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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

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Klassizismus , in der Bildenden Kunst ein das * klassische Altertum nachahmender Stil, speziell (mit regionalen Unterschieden) die Kunst der Zeit von 1760/80 bis 1820/30, unter Einbeziehung des * Empire.

Das Wort Klassizismus ist eine Eigenheit des deutschen Sprachraums; überall sonst spricht man von * Neoklassizismus. Zum ersten Mal wurden schon im so genannten "Augusteischen Klassizismus" unter Kaiser Augustus (27 v. Chr.-14 n. Chr.) zahlreiche Bildhauerarbeiten aus der * klassischen Epoche der griechischen Kunst kopiert. Bis zum Ende der römischen Kaiserzeit 476 n. Chr. traten immer wieder klassizistische Strömungen auf, in denen griechische Kunstwerke als Vorbild dienten.

Im Zusammenhang mit Klassizismus findet meist auch der im 16. Jh. in Frankreich existente und vor allem in der Baukunst zum Ausdruck gekommene "classicisme" Erwähnung, der sich am klassischen Altertum orientierte, wahrscheinlich ausgelöst durch die damals bestehende Vorliebe für das Studium der italienischen Renaissance.

Auch der * Palladianismus des 17. Jh. in England und Frankreich zählt zu den klassizistischen Strömungen; hier diente vor allem der römische Stil als Vorbild. In Frankreich ging der so genannte "vorrevolutionäre Klassizismus" (* Louis-seize) in das * Directoire (Frühempirezeit) mit seinen einfachen Gestaltungsformen über, dessen Motto lautete: "Gleichheit für alle."

Es folgten die ebenfalls klassizistisch beeinflussten, in ihrer Gesamtheit aber aufwendigeren Stile des * Consulat (Konsulzeit Napoleons I. 1799-1804) und * Empire (1805-1815) mit der Vorliebe für ägyptische, aber auch griechisch-römische Motive. Nach dem Sturz Napoleons I. 1815 erfolgte die Wiedereinführung des Bourbonentums. Der durch diesen Regierungswechsel in Frankreich aufgekommene Stil wird Style de la restauration (* Restaurationsstil) genannt. Die klassizistische Manier änderte sich insofern, als die Möbel wieder schwerer und Napoleonische * Embleme vermieden wurden.

Die klassizistischen Epochen Englands sind der von Ende 18. bis Anfang 19. Jh. währende, nach König Georg III. benannte * Late Georgian Style (1770-1811) und der * Regency Style (1811-1820), mit dem man auch allgemein den späten klassizistischen Stil Englands von ca. 1800 bis 1830 bezeichnet. Der Name geht auf die Übernahme der Regentschaft durch den Prinzen von Wales zurück, der seinen für geisteskrank erklärten Vater Georg III. 1811 bei den Regierungsgeschäften ablöste und der nach dem Tod des Königs (1820) als Georg IV. über England und Irland herrschte. Die im Regency vorhandene Tendenz zur Kopie vor allem griechische Vorbilder wird * Greek Revival genannt. (Es folgten in England die vom * Historismus beeinflussten * Viktorianischen Stile.)

Im deutschen Sprachraum wurde der Klassizismus ca. 1815 durch die romantische Strömung des beginnenden * Biedermeier verdrängt. Als Reaktion auf Barock und Rokoko bevorzugte der Klassizismus geradlinige kubische Formen. Charakteristisch ist der beabsichtigte Rückgriff (* Eklektizismus) auf Elemente griechisch-römischer Kunst mit ihrer einfachen Gliederung und den klaren gesetzmäßigen Formen der klassischen Baukunst. Voraussetzung dafür war die genaue Kenntnis der antiken Gestaltungsweise.

In Deutschland wird vor allem der Kunstgelehrte und Archäologe Johann Joachim * Winckelmann mit seinen Schriften "Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst" (1755) sowie "Geschichte der Kunst des Altertums" (1764) als Wegbereiter und geistiger Vater der neuen Richtung angesehen. G. E. Lessing und R. Mengs haben gleichfalls durch ihr kunsttheoretisches Schrifttum die Erneuerung der klassischen Kunst beeinflusst. Die Entdeckungen von * Herculaneum und * Pompeji trugen ebenfalls zum neuen Interesse am klassischen Altertum bei. Großer Beliebtheit erfreuten sich auch neu erschienene Übersetzungen antiker Werke der Dichtkunst, etwa von Homer und Vergil.

Im Gegensatz zu den vorangegangenen Stilen (Barock und Rokoko), die in erster Linie vom Adel getragen wurden, war der Klassizismus auch eine Ausdrucksform des gehobenen Bürgertums. Erstmals begann zwischen der Nobilität und der * Bourgeoisie eine Nivellierung Platz zu greifen. Beeinflusst wurde der Trend zu Beginn des 19. Jh. durch die Erfindungen von Dampfschiff und Eisenbahn sowie durch die immer stärker werdende Industrialisierung. Den Bürgerlichen brachte der damit verbundene Handelsaufschwung Vermögen, das sie zum Teil für neue Häuser, verziert mit Säulen, * Atlas-Figuren als Gebälkträger und anderen * Bauplastiken, verwendeten.

Die Architektur des Klassizismus folgte der griechisch-römischen Antike besonders deutlich. Im Zuge der Neubauten ersetzte man meist auch die Einrichtungen. Wie in früherer Zeit wurden die Möbel im Klassizismus von (Kunst-)Handwerkern entworfen und auf Bestellung meist als Einzelstücke hergestellt. Fabriksmäßig in Serie gefertigte Einrichtungen waren erst seit dem * Biedermeier üblich. Für den Klassizismus kennzeichnende Dekor-Motive des Kunsthandwerks waren u. a. Ruinendarstellungen, * Urnen, * Sphinxe, * Embleme, * Trophäen und * antikisch gekleidete Frauenfiguren. Häufig dargestellt sind * Hydrophoren (Frau mit Wasserkrug) und * Kanephoren (Frau mit Korb auf dem Kopf). Bei * Plastiken verzichtete man häufig auf die im Barock übliche * polychrome * Fassung und beließ die neutrale Eigenfarbe des verwendeten Materials. In der Skulptur haben die Figuren einen feierlich-naturalistisch-ernsten Ausdruck, es wurden klare Linien ohne Schnörkel bevorzugt.

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