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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

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Palastschulen , Bezeichnung für eine Gruppe karolingischer * Buchmalereien und von Werken der Elfenbeinschnitzkunst, die nach dem Vorbild der Buchilluminationen gestaltet sind und meist als Bucheinbände dienten.

Die Karolinger (8.-10. Jh.) waren bestrebt, das spätantike Erbe weiterzuführen. Dies galt besonders für den glanzvollen Hofstaat des 800 von Papst Leo III. in Rom zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönten Karl d. Gr. (747-814). Seine glanzvolle Hofhaltung sollte das sichtbare Zeichen machtpolitischer und kultureller Kontinuität mit dem spätrömisch christlichen Imperium sein. Auch die Nachfolger Karls d. Gr. förderten die Künste.

Allgemein wird zwischen drei Palastschulen unterschieden:

1. Für die in der Zeit Kaiser Karls d. Gr. vorwiegend in der Kaiserpfalz Aachen entstandenen Werke sind die Bezeichnung "Palastschule Karl d. Gr.", französisch "Style Charlemagne" und - mit Bezug auf die so genannte * Ada-Handschrift - "Ada-Gruppe" oder "Ada-Schule" gebräuchlich. Eines der Hauptwerke ist das so genannte Krönungsevangeliar, das in der Weltlichen Schatzkammer in Wien aufbewahrt wird und das zu den Reichskleinodien zählt. Der Überlieferung nach lag der Codex auf den Knien Karls d. Gr., als Otto III. im Jahr 1000 das Grab öffnen ließ. Vgl. * Hofschule Karls d. Gr.

2. Die zweite Palastschule heißt nach ihrer Provenienz "Metzer Gruppe" oder "Metzer Schule". Die Werke stammen aus der lothringischen Stadt Metz, der Residenz des Bischofs Drogo, der ein Sohn Karls d. Gr. war. Durch zeitlich bedingte Stileigenheiten unterscheidet man bei dieser Palastschule eine erste oder ältere und eine zweite oder jüngere Periode. Bischof Drogo gab jenes * Sakramentar in Auftrag, das als eines der Hauptwerke der karolingischer Kunst gilt und in den Zeitraum von 826-855 datiert wird (Bibliothèque Nationale, Paris). Es zählt zu den Handschriften, die unter die Bezeichnung "Ältere Metzer Schule" fallen. Die Art der * Illuminationen der Metzer Schule erinnert an die Arbeiten aus dem Kloster Hautvillers bei Reims. Möglicherweise hatten sich nach dem Sturz Erzbischof Ebos von Reims einige Illuminatoren in Metz niedergelassen. In den Metzer Werkstätten wurde großer Wert auf * vegetabilen Dekor gelegt. Es entstanden die ersten durchbrochenen karolingischen Elfenbeinschnitzereien. Sie wirken, wie die illuminierten Handschriften, die Vorbild waren, malerisch bewegt. Die bei manchen Relieftafeln dieser Gruppe auffallenden kleinen Löcher dienten der Befestigung von schmückenden Goldplättchen. Der Stil der zweiten oder jüngeren Metzer Schule umfasst das 3. Viertel 9. Jh. und den Beginn des 10. Jh. Drei dieser Metzer Handschriften gelangten mit den originalen Einbanddeckeln in die Pariser Nationalbibliothek.

3. Die dritte Gruppe wird Palastschule Karls des Kahlen (823-877) genannt. Sie zeichnet sich u. a. durch ihre kunstvollen Elfenbeinschnitzereien aus. Charakteristisch sind übereinandergelagerte kleinfigurige Motive, die durch Stege miteinander verbunden sind. Die Stege haben die Gestalt wellenkammförmig aneinandergereihter, ornamental stilisierter Erdschollen. Auffallend ist bei den einzelnen Szenen die große Anzahl kleiner, zum Teil freigeschnittener Figuren, die sich durch malerische Bewegtheit auszeichnen. Eingefasst sind die Darstellungen durch * Akanthus-Umrahmungen. Das bekannteste Beispiel für die Palastschule Karl des Kahlen ist der zwischen 842 und 869 entstandene * Psalter Karls d. Kahlen, der mit dem aus Elfenbein geschnitzten Einband original verbunden ist und in die Nationalbibliothek von Paris gelangte. Die Handschrift ist das Werk eines Schreibers namens Liuthard. Andere Werke, die mit den in dem Psalter befindlichen Abbildungen in Verbindung gebracht werden, bezeichnet man daher auch als "Liuthard-Gruppe". Vgl. * Hofschule Karls d. Kahlen.

A. GOLDSCHMIDT, Die karolingische Buchmalerei, in: Die deutsche. Buchmalerei 1, München 1928; W. KOEHLER, Die karoling. Miniaturen, Bd. 3, Teil 1, Die Gruppen des Wiener Krönungsevangeliars, Berlin 1960; W. KOEHLER, Die karoling. Miniaturen, Bd. 3, Teil 2, Metzer Hs., Berlin 1960; O. HOMBURGER, L'art carolingien de Metz et l'"école de Winchester", in: Gazette des Beaux-Arts 62, 1963; B. BISCHOFF, Panorama der Handschriftenüberlieferung aus der Zeit Karls d. Gr., in: Karl d. Gr. Lebenswerk und Nachleben II, Düsseldorf 1965; A. L. VANDERSALL, The Ivories of the Court School of Charles The Bald, Diss. Yale Univ. 1965; H. FILLITZ, Die Elfenbeinreliefs zur Zeit Kaiser Karls d. Gr., in: Aachener Kunstblätter 32, 1966, S. 20 ff; H. FILLITZ, Elfenbeinreliefs vom Hofe Kaiser Karls des Kahlen, in: Beiträge zur Kunst des Mittelalters, "FS H. Wentzel" 1975, S. 41-51; A. VANDERSALL, The Relationship of Sculptors and Painters in the Court School of Charles the Bald, Yale Univ. 1965, Gesta XV, 1976; R. MELZAK, The Carolingian ivory carving of the later Metz Group, Diss. New York 1983.


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