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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

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Kubismus , von französisch cube, "Würfel", Kunstrichtung der * Moderne, mit Betonung stereometrischer Formen.

Der Name ist eine Wortschöpfung des Kunstkritikers Louis Vauxcelles (der auch die Bezeichnung * Fauvismus geprägt hatte), die anlässlich einer Ausstellung moderner Bilder im Jahr 1908 entstand. Vauxcelles bezog sich dabei vor allem auf die facettiert-prismatische Formensprache bei Gemälden des Malers Georges Braque, die in L'Estaque am Mittelmeer entstanden sind, wo auch Cézanne viele Bilder malte. Richtungweisend für den Kubismus waren der Spätstil des Malers P. Cézanne sowie sein Ausspruch, dass sich die Natur auf geometrische Körper zurückführen lässt, also die sichtbare Wirklichkeit auf Kubus, Kegel und Kugel reduzierbar ist. Unabhängig voneinander entstanden 1907/1908 die ersten rein kubistischen Werke von G. Braque und von P. Picasso, wobei sich Picasso vor seinem richtungweisenden Werk "Les demoiselles d'Avignon" besonders eingehend mit der * Primitiven Kunst, d. h. mit der afrikanischen Volkskunst auseinandergesetzt hatte. Nach der cézannischen Phase entstand durch die Werke Braques und Picassos, als erste "moderne" Kunstrichtung, der von 1907/08 bis etwa 1913 währende * Analytische Kubismus, - analytisch deshalb, weil die Künstler bestrebt waren, die Strukturen aufzudecken. Es handelte sich um eine Analyse auf bestimmte Grundformen hin. Die dargestellten Gegenstände werden, in geometrische Teile zergliedert, auf der Bildfläche ausgebreitet.

In weiterer Folge wurde der Kubismus vor allem von Malern und Bildhauern aus Frankreich, Spanien und Russland vertreten. Die Bildthemen wurden auf die wesentlichen Dinge reduziert und diese dann schroff, scharfkantig und ohne Rücksicht auf den üblichen perspektivischen Standpunkt des Betrachters, d. h. aperspektivisch, dargestellt. Die Künstler waren bestrebt, einen Gegenstand in mehreren Ansichten zu erfassen und durch facettenartige Brechungen auf eine Ebene zu projezieren, wobei diese splitterig facettierten Darstellungen den Eindruck der "Mehransichtigkeit" (* Simultaneität) vermitteln. Die ausgewogenen Kompositionen des Kubismus weisen häufig Braun- und Grautöne auf, mit einer Tendenz zur * Monochromie. Die Konzeption der Bilder basiert vielfach auf den mathematischen Proportionsverhältnissen des * Goldenen Schnitts (Section d'Or), dem die Kubisten 1912 eine eigene Ausstellung in der Pariser Galerie La Boëtie, mit dem Titel "La Section d'Or", widmeten. R. Delaunay entwickelte aus dem Analytischen Kubismus den * Orphismus. Ab 1912 entstand der so genannte Synthetische Kubismus, bei dem die Vielfarbigkeit wieder an Aktualität gewann und der bis in die 1920er Jahre aktuell war. Gegenstände wurden beim Synthetischen Kubismus oft nicht dargestellt, sondern durch Buchstaben bzw. Zahlen oder durch gemalte Materialstrukturen (z. B. Holzmaserung) versinnbildlicht. Auf diese Weise entwickelte sich auch die * Collage. Auf der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen experimentierten auch * Dadaisten, * Fauves und * Nabis mit dem Kubismus.

Nach der Trennung vom dogmatischen Kubismus entstanden Dingkombinationen aus "Realitätsfragmenten" (Zeitungsausschnitten etc.) und Malerei, was den Bezug zur Wirklichkeit verstärkte. G. Braque bezeichnete die Integration der Collage durch die Maler 1917 als Verlagerung der Dingdarstellung zur malerischen Dingherstellung. Mit kubistischen Kunstströmungen in Verbindung gebracht werden neben den genannten Künstlern u. a. der Dichter und Kritiker G. Apollinaire sowie R. Delaunay (Orphischer K.), M. Duchamp, Duchamp-Villon, A. Gleizes, J. Gris, F. Léger, L. Marcoussis, J. Metzinger, M. Raynal und A. Salmon. Durch den K. inspiriert, entwickelten D. Burljuk, K. Malewitsch u. a. den russischen Kubofuturismus, wobei in Verbindung mit den Bildern des Malers Malewitsch auch der Terminus * Konstruktivismus Verwendung findet. Gleichfalls vom Kubismus beeinflusst wurden Mitglieder der tschechischen Künstlergruppe Osma, die mit dem Kubo-Expressionismus in Verbindung gebracht werden, etwa E. Filla. Die Auflösung der herkömmlichen Dingwelt in der Kunst beschrieb G. Apollinaire in seinem kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs veröffentlichten Buch über die Maler des Kubismus, "Les peintres cubistes". 1918 sprachen sich A. Ozenfant und Le Corbusier in ihrem unter dem Titel "Après le Cubisme" erschienenen Manifest des Purismus gegen alle Verwässerungen des Kubismus aus, wie etwa den Synthetischen und den Orphischen Kubismus, und forderten eine Rückkehr zum ursprünglichen Kubismus.

A. GLEIZES, Der K., München 1928; G. APOLLINAIRE, Les peintres cubistes, Paris 1913, dt. Zürich 1956; D. H. KAHNWEILER, Der Weg zum K. (München 1920), Neuaufl. Stuttgart 1957; R. ROSENBLUM, Der K. und die Kunst des 20. Jh., Stuttgart 1960; E. FRY, Der K., Köln 1966; H. STRING, Der K. und seine Einwirkung auf die Wegbereiter der mod. Architektur, Diss. Aachen 1966; P. DAIX, Der K. in Wort und Bild, Stuttgart 1982; M. ROSKILL, The Interpretation of Cubism, Philadelphia 1985; D. COTTINGTON, Cubism and the politics of Culture in France 1905-14, Diss. London 1985; F. METZINGER, D. ROBBINS, J. METZINGER, Die Entstehung des K., eine Neubewertung, Frankfurt/M. 1990; W. RUBIN, Picasso und Braque. Die Geburt des K., München 1990.


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