoßzähnen beträgt der hohle Teil nur etwa ein Drittel der Gesamtlänge. Die * Mäntel von so genannten Elfenbeinhumpen und die Wandung von Bechern bestehen aus Hohlungen. In Segmente zersägt, dienten Hohlungen auch als Material für * Intarsien und für Elfenbeinreliefs, wobei das Ausmaß derselben (ohne Stückelung) durch den Durchmesser des Stoßzahns limitiert ist.

Die Stoßzähne des Elefanten wachsen im Jahr etwa 5 cm. Aufgrund ihres unbeschränkten Wachstums könnten sie bei einem Elefanten von über 60 Jahren theoretisch über 300 cm lang werden. Sie unterliegen allerdings einer Abnutzung, und in Mangeljahren ist ihre Entwicklung stark reduziert oder gänzlich eingestellt. Eine Zahnlänge von mehr als 200 cm gilt daher schon als Seltenheit. Das Stoßzahngewicht von erlegten Tieren hängt von der Größe ab und schwankt pro Stück zwischen 10 und 50 kg. Das schwerste bisher registrierte Stoßzahnpaar soll 198 kg gewogen haben (Quelle: Elefanten und andere Landriesen). Erwähnung finden zwei Zähne, mit 102 kg und 106 kg, sie stammen aber möglicherweise von verschiedenen Tieren (Quelle: Tod der Wildnis). Das durchschnittliche Gewicht der von Afrika nach Europa exportierten Zähne betrug im 19. Jh. knapp über 40 kg. Heute wiegen die Zähne im Durchschnitt nur mehr 12-15 kg, da immer mehr jüngere Tiere erlegt werden. Beim afrikanischen Elfenbein unterscheidet man zwischen dem * Milchbein des in den Savannen Süd- und Ostafrikas lebenden Steppenelefanten (Loxodonta africana oxyotis) und dem * Glasbein des Waldelefanten (Loxodonta cyclotis) aus dem Westen Afrikas. Das Elfenbein des asiatischen Elefanten (Elephas maximus) entspricht in seiner Struktur mehr dem Milchbein als dem Glasbein des afrikanischen Elefanten. Beim asiatischen Elefanten haben Elefantenkühe im Allgemeinen keine oder nur ganz schwache Stoßzähne. Auch die gedrungen wirkenden Zähne der Bullen sind für gewöhnlich nicht so schwer wie die gleich alter afrikanischen Tiere. Da Asien selbst über eine alte Elfenbein-Schnitztradition verfügte, war der Export asiatischer Zähne nach Europa stets nur von untergeordneter Bedeutung.

Bei einem quer zur Längsachse eines Stoßzahns verlaufenden Schnitt ist mit freiem Auge meist die für Elfenbein vom Elefanten typische Maserung in Form von in rhombenartigen Maschen sich netzartig kreuzenden so genannten * Schregerschen Linien zu erkennen. Die Maserung entsteht durch den Wechsel verstärkten und eingeschränkten Wachstums, etwa während der Trockenperioden. Beim Längsschnitt durch einen Stoßzahn bilden die Wachstumszonen eine der geflammten Maserung des Holzes ähnliche Zeichnung. An der Zahnbasis und am Zahnrand ist die Maserung gröber, was zu braungelben Farbringen führen kann. Gegen die Zahnspitze zu wird das Material immer dichter und die Maserung immer feiner, so dass sie mit freiem Auge manchmal nicht mehr zu erkennen ist. Die * Härte des Elefanten-Elfenbein beträgt nach F. Mohs zwischen 2 und 2,5. Das vom Mammut stammende Elfenbein ist oft härter, abhängig von der Lagerung und dem Grad der Versteinerung. Auch die anderen Elfenbein-Arten sind gewöhnlich härter und nähern sich der Härtestufe 3. Spezielle Elfenbeinmuseen befinden sich in Dieppe, Frankreich (Schloss), ferner in Erbach (Deutsches Elfenbeinmuseum) sowie in Michelstadt (privat) und in Walldürn (Stiftung).

A. BREHM, Brehms Tierleben. Die Säugetiere, Leipzig 1929, P. H. BEARD, Tod der Wildnis. Nachruf auf ein Paradies, München 1978; Elefanten und andere Landriesen. Ein Time-Life Television Buch, München 1980; E. v. PHILIPPOVICH, E., München 1982; Chr. THEUERKAUFF, E. Sammlung Reiner Winkler, München 1984; Chr. Theuerkauff, E. Sammlung Reiner Winkler, Bd. II, München 1994.


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