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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

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Hofschule Karls d. Gr. , von W. Koehler 1958 eingeführte Bezeichnung für zehn karolingische * Handschriften und andere mit diesen in Zusammenhang gebrachte Werke.

Die Art ihrer figuralen Darstellung ähnelt den * Illuminationen der * Ada-Handschrift, weshalb man die Hofschule Karls d. Gr. früher auch "Ada-Gruppe" nannte. Lokalisiert wird die Hofschule in Aachen. Als älteste erhaltene Handschrift der Hofschule und als frühestes Beispiel der im karolingischen Reich später allgemein üblichen * Minuskelschrift gilt das Godescalc-Evangelistar, das dem Dedikationsgedicht zufolge 781 begonnen und 783 fertiggestellt wurde. Auch der Name des Evangelistars bezieht sich auf dieses Gedicht.

Der 127 Blatt starke * Codex im Format 30,5 x 21,0 cm wurde im Auftrag Karls d. Gr. und dessen Gemahlin Hildegard verfasst (Bibliothèque Nationale, Paris). Abgesehen von den illuminierten Schriften und Illuminationen, ist die Hofschule auch für außerordentlich schöne Elfenbeinschnitzereien bekannt, die bei den Einbänden der Codices Verwendung fanden. Zeitlich gesichert sind die um 800-810 in Aachen aus Elfenbein geschnitzten großen Einbandtafeln des * Codex aureus von Lorsch. Der Vorderteil (37,7 x 27,5 cm) befindet sich im Museo Sacro der Vatikanischen Bibliothek in Rom. Er wird auch "Christustafel" genannt, weil im Zentrum Christus dargestellt ist, über * Aspis, * Basilisk, Löwen und * Drachen triumphierend. Die Elfenbeintafel der Rückseite des Lorscher * Evangeliars (38,1 x 26,7 cm) wird im Victoria & Albert Museum in London aufbewahrt. Am Mittelstück ist Maria mit dem Jesuskind auf dem Thron sitzend zu sehen.

Insgesamt ist jede dieser großen Tafeln, im Stil der so genannten "Kaiserdiptychen", aus fünf Elfenbeinreliefs zusammengesetzt. Ein weiteres bekanntes Werk der Hofschule ist der zwischen 783 und 795 entstandene "Dagulfpsalter", der auch als so genannter "Goldener Psalter" Karls d. Gr. bezeichnet wird. Der 161 Blatt umfassende, auf * Pergament geschriebene Psalter ist nur 19 x 12 cm groß, wurde dem Widmungsgedicht zufolge zum Großteil, d. h. bis * fol. 145, von einem * Skriptor namens Dagulf mit * Goldtinktur geschrieben und war als Geschenk Karls d. Gr. für Papst Hadrian (772-795) vorgesehen. Der Psalter gilt als bedeutendstes Beispiel der frühen karolingischen Minuskelschrift. Er weist drei gerahmte Initialseiten und 150 verzierte * Initialen, aber keine figürlichen Illuminationen auf. Von dem dazugehörigen Prachteinband sind nur die geschnitzten hochrechteckigen Elfenbeintafeln im Format 16,8 x 8,1 cm erhalten; sie befinden sich im Musée du Louvre, Paris. Jede der beiden Elfenbeintafeln weist zwei nahezu quadratische Felder mit separat gestalteten Motiven auf; die Umrahmungen bestehen aus geschnitztem * Akanthus. Dargestellt sind auf der einen Tafel die Szene "Bonifatius übermittelt * Hieronymus den Auftrag des Papstes Damasus, die * Psalmen neu zu fassen", und als zweites Motiv "Hieronymus mit den Schreibern". In der Mitte der Akanthusleiste zwischen den beiden quadratisch angelegten Bildern ist die * Hand Gottes eingeschnitzt. Am oberen Abschnitt der zweiten Tafel ist * David mit Schreibern dargestellt. Auf dem Feld darunter steht David mit der Harfe im Kreise von Musikanten und singt die Psalmen. In der Mitte der Zierleiste zwischen den beiden Szenen ist das * Agnus Dei zu sehen.

Wahrscheinlich verstarb der Papst vor der Fertigstellung des Psalters, denn dieser verblieb in kaiserlichem Besitz. Später gelangte er nach Limburg an der Lahn und gemäß einer Inschrift aus dem Jahr 1450 in den Dom von Bremen. Vor Beginn des 17. Jh. wurden Einbanddeckel und Schriftteil getrennt. Die Handschrift ging an Kaiser Leopold I. als Geschenk und kam zwischen 1666 und 1669 in die Wiener Hofbibliothek, heute Nationalbibliothek. Große Ähnlichkeit mit der Hofschule Karl d. Gr. weist das so genannte Wiener Krönungsevangeliar auf, das in die Weltliche Schatzkammer in Wien gelangte, sowie drei weitere karolingische Evangeliare, die sich in Aachen, Brescia und Brüssel befinden. Da die Elfenbeinschnitzereien des Lorscher Evangeliars und des Dagulf-Psalters beide aus der Hofschule stammen, stilistisch aber extrem verschieden sind, dokumentieren sie sehr gut das breite Spektrum der Bildschnitzerkunst am Hof Karls d. Gr.

Daneben gibt es noch zahlreiche andere Elfenbeintafeln, die der Hofschule Karl d. Gr. zugeordnet werden, etwa die so genannte Oxforder Einbandtafel in der Bodleian Library, Oxford. Das Mittelstück dieser 21,1 x 12,5 cm großen hochformatigen Tafel weist eine Darstellung des Erlösers auf, der einen * Kreuzstab sowie ein Buch in Händen hält und über Aspis, Basilisk, Drachen und Löwen triumphiert. Umgeben wird dieses Mittelfeld von zwölf Einzelbildern; die Abgrenzung voneinander erfolgt durch Ornamentstäbe. Aufgrund seiner Stilmerkmale gehört zu den Hauptwerken der Hofschule auch das im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt befindliche Teilstück einer Darstellung der * Himmelfahrt Christi. Zu den am feinsten geschnitzten karolingischen Elfenbeinen zählt eine im Victoria & Albert Museum in London befindliche nur 13 x 12 cm große Tafel mit einer innerhalb eines Rondells befindlichen sehr naturalistischen Darstellung eines Adlers, der ein Buch in seinen Fängen hält (Symbol des* Evangelisten Johannes). Zwei weitere, dem Stil nach gleiche Werke sind im Besitz des Museo Nazionale in Ravenna. Auf einem der Reliefbilder ist Christus dargestellt und auf dem anderen ein Engel (Symbol des Evangelisten * Matthäus). Bekannt von den der Hofschule angehörenden Elfenbeinen ist ferner ein im British Museum in London befindliches Täfelchen mit den Darstellungen * Verkündigung an Maria, * Geburt Christi und * Anbetung des Jesuskindes durch die Heiligen Drei Könige. Die Schnitzarbeit wird stilistisch vor allem mit den unteren Querfeldern der Tafeln des Lorscher Evangeliars in Verbindung gebracht, obwohl die Haltung der Figuren steifer wirkt und die Gesichter länglicher sind.

Der Hofschule zugeordnet wird auch eine in Florenz, Museo Nazionale del Bargello, befindliche hochrechteckige Tafel mit der Darstellung der * drei Frauen am Grab Jesu. Dieses Relief bildete ursprünglich, zusammen mit einer nach Berlin gelangten und dort während des 2. Weltkriegs zerstörten Kreuzigungsdarstellung, eine hohe schlanke Tafel. In Darmstadt wird eine Schnitzarbeit mit dem Motiv der Himmelfahrt Christi aufbewahrt. Es wäre möglich, dass es sich dabei um einen Teil der dazugehörigen zweiten Diptychontafel handelt. In Leipzig, Museum des Kunstgewerbes, befindet sich eine beschädigte Tafel, auf der der hl. * Michael wiedergegeben ist, wie er seine Lanze in den Rachen eines unterhalb seiner Füße sich ringelnden Schlangendrachens rammt. Eine * Majestas-Domini-Darstellung gelangte nach Berlin in die Staatliche Skulpturensammlung. Im Domschatz zu Aachen befinden sich zwei Tafeln, deren Reliefs die Erscheinungen Christi zum Thema haben. Das im Kölner Schnütgen-Museum aufbewahrte so genannte Harrachsche Diptychon wird gleichfalls häufig der Hofschule zugeordnet.

A. GOLDSCHMIDT, Die Elfenbeinskulpturen aus d. Zeit der karoling. Kaiser, Bd. I-IV, Berlin 1914-16; H. SCHNITZLER, Die Komposition der Lorscher Elfenbeintafel, in: Münchner Jahrb. d. bild. Kunst, NF I, 1950; B. BISCHOF, Die Kölner Nonnenhandschrift u. das Skriptorium von Chelles, in: Karoling. u. otton. Kunst, Forschungen zur Kunstgesch. u. Christl. Archäologie, Bd. III, Wiesbaden 1957, S. 395 ff.; W. KOELER, Die Karoling. Miniaturen, Bd. 2: Die H., Berlin 1958, und Bd. 3: Die Gruppe des Wiener Krönungs-Evangeliars. Metzer Handschriften, Berlin 1960; A. BOECKLER, Formgeschichtliche Studien zur Adagruppe, in: Abhandlungen d. Bayer. Akademie d. Wissensch. 1965, S. 30 ff.; F. MÜTHERICH, Die Buchmalerei am Hofe Karls d. Gr., in: Karl d. Gr., Lebenswerk und Nachleben, Bd. 3, Düsseldorf 1965; H. FILLITZ, Die Elfenbeinreliefs zur Zeit Kaiser Karls d. Gr., in: Aachener Kunstblätter 32, 1966, S. 20 ff.; W. BRAUNFELS, Die Welt der Karolinger u. ihre Kunst, München 1968; J. A. HARMON, Codicology of the court school of Charlemagne, Frankfurt/M. 1984; P. WILLIAMSON, The Medieval Treasury, Victoria & Albert Mus. 1986, S. 64-65.


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