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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

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Griechische Kunst . Von den frühzeitlichen Königreichen (Arkadien, Lakedaimon, Pylos, Argos usw.) hinterließen in der Bildenden Kunst nur die in der Argolis siedelnden Mykener bleibende Spuren (* mykenische Kunst). Die Mykener, die sich selbst als Achaier bezeichneten, wurden ca. 1200-1100 v. Chr. von den aus Norden kommenden Dorern bedrängt und schließlich besiegt. Die Eindringlinge töteten Tisamenos, den letzten König von Mykene, der ein Enkel * Agamemnons war, zerstörten die befestigten Städte, verschleppten deren Bewohner und bewirkten so den Niedergang Mykenes. Die ionische, dorische und äolische Besitznahme der griechischen Inseln und der kleinasiatischen Küste fand um die Jahrtausendwende ihren Abschluss. Die erste Phase der sich am Festland entwickelnden so genannten griechischen Kunst war ca. 900-700 v. Chr. der * geometrische Stil. Für ihn charakteristisch sind u. a. in reduzierten mykenischen Formen hergestellte Keramiken, die in Ritzdekor mit Zickzackmustern, * Mäanderformen, Wellenbändern, Kreisen etc. verziert sind. Rege Handelsbeziehungen mit dem Orient beeinflussten die griechische Kunst so stark, dass man die Zeit von ca. 800-650 v. Chr. als orientalische Periode bezeichnet. Vor allem die Syrer und Phöniker besaßen bereits eine hochentwickelte * Kleinkunst, wobei besonders die phönikischen Arbeiten ägyptischen Einfluss erkennen lassen. (Die Phöniker verfügten über eine gut ausgebaute Flotte und waren Pioniere der Navigation und des Seehandels. Sie befuhren auf ihren mit doppelten Ruderreihen ausgestatteten Langschiffen den ganzen Mittelmeerraum bis in die Ägäis.)

Zu den Beispielen für den orientalischen Einfluss auf die griechische Kunst zählen Darstellungen von * Sphingen auf griechischen Vasen. Es folgte im Zeitraum von 700-500 v. Chr. das Archaikum mit beachtlichen Werken der Architektur und der Bildhauerei. Zu diesem Abschnitt zählen die so genannte "Idäische Epoche", an die der von 660-620 v. Chr. existente * Dädalische Stil anschließt. Der strenge Gesichtsausdruck früharchaischer Figuren wich später dem so genannten * archaischen Lächeln, das bei Werken aus der Zeit um 570-550 v. Chr. besonders ausgeprägt ist. Im 6. Jh. v. Chr. fielen die lockeren Stammesbünde der Griechen im westlichen Kleinasien zunächst unter lydische und 546 v. Chr. unter persische Oberhoheit. Die Entwicklung der Bildenden Kunst reagierte auf die Kriegswirren mit einer gewissen Stagnation. Der so genannte vorklassische oder "strenge Stil" setzte an der Wende vom 6. zum 5. Jh. v. Chr. ein. Den Figuren dieser Zeit fehlt schon das typische archaische Lächeln, sie sind aber noch der * statuarisch steifen archaischen Gestaltungsweise verhaftet.

Einen enormen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, verbunden mit einer gesteigerten Bautätigkeit, erlebte Griechenland dann durch den Sieg über das persische Heer bei Marathon (unter Miltiades, 490 v. Chr.). Perikles förderte die Kunst bewusst im Sinne des Staates. Der zu dieser Zeit entstandene * klassische Stil der griechischen Kunst währte von ca. 490-336 v. Chr. In dieser reifen Periode der griechischen Kunst erfolgte in der Plastik die Unterscheidung zwischen * Standbein und * Spielbein und, dadurch bedingt, eine gegensätzliche Gestaltung der beiden Körperhälften und der als * Kontrapost bezeichnete harmonische Ausgleich in der wechselseitigen Entsprechung von Last und Gelöstheit, Ruhe und Bewegtheit.

Für das letzte Drittel des 5. Jh. ist der Ausdruck * reicher Stil üblich. Oft wird von einer ersten Blüte im 5. Jh. und von einer zweiten im 4. Jh. gesprochen. Die berühmtesten Bildhauer im 5. Jh. waren * Phidias und * Polyklet. Es entstanden in * chryselephantiner Manier ausgeführte * Standbilder, wie die * Kolossalstatuen des Gottes * Zeus in Olympia (ein * Weltwunder der Antike) und der Pallas * Athene im * Parthenon, die beide von Phidias stammten. Perikles hatte dem Bildhauer Phidias die Oberaufsicht über den Bau des Parthenon auf der * Akropolis in Athen übertragen. Teile des Parthenonfrieses soll Phidias selbst gefertigt haben. Der klassische Stil wurde vom Hellenismus abgelöst, der mit der Herrschaft * Alexanders d. Gr. 336 v. Chr. begann und bis zur Zeit des Augustus (27 v. Chr.-14 n. Chr.), des ersten römischen Kaisers, währte. Der wahrscheinlich bekannteste griechische Künstler des Hellenismus war * Apelles von Kolophon. Die späthellenistische Bildhauerei des 1. Jh. v. Chr. wird oft auch als "neuattischer Stil" bezeichnet, der sich die Manier des strengen Stils (Wende 6./5. Jh. v. Chr.) zu eigen machte. In der Folge ging die griechische Kunst weitgehend im römischen Kunstschaffen auf. In weiterer Folge wurde die Kunst in Griechenland vom byzantinischen Stil des oströmischen Reiches bestimmt. Nach der Eroberung von Byzanz 1453 durch die Türken lebte am Balkan noch lange eine postbyzantinische Kunst weiter, wie sie in den Athos-Klöstern in der Ikonenmalerei noch heute gepflogen wird.

W.-H. SCHUCHARDT, Die Epochen d. griech. Plastik, Baden-Baden 1959; E. HOMANN-WEDEKING, Das archaische Griechenland., Baden-Baden 1975; J. BOARDMANN, Die griech. K., München 1976; P. DEMARGNE, J. CHARBONNEAUX, Die griech. K., Bd. 1-4, München 1977; B. VIERNEISL-SCHLÖRB, Klass. Skulpturen des 5. und 4. Jh. v. Chr., Kat., München 1979; R. HAMPE, E. SIMON, Tausend Jahre frühgriech. K., München 1980; J. BOARDMAN, Griech. Plastik: die archaische Zeit. Ein Hdb., Mainz 1981; W. FUCHS, Die Skulptur der Griechen, München 1983; E. PAUL, Griech. Vasenmalerei, Wien 1983; R. BICHLER, Hellenismus: Gesch. und Problematik eines Epochenbegriffs, Habilschrift Innsbruck 1980, Darmstadt 1983; J. KLEEMANN, Frühe Bewegung. Untersuchungen zur archaischen Form bis zum Aufkommen der Ponderation in der griech. Kunst, Mainz 1984; Archaische und klassische griech. Plastik. Akten des Intern. Kongr. 1985 in Athen, Mainz 1986; W. FUCHS, J. FLOREN, Die griech. Plastik, I: Die geometr. und arch. Plastik, München 1987.


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