Stücksuche:
Bitte mind. 2 Zeichen eingeben. Weitere Suchmöglichkeiten »

Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
Nutzen Sie die Funktion der VOLLTEXTSUCHE, indem Sie Worte oder Wortteile in das Suchfeld eingeben. Das Kunstlexikon beschreibt ca. 10.000 Begriffe, hat 5,5 Mio Zeichen ( Druckausgabe: 1663 Seiten). Die Begriffe verweisen insgesamt auf ca. 35.000 Quellen.  
 Volltextsuche: nur in der Begriffsliste suchen

Renaissance , französisch, "Wiedergeburt", seit ca. 1850 allgemein üblicher Stilbegriff.

G. * Vasari verwendete schon um 1550 den italienischen Ausdruck rinascimento, "Wiedergeburt", in Verbindung mit dem Wiederaufleben antiker Traditionen in der Kunst. Fast drei Jahrhunderte später machten J. Hittorf den Terminus in Frankreich (1830) und E. Koloff in Deutschland (ca. 1840) populär. Im Mittelalter stand die Kunst fast ausschließlich im Dienst der Kirche und diente der Heilsfindung. Mit dem Ende der Gotik endete auch das Mittelalter, und es begann mit der Renaissance die so genannte * Neuzeit. Das profane Leben, Mensch und Ding in ihrer Diesseitigkeit erlangten wieder den Eigenwert, der bereits die Kunst der Antike auszeichnete. Durch die Rückbesinnung auf alte Kulturen wurde auch die tolerant freizügige und sinnenfrohe Lebensweise der Antike neu entdeckt.

Während die Frührenaissance in Italien schon im 15. Jh. einsetzte (* Quattrocento), verbreitete sich die Renaissance im übrigen Europa erst in den beiden ersten Jahrzehnten des 16. Jh. Anders als in Frankreich oder Deutschland hatte sich die Gotik in Italien weniger stark entwickelt. Im Heimatland der Antike war die antike Tradition nie ganz in Vergessenheit geraten. Sie lebte in der spätromanischen Architektur fort und setzte in der Renaissance wieder voll ein. Die Frührenaissance währte in Italien von ca. 1420-1480/90, die Hochrenaissance von 1480/90-1520/30 und die Spätrenaissance von 1520/30-1580/90. Die verstärkte Seefahrt, der Handel, die Erfindung des Buchdrucks usw. erschütterten die Ideale und Grundsätze des Mittelalters.

Die durch den Handel vermögend gewordenen Kaufleute prägten mit ihrem erweiterten geistigen Horizont ein neues Zeitalter, in dem nicht mehr die kirchliche Autorität, sondern das profane Leben im Mittelpunkt stand. Dadurch wurde die Basis für eine Erneuerung von Kunst und Kultur geschaffen. Ende 14. Jh. etablierten sich in Italien die ersten Griechischlehrer. Cosimo de' Medici, sein Bruder Lorenzo u. a. begannen um 1420 antike Handschriften zu sammeln und beschäftigten sich intensiv mit dem klassischen Altertum, ein Unterfangen, das im Mittelalter als Ketzerei angesehen worden wäre. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 kamen viele griechische Gelehrte nach Mitteleuropa.

In Malerei und Literatur setzte in Italien schon in der 2. Hälfte 14. Jh. ein Trend zur Rückbesinnung auf griechisch-römische Idealvorstellungen ein, der sich in der Frührenaissance seit ca. 1420 in Bildhauerei und Architektur fortsetzte. So wurden beispielsweise die antiken * Säulenordnungen wieder modern. Die um 25 v. Chr. veröffentlichten zehn Bände von * Vitruvs Lehrwerk "De architectura" - sie erschienen im 15./16. Jh. in mehreren Übersetzungen und kommentierten Ausgaben - beeinflussten die Baukunst der Renaissance entscheidend. Vor allem der im Mittelalter vernachlässigte Profanbau erlebte eine Wiedergeburt. Besonders prunkvolle Palastbauten entstanden in Florenz (Palazzo Pitti, Palazzo Medici, Palazzo Rucellai und der Palazzo Strozzi). Zentrum der Hochrenaissance war Rom mit dem Bau prächtig ausgestatteter Paläste wie dem Palazzo Farnese sowie dem Beginn des Neubaus der Peterskirche, nach dem Entwurf Bramantes.

Die * sakrale Baukunst tendierte zum Zentralbau, überhöht von einer Kuppel, sowie zur frühchristlichen Form der * Basilika. Das Mauerwerk wurde häufig aus grob behauenen Steinen hergestellt, dem so genannten * Bossenwerk. Zum Unterschied vom * Vertikalismus der Gotik wird in der Architektur der Renaissance das Horizontale (Gesimse, Profile) sowie das Antikisierende betont, bis hin zum * Palladianismus. Beliebt wurden plastischer Architekturzierat in Form von Fruchtstäben und Girlanden, antikisierende Ornamentformen wie * Akanthus, * Kyma, * Trophäen sowie * Bauplastik (* Atlanten usw.) und gemalter Dekor an Gebäuden (* Sgraffito).

In der Bildenden Kunst kam durch die Wiedergeburt der Antike die Darstellung des menschlichen Körpers, besonders die Gestaltung des männlichen * Aktes, die während des Mittelalters verpönt gewesen war, wieder in Mode. Die so genannten Renaissance-Möbel, allen voran die Kästen, sind oft mit gedrechselten Säulen und anderem Architekturdekor gegliedert und in Gebieten, in denen die Reformation nicht Fuß fassen konnte, mit * Plaketten und * Intarsien reich verziert. Die Objekte haben oft eine tempelartige Fassade und eine stark ausgeprägte Ornamentik. Beliebt waren u. a. Verzierungen mit * Akanthus, * Astragal, * Bukranion, * Feston, * Hermen, * Kymations und * Trophäen sowie den in der Renaissance entwickelten * Arabesken und * Grotesken. Beliebt waren auch figürliche, von der antiken * Bauplastik übernommene Gestaltungen (* Atlanten usw.).

Entscheidend für den Aufschwung und die weitere Entwicklung, den die Malerei nahm, war die Erfindung der * Ölfarben. Die bekanntesten Vertreter der italienischen Hochrenaissance waren Leonardo da Vinci (1492-1519), Michelangelo Buonarroti (1475-1564) und Raffael (1483-1520). Eine eigenständige Schule entstand in Venedig mit Bellini, Giorgione und Tizian als Hauptvertretern. Der vielleicht bedeutendste italienische Maler der Spätrenaissance war Correggio (eigentlich Antonio Allegri). Seine stimmungsvollen Landschaftsbilder, verbunden mit der Bewegtheit der Figuren, beeinflusste die europäische Malerei bis ins 18. Jh. Die Bildnerei erlebte, durch die Miteinbeziehung profaner Motive, in der Renaissance einen ungeahnten Aufschwung. In besonderer Weise galt dies für die Medaillenkunst und die Skulptur, die in antiker Manier gestaltet, besonders in Form von * Bronzen aber auch von Standbildern in * Marmor oder * Buchs, tatsächlich eine Wiedergeburt erfuhr.

Da sich die Skulptur, als Folge der Reformation, in nur geringem Maße durchzusetzen vermochte, wandten sich die Künstler nördlich der Alpen vermehrt Gegenständen der * Gebrauchskunst zu. Großer Beliebtheit erfreuten sich kleine, in * Ajourarbeit aus Elfenbein geschnitzte Relieftäfelchen, als * Einlagen in * Kabinettschränken und in den * Schäften von Schusswaffen wie * Armbrust, * Radschlossgewehr und -pistole (* Faustrohr, * Puffer). In der Spätrenaissance kamen auch Arbeiten der * Drechselkunst immer mehr in Mode. Die um 1520/30 beginnende Spätrenaissance, die heute oft verallgemeinernd als * Manierismus bezeichnet wird, bereitete den Weg für das Barock vor.

Entscheidende künstlerische Impulse gingen vom Hof Papst Alexanders VI. (1430-1503) Borgia und von Florenz aus. Die hier seit 1531 als Herzöge residierenden Medici gelten bis heute als Inbegriff der "Renaissance-Fürsten", und man spricht auch von einer "Fürstenrenaissance". Von Italien breiteten sich die geistigen und künstlerisch-formalen Strömungen des italienischen * Quattrocento und * Cinquecento fast über ganz Europa aus. Durch die Übernahme des ungarischen Throns durch Karl Robert von Anjou 1307, einen Enkel Karls des Lahmen von Neapel, und durch dessen Sohn Ludwig von Anjou (1342-1382), der zeitweise auch über Neapel geherrscht hatte, war Ungarn das erste Land, das den Geist humanistischer Bildung und die auf die Wiedergeburt antiker Traditionen ausgerichteten Tendenzen in der Kunst übernahm. Ausschlaggebend dafür waren die in vieler Hinsicht bestehenden Verbindungen zu Italien. So lehrten beispielsweise italienische Professoren an der Universität in Pécs, und italienische Künstler waren für den Budapester Hof tätig. Im dt. Sprachraum war Albrecht * Dürer (1471-1528) maßgeblich an der Verbreitung des neuen Stils beteiligt. Allerdings wirkte sich die Reformation auf vielen Gebieten als großes Hemmnis für das neue Kunstschaffen aus.

Erst die katholische Gegenreformation (1555-1648) beendete die Bilderfeindlichkeit und damit die Ablehnung der Darstellung auch des nackten menschlichen Körpers. Deshalb existiert im deutschsprachigen Raum keine ausgeprägte Hochrenaissance, sondern es schließt an Strömungen der Frührenaissance mehr oder weniger direkt die Spätrenaissance mit dem Formengut des * Manierismus an. Die Frührenaissance währte hier von etwa 1525-1570 und die Spätrenaissance bzw. der * Manierismus, im Anschluss daran, bis gegen 1600/1620. In Frankreich und England werden die Kunstepochen zumeist nach den damals regierenden Herrschern benannt. Die Kontakte zwischen Italien und Frankreich wurden nicht zuletzt durch die Soldaten Karls VIII. von Frankreich (König von 1483-1498) - sie hatten 1494/95 das Königreich Neapel errobert - und durch den Anspruch Ludwigs XII. von Orléans (König von 1498-1515, * Louis douzième) auf Mailand, Neapel und Venedig hergestellt.

Der Renaissance-Stil unter der Regentschaft Franz I. (König von 1515-1547) von Frankreich wird manchmal als * François-premier bezeichnet (* Schule von Fontainebleau) und der unter Heinrich II. (König von 1547-1559) existente Stil als * Henri-deux. Das Hauptwerk der französischen Renaissancebaukunst ist der im Auftrag König Franz I. von Lescot geschaffene Neubau des Pariser Louvre. Der Geist der Renaissance blieb in Frankreich in Architektur und Bildender Kunst teilweise auch noch im Barock erhalten. In England folgte auf den stark von der Gotik geprägten * Tudor Style (1485-1558) der * Elisabeth Style (1558-1603).

R. KAUFMANN, Der R.begriff in der dt. Kunstgesch.schreibung, Winterthur 1932; H. HOFFMANN, Hochr., Manierismus, Frühbarock, Zürich 1938; O. BENESCH, The Art of the R. in Northern Europe, Cambridge 1945, London 1965; "Studies in the R.", 1954 ff.; Publikationen u. Kongresse des Ist. Nazionale di studi sul Rinascimento, Florenz 1950 ff.; J. POPE-HENNESSY, Ital. R. Sculpture, London 1958; P. HENNESSY, Italian High. R. and Baroque Sculpture, London 1963; F. BAUMGART, R. und Kunst des Manierismus, Köln 1963; H. WÖLFFLIN, Die Kunst der R. in Italien und das dt. Formgefühl, München 1962; F. HARTT, History of Italian R. Art, New York 1969; E. H. GOMBRICH, Studies in the Art of R., 3 Bde., London 1966-1976; R. STRONG, Splendor at Court. R. Spectacle and Illusion, London 1973; H. A. STÜTZER, Die ital. R., Köln 1977; Y. HACKENBROCH, R. jewellery, Totowa/N. J., München 1979; L. H. HEYDENREICH, Studien zur Architektur der R., München 1981; H. BUSCH, B. LOHSE, Baukunst der R. in Europa, Olten 1981; A. BUCK (Hg.), R., Reformation. Gegensätze und Gemeinsamkeiten, Wiesbaden 1984; P. BURKE, Die R. in Italien, Berlin 1984; Ph. PRAY BOBER, R. OLITSKY RUBINSTEIN, R. Artists and Antique Sculpture, London 1986; H. GÜNTHER, Das Studium der antiken Architektur in den Zeichnungen der Hochr., Tübingen 1988; M. JÄGER, Die Theorie des Schönen in der ital. R., Köln 1990; C. SEMENZATO, Glanz der R. Europ. Kunst vor 500 Jahren, Gütersloh, München 1992; J. POESCHKE, (Aufnahmen: A. Hirmer u. I. Ernstmeier-Hirmer), Die Skulptur der R. in Italien, Bd. 1, Donatello und seine Zeit, München 1990; J. POESCHKE (Aufnahmen: A. Hirmer u. I. Ernstmeier-Hirmer), Die Skulptur der R. in Italien, Bd. 2, Michelangelo und seine Zeit, München 1992; D. THOMSON, R. architecture, Manchester 1993; L. CASTELFRANCHI VEGAS, Italien und Flandern. Die Geburt der R., Stuttgart 1994.


<< Remus Rentierzeit >>


Vertiefen Sie Ihr Wissen über Kunst!
Testen Sie unseren Gratisservice Kunstbegriff des Tages. Auf Wunsch erhalten Sie täglich oder wöchentlich per E-Mail einen Begriff aus dem Kunstlexikon geschickt.
Mehr Informationen »

Das Kunstlexikon für das iPhone!
Sie können das Kunstlexikon auch in einer für das iPhone optimierten Version ansehen. Klicken Sie einfach auf den nachfolgenden Link.
Jetzt öffnen »

Schmuckwissen>>


Aktuelle Objekte:

Granatbrosch... >

Litho sig. C... >



Aktuelle Objekte:

Florian Wagn... >

BAUERNFEIND,... >