Legenda aurea , lateinisch, "goldene Legende", von dem lombardischen Dominikaner und späteren Erzbischof von Genua, Jacobus a (de) Voragine (1228/30-1298/99) zwischen 1263 und 1288 in mittellateinischer Sprache verfasste Sammlung von 243 Heiligenlegenden, mit dem Originaltitel "Legenda sanctorum" (Legende der Heiligen).
Als Name des Verfassers findet man manchmal auch Varagine angegeben. Die Legenda aurea wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und häufig mit regionalen Ergänzungen versehen. Die bis zu Petrus Martyr von Verona (1252) reichende Legenda aurea ist die wichtigste spätmittelalterliche, auf mündlichen und schriftlichen Quellen basierende Sammlung von legendenhaft beschriebenen Heiligenviten. Von den deutschen Heiligen wird in der Legenda aurea nur die hl. Elisabeth von Thüringen angeführt. Für die Art der Darstellung der * Heiligen (Attribute, Gewandung etc.) diente die Legenda aurea vielen Künstlern als Vorbild.
Neben den über das Kirchenjahr verteilten Festen der Heiligen sind in der Legenda aurea auch Abhandlungen über Kirchenfeste enthalten, etwa am Karfreitag über die * Passion und zu Ostern über die Auferstehung. Manche Abschriften der Legenda aurea wurden "Historia Langobardia" (langobardische Geschichte) genannt, in Anspielung auf die Herkunft der Legenda aurea. Bekannt sind von der Legenda aurea etwa 1000 Handschriften und 97 lateinische * Inkunabeln, die alle einen gewissen übereinstimmenden Kernbestand aufweisen. Die ältesten lateinischen Handschriften aus den 80er Jahren des 13. Jh. umfassen 182 Kapitel (Bayer. Staatsbibl. München, 1282, Nationalbibl. Paris, Stiftsbibl. Einsiedeln, Kgl. Bibl. Brüssel). Demgegenüber besteht die erste gedruckte Ausgabe (Köln, 1470-81) aus 478 Kapiteln.
Seit dem 14. Jh. gab es daneben zahlreiche volkstümliche Fassungen. Bei ihnen sind oft Heilige mit nur regionaler Bedeutung hinzugefügt. Neben der bekannten elsässischen Version (insgesamt 34 Handschriften) wurde die Legenda aurea sechsmal in die deutsche Sprache übersetzt. Gebildete Laien versuchten später, die volkssprachigen Ausgaben wieder dem Niveau der alten, in lateinischer Sprache verfassten Schriften anzugleichen. Auch Kleriker äußerten ihr Misstrauen betreffend die Zuverlässigkeit der angeführten Lebensläufe, wie etwa der Kardinal Nikolaus von Cues anlässlich der Synode von 1455 in Brixen. Durch die von den * Bollandisten verfassten * Acta Sanctorum verlor die Legenda aurea an Bedeutung.
Aktuell wurde sie erst wieder durch die von Brunet 1843 vorgenommene Übersetzung in die französische Sprache, der 1846 eine Neuauflage der lateinischen Version durch Th. Graesse folgte. Graesse verwendete dafür die so genannte Dresdener Inkunabel, die 1945 verbrannte und die weitgehend mit dem vor 1474 von M. Wenssler hergestellten Druck identisch war. Dem lateinischen Urtext wesentlich näher steht die im Bayerischen Nationalmuseum aufbewahrte so genannte Münchener Handschrift, die R. Benz bei der in den 1960er Jahren wiederaufgenommenen Erforschung der Legenda aurea, d. h. bei der Übersetzung derselben verwendete. Das Legendar basiert auf der Legenda aurea (vgl. * Passional).
E. Th. GRAESSE, L., Regensburg 1846 (1890), Nachdr. 1969; R. BENZ, Die L. des Jacobus de Voragine aus d. Lat. übersetzt, Jena 1917-21, Nachdr. Köln, Olten 1969; M. BART, Die illustrierte Strassburger Übersetzung der L. von 1362, in: Archiv f. elsäss. Kirchengesch. 9, 1934; Ch. v. HEUSINGER, Ein Fund zur mittelalterl. Legendenlit. des Elsasses, in: Zeitschr. f. Gesch. des Oberrheins 102, 1954; R. BENZ (Hg.). Die L. des Jacobus von Voragine, Heidelberg 1956; K. KUNZE, Überlieferung u. Bestand der elsäss. L. Ein Beitrag zur dt.sprachigen Hagiographie des 14. u. 15. Jh., in: Zeitschr. f. dt. Altertum 99, 1970; M. v. NAGY, N. Ch. de NAGY, Die L. und ihr Verfasser Jacobus de Voragine, München 1971; K. KUNZE, Kat. zur Überlieferung der L. des Jacobus de Voragine, in: Analecta Bollandiana 95, 1977; Ch. WALTER, Prozeß u. Wahrheitsfindung in der L., Diss. Kiel 1977; W. WILLIAMS-KRAPP, Die dt. Übersetzungen d. "L." des Jacobus de Voragine, in: Beitr. zur Gesch. d. dt. Sprache u. Lit. 101, 1979; U. WILLIAMS, W. WILLIAMS-KRAPP (Hg.), Die Elsäss. L., Bd. 1, Tübingen 1980; J. LAAGER, Jacobus de Voragine. Auswahl. Übers. aus dem Lat., Zürich 1982; B. DERENDORF, Die mittelniederdt. Bearbeitungen der L., in: Niederdt. Jahrb. 107, 1984; J. de VORAGINE, L., übersetzt von Richard Benz, Darmstadt 1984: R. NICKEL (Hg.), Jacobus de Voragine, L., Lat./Dt., Stuttgart 1988, in: Universal-Bibl. Nr. 8464/3; K. KUNZE (Hg.), Die Elsäss. L., Bd. 2: Das Sondergut, Tübingen 1989.
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