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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

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Orphismus , dem * Synchromismus verwandte abstrakte Kunstströmung.

Den vom mythischen Sänger und Leier-Spieler * Orpheus abgeleiteten Namen prägte 1913 der polnisch-französische Dichter und Kunstkritiker Kostrowiecki, genannt Guillaume Apollinaire. Die Anhänger des Orphismus wollten der reinen Musik eine reine Malerei entgegensetzen, aufgelöst in rhythmische Farbharmonie. Als Hauptvertreter der Strömung gilt Robert Delaunay, der nach dem Vorbild des * analytischen Kubismus, d. h. der kubischen Formfacettierung, den Lichteinfluss zerlegte. Der Orphismus wird daher auch "orphischer Kubismus" genannt.

Delaunay experimentierte auf der Grundlage der von Eugène Chevreul 1839 publizierten Farbtheorien über Simultankontraste mit Reflexionen und Brechungen des Lichts. Das Duett aus Farbe und Licht veranlasste Apollinaire zum Ausdruck Orphismus. In dieser "reinen Malerei" gestaltete Delaunay zum Teil abstrakt. Er selbst nannte seinen 1912 entwickelten Stil "Cubisme écartelé" (zerteilter Kubismus). Diese Werke unterscheiden sich vom herkömmlichen Kubismus dadurch, dass die Wirklichkeit zwar verfremdet, aber nicht negiert wird. Die Technik Delaunays beeinflusste vor allem die Arbeiten seiner Frau Sonia Delaunay-Terk und die des Amerikaners Patrick Henry Bruce, eines Schülers von H. Matisse.

Mit dem Orphismus in Verbindung gebracht werden auch Arbeiten von Marc Chagall und Raymond Duchamp-Villon sowie von Mitgliedern des * Blauen Reiters und der Gruppe * Section d'Or. In weiterer Folge entwickelte Delaunay den "Simultaneismus", mit seinem Wechsel von Komplementär- und Nichtkomplementärfarben, wobei die um 1913 entstandenen "Disques simultanés" (Simultan-Kreise), d. h. kreisförmig angeordnete kontrastierende Farben, den Eindruck rotierender Scheiben vermitteln.

G. VRIESEN, M. IMDAHL, Robert Delaunay - Licht und Farbe, Köln 1967; R. DELAUNAY, Zur Malerei der reinen Farbe. Schriften von 1912-1940, Hg. Hajo Düchting, München 1983; Delaunay und Dtl., Kat. Staatsgalerie mod. Kunst, München, Köln 1985.


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