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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

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Kunst . Die etymologische Forschung sieht es als gesichert an, dass das Wort Kunst von Können abgeleitet wird und in dieser Bedeutung schon im 13. Jh. in Verwendung stand.

Jahrhundertelang galten dementsprechend nur jene Schöpfungen als Kunst und wurden als kunstvoll bezeichnet, die in ihrer gekonnten Gestaltungsweise nicht jedermann herzustellen oder zu kopieren vermochte. Dabei war von untergeordneter Bedeutung, von wem ein Entwurf stammte, gewertet wurde nur das Resultat. Auch anerkannte Künstler orientierten sich an Vorlagen, so dienten etwa für Raffaels Arbeiten in den Loggien des Vatikan antike römische * Wandgemälde als Vorbild (* Grotesken). Der Versuch einer Neuinterpretierung des Kunst-Begriffs in der Form, dass nur der Einfall, nicht aber die Ausführung, d. h. die Umsetzung der Idee, als Kunst zu gelten habe, blieb gewissen Kunstkreisen der zweiten Hälfte des 20. Jh. vorbehalten.

Gekonnt gestaltete und mit Akribie ausgeführte Werke werden heute nicht selten abwertend als reine "Handwerksarbeit" interpretiert (* Kunsthandwerk). Diese in Ansätzen bestehende veränderte Kunstauffassung mancher Künstler des 20. Jh. hat dazu geführt, dass viele zeitgenössische Arbeiten so simpel hergestellt sind, dass sie jeder herstellen oder kopieren kann. Viele Künstler, die vehement dafür eintreten, allein den zündenden Funken, den Einfall, als Kunst anzusehen, scheuen sich nicht, ein und dieselbe Idee jahrelang in der immer gleichen Weise stereotyp zu wiederholen und als Kunst auszugeben. Die Bekanntheit eines Namens und die öffentliche Anerkennung als Künstler(in) reichen heute völlig aus, um sogar industriell gefertigte Massenware als Kunstwerke deklarieren zu können und solche Zuordnungen ohne weiteres Hinterfragen vorzunehmen (* Ready mades).

Die Wertschätzung eines Kunstwerks ist häufig nur mehr von dem Namen des Künstlers abhängig, der Schöpfung selbst kommt oft keine eigene künstlerische Bedeutung zu. Dementsprechend besteht das alles entscheidende Bewertungskriterium dann allein darin, ob ein Kunstwerk "echt" ist oder nicht (* Signatur). Kann die Authentizität eines bekannten Künstlernamens nicht belegt werden, ist ein Kunstwerk oft wertlos. Im Gegensatz dazu haben anonyme Schöpfungen früherer Zeit, unbeschadet der Zuschreibung an verschiedene Künstler, im Laufe der Jahrhunderte nichts von ihrer Faszination und ihrer Bedeutung verloren. Sie sind zeitlos und in ihrer Qualität so überzeugend, dass sie auch ohne bekannten Künstlernamen als Kunstwerk Anerkennung finden.

Das Signieren von Objekten der Bildenden Kunst wurde - sieht man von Ausnahmen ab - erst seit der Spätgotik üblich. Während Gemälde relativ oft bezeichnet sind, treten Signaturen bei bildhauerischen Werken in Europa erst im 19. Jh. vermehrt auf. Wirklich üblich wurde das Signieren von Plastiken erst durch den Signaturenkult des 20. Jh. Der Künstler trat früher hinter seinen Schöpfungen zurück und sah seine Aufgabe nur darin, seine Werke in Vollkommenheit und Gediegenheit zu schaffen (italienisch sodezza dell'opera). Es konnte somit nur Qualität bestehen, zeitlose Schönheit, die für sich selbst spricht. Oskar Wilde charakterisierte diese Einstellung mit den Worten: "Die Kunst zu offenbaren und den Künstler zu verbergen, das ist das Ziel der Kunst!" Heute ist es in der Regel umgekehrt. Durch geschickte Manipulation wird ganz allgemein die Signatur, d. h. der Name oder ein Symbol (Markenzeichen) in den Vordergrund gestellt, gleichgültig, ob es sich etwa um ein Kleidungsstück oder um Kunst handelt. Menschen mit wenig ausgeprägter Persönlichkeit übertragen den Nimbus, das Image bekannter Namen und * Embleme auf ihre Person und heben durch solche zu Statussymbolen avancierte Begriffe ihr Selbstwertgefühl.

Früher war der Umgang mit Kunstwerken und eine auf Kunstverständnis ausgerichtete Bildung Teil einer guten Erziehung. Durch den Signaturenkult der Gegenwart genügt nicht selten das bloße Wissen über den jeweiligen Kunsttrend und dessen prominente Vertreter. Nichtkonforme Ansichten gelten als inkompetent und nicht relevant. Sachliche Kritik von Kunstwerken wird durch extreme Abstraktion oder gänzliche Verzerrung und Negation der Wirklichkeit selbst für Fachleute immer schwieriger, wie Beispiele namhafter Kunstexperten beweisen, die verkehrt aufgehängte Bilder, Arbeiten von Kleinkindern oder die Sockel noch nicht aufgestellter * Plastiken wortreich anstelle der Kunstwerke interpretierten. Der Wiener Maler und Chansonnier Arik Brauer bemerkt in einem seiner Lieder sehr treffend, falls man genug reduziere und abstrahiere, bleibe nicht mehr viel übrig von der Kunst!

Bei Werken, deren dargestellte Objekte sehr wohl erkennbar sind, kann man sich noch nach Jahrhunderten, ja Jahrtausenden daran erfreuen, wie verblüffend lebendig und ausdrucksvoll sie gestaltet wurden und wie gekonnt sich die Künstler mit dem Erschauten auseinandergesetzt haben. Objekte, die vom Publikum nicht als Kunstwerke angesehen werden, bedürfen dagegen wortreicher interpretierender Erklärungen. Es ist bezeichnend für Kunstwerke, die selbst nicht genug Aussagekraft besitzen, dass erst Promoter und Manager "etwas daraus machen" müssen. Je weniger ein Kunstobjekt selbst aussagt und überzeugt, desto größer ist der Aufwand, der im Zusammenhang mit der Hochstilisierung zum Kunstwerk nötig wird. Bei vielen zeitgenössischen Kunstwerken liegt die wahre Kunst in der Interpretation. Wie es so schön heißt, muss man die Menschen aufrütteln und dem Betrachter "Zugang zu den Werken verschaffen."

Genau genommen besteht im Allgemeinen nur wenig Interesse, dem Publikum wirklich Einblick zu vermitteln, das Gegenteil ist der Fall! Geschickt haben die Verantwortlichen der Szene, in Verbindung mit einzelnen Künstlern und deren Produkten, neue Redewendungen und Begriffe kreiert. Jeder, der zwar über Kunstverstand, nicht aber über die Kenntnis, das rezente Vokabular dieser neu geprägten Termini verfügt, kann dadurch leicht bei der leisesten negativen Kritik als inkompetent abqualifiziert werden. Es gibt ganz hervorragende Werke zeitgenössischer Kunst. Aber in allen Bereichen ist feststellbar, dass, je dürftiger und wenig überzeugend eine Arbeit ist, desto intellektueller und phantasievoller die Erklärungen und Aktionen sind, die das Objekt als Kunstwerk deklarieren. Kreationen wirklich talentierter Künstler sprechen im Allgemeinen für sich und benötigen nicht vieler Worte.

Der Schriftsteller und Kunstkritiker Eugen Roth definierte "Kunst" wie folgt:

Ein Mensch hält an dem Grundsatz fest, dass über Kunst sich streiten lässt.
Er widersteht den * Avantgarden und ihren wortgewandten Barden.
(Modern sein kann heut jeder gut- Altmodisch sein: dazu brauchts Mut!)
Selbst jung, hat er sich zu den jungen Expressionisten durchgerungen
Und meint, er habe es geschafft.
Jedoch mit neuer Schöpferkraft Beginnen nunmehr die Tachisten Picasso selbst mit auszumisten.
Der Mensch beflügelt seinen Schritt Und wirklich kommt er grad noch mit.
Wild schreit die Avantgarde: "Patzer!" Und ritzt in leere Flächen Kratzer.
Der Mensch, nur dass er sei modern, Beschwört, er sehe so was gern.
Die Jüngsten halten das für Dreck Und lassen selbst die Kratzer weg.
Der Mensch muss arg sich überwinden, Um das als Kunst noch zu empfinden.
Er stellt, um ja nicht zu erlahmen, Sich brav vor leere Bilderrahmen:
Ein bisschen scheints ihm übertrieben - Schon gilt er als zurückgeblieben.


Viele talentierte moderne Künstler vertreten die Ansicht, die Menschen sollten wieder kritischer werden, so wie früher, und den Mut aufbringen, sich selbst eine Meinung zu bilden. Sie sollten nicht vorformulierte Betrachtungsweisen übernehmen und vorbehaltlos akzeptieren. Ein Kunstwerk sollte unabhängig vom Namen des Herstellers als Kunstwerk erkennbar sein. In dem Zusammenhang sei auf das gelungene Stimmungsbild des Liedermachers Rainhard Fendrich verwiesen, der im Rahmen seiner Liederreihe "Von Zeit zu Zeit" in Wiener Mundart singt: "I steh' auf aner * Vernissage vor aner grässlichen * Collage ...".

Der Farmer E. Freyer berichtete von einem Vortrag des Malers Pablo Picasso vom 2. Mai 1952 im südwestafrikanischen Otavi über die "moderne Kunst" und zitierte die Worte Picassos wie folgt: "Seit die Kunst nicht mehr die Nahrung der Besten ist, kann der Künstler seine Talente für alle Wandlungen und Launen seiner Phantasie verwenden. Alle Wege stehen einem intellektuellen Scharlatanismus offen. Das Volk findet in der Kunst weder Trost noch Erhebung. Aber die Raffinierten, die Reichen, die Nichtstuer und die Effekthascher suchen in ihr Neuheit, Seltsamkeit, Originalität, Verstiegenheit und Anstößigkeit. Seit dem Kubismus, ja schon früher, habe ich selbst alle diese Kritiker mit zahllosen Scherzen zufriedengestellt, die mir einfielen und die sie um so mehr bewunderten, je weniger sie ihnen verständlich waren. Durch diese Spielereien, diese Rätsel und Arabesken habe ich mich schnell berühmt gemacht. Und der Ruhm bedeutet für den Künstler: Verkauf, Vermögen, Reichtum. Ich bin heute nicht nur berühmt, sondern auch reich. Wenn ich aber allein mit mir bin, kann ich mich nicht als Künstler betrachten im großen Sinne des Wortes. Große Maler waren Giotto, Tizian, Rembrandt und Goya. Ich bin nur ein Spaßmacher, der seine Zeit verstanden hat und alles, was er konnte, herausgeholt hat aus der Dummheit, der Lüsternheit und Eitelkeit seiner Zeitgenossen." Über diese Aussagen Picassos berichtet auch Ephraim Kishon in seinem bemerkenswerten Buch "Picasso war kein Scharlatan". Vgl. * Kunsteinteilung.

Große Berliner Kunstausstellungen, Kataloge, Berlin 1918-33; H. I. BUROW, Das ästhet. Wesen der Kunst, Berlin 1958; E. H. GOMBRICH, Art and Illusion, London 1959; D. SCHMIDT (Hg.), Manifeste - Manifeste 1905-33, Künstlerschriften, Bd. 1, Dresden 1965; B. BRECHT, Zur Literatur und Kunst, 2 Bde., Berlin, Weimar 1966; W. HOFMANN, Grundlagen der modischen Kunst, Stuttgart 1966; J. CLAUS, Expansion der Kunst, Reinbek b. Hamburg 1970; H. H. HOLZ, Vom Kunstwerk zur Ware, Neuwied 1972; U. ECO, Zeichen. Einf. in einen Begriff u. seine Geschichte., Frankfurt/M. 1977; J. HELD, N. SCHNEIDER (Hg.), Kunst und Alltagskultur, Köln 1981; E. H. GOMBRICH, Bild u. Auge. Neue Studien zur Psychologie des bild. Ausdrucks, Stuttgart 1984; M. FRANZ, Wahrheit in der K., Berlin, Weimar 1986; E. PRACHT u. a., Ästhetik der Kunst., Berlin 1987; C.-P. WARNCKE, Sprechende Bilder - Sichtbare Worte. Das Bildverständnis in der frühen Neuzeit, Wiesbaden 1987; L. STOLOWITSCH, Kunst u. Spiel, Berlin 1990.


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