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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

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Gotik , von der Architektur ausgehender hoch- und spätmittelalterlicher Stil des Abendlandes, der auch die Bildende. Kunst stark beeinflusste.

In der Baukunst erlebte der Profanbau seine erste Blüte; abgesehen von den Wohnsitzen des Adels, Rathäusern und wenigen original erhaltenen Bürgerhäusern, sind vor allem hohe Kirchenbauten erhalten (Dome, Kathedralen oder Münster), für die insbesondere * Spitzbogen, * Rippengewölbe, * Bündelpfeiler, * Strebewerk und ein Zierat, bestehend aus * Fialen, * Maßwerk (* Fensterrose) und einer Vielzahl von * Krabben, charakteristisch sind.

Die hochstrebende Art gotischer Baukunst betont die vertikale Dimension, besonders ausgeprägt in der * Hallenkirche, bei der im Gegensatz zur * Basilika Mittelschiff und Seitenschiffe gleich hoch sind und ein gemeinsames Dach haben. Die für die Gotik charakteristischen Spitzbogen entwickeln einen bedeutend geringeren Seitenschub als die bis dahin üblichen * Rundbogen. Die Mauern gotischer Bauwerke sind deshalb zwischen den bemerkenswert großen Fensterflächen vergleichsweise dünn ausgeführt. Sie brauchen den Schub des Gewölbes nicht zur Gänze aufzunehmen, da dieser innen durch Rippen und Kreuzrippen abgefangen wird, die auf so genannten * Diensten aufliegen. Außer diesen inneren, gleichsam als stützendes Skelett wirkenden Versteifungen sind die gotischen Kirchen oft auch außen von Pfeilern umstellt, von denen aus * Strebebogen zu den Mauern führen und sie an statisch wichtigen Punkten abstützen. Die vertikale Gliederung der Bauten wird noch zusätzlich betont durch die zahlreichen, die äußeren Strebepfeiler überhöhenden Türmchen, die so genannten Fialen. Diese Bauweise ermöglicht es, von den in der Romanik üblichen Teilräumen abzugehen. Es entstanden imposante, himmelwärts strebende Einheitsräume von mächtiger Höhe. Die überdimensional hohen Kirchenschiffe tragen zum Gefühl der Andacht und Ehrfurcht bei, da sich der Mensch in den riesigen Hallen seiner unbedeutenden Kleinheit bewusst wird. Das erste Bauwerk mit allen Elementen des gotischen Stils war die 1130-1144 errichtete Abtei von * Saint Denis. Um 1190 entstanden in Frankreich dann die drei klassischen gotischen * Kathedralen in Chartres, Reims und Amiens (Hochgotik).

In der Bildenden Kunst entfaltete sich die Gotik Anfang 13. Jh. vor allem in Frankreich, ausgehend von der * Île-de-France. In Deutschland setzte die Entwicklung etwas später ein: Frühgotik ca. 1235-1270, Hochgotik ca. 1270-1360 und Spätgotik ca. 1360-1525. Einzig in England hielt die Vorliebe für die Gotik auch nach dem Beginn der Neuzeit an, sie wurde gleichsam zum englischen "Nationalstil". Die Hauptperioden der Gotik in England waren * Early English (1175-1250), * Decorated Style (1250-1350) und * Perpendicular style (1350-1520). Großen Einfluss auf die stilistische Entwicklung in England nahm dann auch die Neogotik (* Gothic Revival).

Geringer war der Einfluss der Gotik in Italien, wo die Hochgotik meist als * Duecento bezeichnet wird. Der um 1550 erstmals verwendete Ausdruck Gotik war ursprünglich abwertend gemeint und geht auf * Vasari zurück. Der italienische Kunstschriftsteller leitete den Namen von gotico ab, für die von ihm wenig geschätzte Kunst jenseits der Alpen, die er auf die "barbarischen Goten" zurückführte. Vasari sah in der Gotik die Kunst unkultivierter Völker, zwischen dem Niedergang des "goldenen Zeitalters" der Antike und ihrer Wiederbelebung in der Renaissance. Erst in der Zeit Goethes bekam der Begriff Gotik die heute gültige positive Bedeutung. Es war J. W. v. Goethe selbst, der in einem vielbeachteten Aufsatz über die Gotik der Kunstrichtung zu der heute üblichen Wertschätzung verhalf. Wesentlich beigetragen hatte auch die in der Romantik einsetzende Vorliebe für mittelalterliche Gebäude.

In der Bildenden Kunst standen auch in der Gotik noch religiöse Themen im Vordergrund. Im Gegensatz zur Romanik nahmen die in der christlichen Kunst dargestellten Personen mehr individuell-menschliche Züge an. Sie sind nicht mehr unnahbar majestätisch, sondern freundlich und zugänglich wiedergegeben; typisch dafür sind die vielen, vor allem in Frankreich aus Elfenbein geschnitzten lieblichen Madonnenfiguren. Charakteristisch für diese Figuren ist u. a. die bei der Gewandung als * Schüsselfalten oder * Y-Falten ausgeführte * Faltenbildung. Anders als in der Romanik wird Christus am Kreuz nicht als König, streng und erhaben, sondern als einfacher Mensch dargestellt, dessen furchtbares Leiden dem Betrachter expressiv vor Augen geführt wird (* Kreuzigung Christi). In keiner Epoche hat die Architektur einen so großen Einfluss auf * Plastik und Malerei genommen wie in der Gotik. Charakteristisch sind vor allem Darstellungen von Spitzbogen, Maßwerk und Fialen als architektonisches Beiwerk.

Das Ende der Gotik fällt mit dem Ende des Mittelalters und dem Beginn der Neuzeit zusammen. Auf die Gotik folgte die Renaissance, die in Italien bereits im 15. Jh. einsetzte, im übrigen Europa aber erst Anfang des 16. Jh.

H. WILM, Die got. Holzfigur. Ihr Wesen und ihre Technik, Leipzig 1923; I. BAIER-FUTTERER, Die Bildwerke der Romanik und G., in: Kat. des Schweizerischen Landesmus., Zürich 1936; G. in Tirol, Malerei und Plastik des MA., Ausstellungskat. Innsbruck, Tiroler Landesmuseum 1950; A. STANGE, Dt. Malerei der G., 11 Bde., München 1934-1961; H. JANTZEN, Die G. des Abendlandes, 1962; O. v. SIMSON, Die Got. Kathedrale, Darmstadt 1968; E. ULLMANN, G., Leipzig 1969; W. GROSS, G. und Spätg., Frankfurt/M. 1969; W. SAUERLÄNDER, Got. Skulptur in Frankr. 1140-1270, München 1970; K. M. SWOBODA, Die G. von 1150 bis 1300. Gesch. d. bild. Kunst, Bd. 2, München, Wien 1977; F. DEUCHLER, G., München 1978; G. ENTZ, Die Kunst der G., Leipzig 1981; E. ULLMANN (Hg.), Gesch. der dt. Kunst 1350-1470, Leipzig 1981; A. ERLANDE-BRANDENBURG, Got. Kunst, Freiburg i. Br. 1984; D. KIMPEL, R. SUCKALE, Die got. Architektur in Frankreich 1130-1270, München 1985; L. GRODECKI, G., Stuttgart 1986; F. MÖBIUS, H. SCIURIE (Hg.), Gesch. der dt. Kunst 1200-1350, Leipzig 1989; F. G. ZEHNDER, Got. Malerei in Köln. Altkölner Bilder von 1300-1550, Wallraf-Richartz Mus. Köln, Bildhefte zur Slg. 3, Köln 1989; G. BRUCHER, Got. Baukunst in Österr., Wien, Salzburg 1990.


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