Realismus , von lateinisch realis, "wirklich",
Bezeichnung für eine der Wirklichkeit nahekommende Kunstform. Wird die Realität exakt, d. h. ohne Veränderung durch formal stilistische oder ideelle Ausdrucksweisen wiedergegeben, spricht man von * Naturalismus. Jede künstlerische Gestaltung bewegt sich letztlich stets zwischen den beiden Eckpunkten Idealismus und Realismus. Realistische Strömungen sind seit der Antike bekannt. Die Wende vom Idealismus zum Realismus erfolgte in der griechischen Kunst vom 5. zum 4. Jh. v. Chr. In der Neuzeit entwickelte sich in der Renaissance als Gegenbewegung zu den im Auftrag der Kirche im Mittelalter geschaffenen idealisierten sakralen Werken eine Form des weltlichen Realismus. Auch die holländische Malerei des 17. Jh. weist zum Teil starke realistische Züge auf. Besonders aber wird der Terminus Realismus für die im 19. Jh. in Frankreich entstandene sachbezogene Strömung der Malerei, mit einer exakten Schilderung von Land und Leuten, verwendet. Dieser Realismus sollte die Wirklichkeit im Bild wiedergeben und sie gleichzeitig in ihren wichtigen Zusammenhängen begreifbar machen.
1826 wurde der Realismus im "Mercure français du XIX siècle" als Gegensatz zum Klassizismus angeführt. Den Terminus Realismus machte vor allem G. Courbet bekannt, der anlässlich der * Weltausstellung in Paris 1855 über dem Eingang des Pavillons, in dem seine Werke präsentiert wurden, die Aufschrift "Le Réalisme" anbringen ließ. Die Möglichkeit, bei der Weltausstellung und im * Salon Bilder präsentieren zu dürfen, verdankten viele Maler, unter ihnen Courbet, der Revolution von 1848. Courbet malte in einem "rüden Realismus", wie Ingres formulierte, wobei seine Arbeiten politisch und sozial engagiert waren und das harte Leben der einfachen Bevölkerungsschichten widerspiegelten.
Der Realismus war u. a. Ausdruck des Protestes gegen das * Zweite Empire, d. h. gegen Napoleon III. Sonderformen des Realismus sind z. B. der * Sozialistische Realismus und der italienische * Realismo.
W. NERDINGER, Zur Entstehung des Realismus-Begriffs in Frankreich und zu seiner Anwendung im Bereich der ungegenständlichen Kunst, in: Städel-Jahrb. NF, Bd. 5, 1975; P. SAGER, Neue Formen des R. Kunst zwischen Illusion und Wirklichkeit, Köln 1977; R. ZIMMERMANN, Die Kunst der verschollenen Generation. Dt. Malerei des expressiven Realismus von 1926-75, Düsseldorf, Wien 1980; R. zwischen Revolution und Reaktion 1919-39, Kat., Paris 1980, München 1981; W. KLEIN, Der nüchterne Blick. Programmatischer R. in Frankreich nach 1848, Berlin, Weimar 1989.
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