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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

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Rokoko , Bezeichnung für die von 1710/30-1760/80 von Frankreich aus beeinflusste Kunst- und Kulturepoche in fast ganz Europa, manchmal auch verallgemeinernd Spätbarock genannt.

Der Name Rokoko leitet sich vom französischen Ausdruck Style * Rocaille ab, für den Stil der Zeit zwischen Barock und Klassizismus. Stilelemente des Rokoko finden sich ansatzweise schon in der * Régence (1710-1730), seine Blütezeit erreichte das Rokoko aber erst im * Louis-quinze (1730-1770). Die üppigen, schweren symmetrischen Formen des Barock wichen zierlichen, asymmetrisch angelegten, durch Ranken, Blumen und die * Quadrillage aufgelockerten, verspielt wirkenden Dekorationsformen, mit der Rocaille als Hauptornament.

Der Terminus Rokoko wurde erstmals im so genannten * Zweiten Rokoko (* Louis-Philippe-Stil) als Spottname verwendet, bürgerte sich später aber allgemein ein. Das Rokoko war eine Reakton auf den Tod des "Sonnenkönigs" Ludwig XIV. 1715 und auf den von diesem geprägten * Louis quatorze-Stil. Im übrigen Europa setzte die Kunstrichtung des Rokoko erst ab zirka 1730 ein und währte bis gegen 1770, regional auch länger. Das Rokoko war die letzte auf Prachtentfaltung ausgerichtete Epoche. Es handelt sich dabei eigentlich um keinen eigenen Stil, sondern um eine Dekorationsvariante, um eine Umwandlung des Barock ins Kleinteilige, Kapriziöse.

In Frankreich wird das Rokoko nochmals unterteilt in die * Régence (Watteau-Zeit), in das * Louis-quinze - seiner eigentlichen Glanzzeit mit den Dezennien der * Pompadour - und dem * Louis-seize, dem bereits klassizistisch geprägten Ausklang des Rokoko. Im deutschen Sprachraum ist für Louis-seize auch der Name * Zopfstil üblich. Sonderformen des Rokoko waren das auf Preußen beschränkte * Friderizianische Rokoko, in Österreich der * Theresianische und der * Josephinische Stil sowie das schwedische Gustavianische Rokoko. Zeitgleich zum Rokoko entwickelten sich in England, Frankreich und Norddeutschland seit Mitte 18. Jh. auch schon erste klassizistische Formen.

Als selbständiger Kunststil setzte sich der * Klassizismus in Europa aber erst ca. 1770/80 durch. Der französische Adel baute im Rokoko eine Vielzahl von Stadtpalästen, * Hôtel genannt. Die Gartenanlagen waren oft mit "künstlichen" Ruinen und Grotten versehen (* Grottenwerk). In der Baukunst wurde der Schwerpunkt der künstlerischen Akzente auf die Gestaltung der Innenräume gelegt, manifestiert vor allem durch * Wandmalereien und eine überreiche * Ornamentik aus * Stuck. Die Stuckarbeiten bedecken Wandflächen und Decke oft übergangslos in gespinstartiger Dichte mit Rocaillen und Blumengirlanden.

Die Räume wurden im Rokoko meist niederer gebaut als im Barock, und der üppige Dekor täuscht häufig nicht vorhandene architektonische Finessen vor, wie gewölbte Decken, Kuppeln usw. (* Scheinarchitektur). Das in Frankreich Ende 17. Jh. entwickelte Verfahren, durch Gießen und Walzen große Spiegeltafeln herzustellen, ermöglichte es durch die Verspiegelung ganzer Wandflächen (Spiegelkabinett), Zimmerfluchten optisch auszudehnen. Wirklichkeit und Illusion vereinigen sich in gelungenem Zusammenwirken. Manche Deckenfresken in Kirchenschiffen vermitteln den Eindruck himmelstrebender Höhe. Die Rocaille war sowohl in der Architektur als auch bei der Meublage das überwiegende Dekorelement.

Die schweren, manchmal pathetisch-pompösen Formen des Barock wurden von zierlich-leichten, grazil und fast spielerisch anmutenden Gestaltungen abgelöst. Besonderer Beliebtheit erfreute sich im Rokoko das 1710 erstmals auch in Europa hergestellte * Porzellan. Die von der * Ostindischen Kompanie nach Europa gebrachten * Asiatika lösten großes Interesse für asiatische Produkte und Zierformen aus. Die modern gewordene * Chinoiserie - sie war durch die Neuentdeckung des Porzellans möglich geworden - fand ihren Höhepunkt in den Porzellankabinetten der Rokoko-Schlösser. Gegenstände der Inneneinrichtung, wie rundplastische Engelsköpfchen, Puttifiguren und dgl., wurden oft mit einer Porzellan imitierenden so genannten * Porzellanfassung versehen.

Bei der Kreation der zarten, bewegt anmutenden und zum Teil mit ausgesuchter Rafinesse gestalteten, reich mit * Marketerien verzierten Möbel wirkten u. a. die Kunsttischler * Oeben, * Riesener und * Roentgen stilbildend. In der Malkunst herrschten * Pastellfarben vor. Es waren pikante, bisweilen auch erotisch deftige Darstellungen en vogue, häufig in Form von * Schäferstücken in einer Parklandschaft (* Pastorale). Auch in der * Plastik waren Schäferszenen beliebt sowie Paare in der typischen "Rokokotracht". Wer es sich leisten konnte, suchte nach Ausgefallenem, Kapriziösem.

Die Damenmode wurde übertrieben und exaltiert. Der mit Draht und Fischbein versteifte * Reifrock erreichte seitwärts enorme Ausmaße. Auch die Hochfrisur der Damen des späten Rokoko war deutlich übersteigert. Antlitz und tief ausgeschnittenes Dekolleté wurden weiß gepudert und mit * Mouches (Schönheitspflästerchen) akzentuiert, ein Accessoir, das auch in der Männermode des Rokoko Verwendung fand. Der Extravaganz der Schönheitspflästerchen entsprechend, waren auch die Behälter dafür bisweilen äußerst aufwendig gestaltet, und man versuchte einander mit ausgefallenen Boîtes à mouches (Dosen für Schönheitspflästerchen) zu übertreffen. Auch die Herren hatten Gesicht und Perücke gepudert, das im Nacken zusammengebundene Haar wurde namengebend für den * Zopfstil. Über der langen Weste trug der modebewusste Herr den aus teurem Stoff gefertigten und reich bestickten Schoßrock (* Justaucorps). Als Beinkleid diente die bis knapp unter das Knie reichende * Culotte, heute als "Mozarthose" bezeichnet.

A. E. BRINCKMANN, Die Kunst des Rokoko, Berlin 1940; F. KIMBALL, The Creation of the R., Chicago 1943; H. MÜLLER, Natur-Illusion in der Innenraumkunst des späteren 18. Jh. Ein Beitrag zur Erkenntnis von R. und Frühklassizismus, Diss. Göttingen 1957; A. SCHÖNBERGER, A. SOEHNER, Die Welt des R., München 1959; H. REUTHER, R., Osnabrück 1963; B. BUSHART, Dt. Malerei des R., Königstein i. T. 1967; P. KELEMEN, Baroque and R. in Latin America, 2 Bde., New York 1967; G. BAZIN, Die Kunst des Barock und R., Berlin 1969; G. ECKARDT, Die Malerei des R., Dresden 1972; W. MAY, R.-Architektur, in: Zeitschr. des Dt. Vereins für Kunstwissenschaft 28, 1974; C. NORBERG-SCHULZ, Architektur des Spätbarock und R., Stuttgart 1975; V. LOERS, R.plastik und Dekorationssysteme. Aspekte der süddt. Kunst und des ästhet. Bewußtseins im 18. Jh., München, Zürich 1976; E. HUBALA, Barock und R., München 1978; A. BLUNT, Kunst und Kultur des Barock und R., Freiburg i. Br. 1979; W. KOSCHATZKY, Maria Theresia und ihre Zeit, Salz-burg, Wien 1979; P. VOLK, Münchener R.plastik, München 1980; Bayer. R.plastik vom Entwurf zur Ausführung, Kat. München 1985; C. HIND, The R. in England, London 1986; J. VARRIANO, Italian Baroque and R. Architecture, New York, Oxford 1986; H. SCHINDLER (Hg.), Bayern im R., München 1989; R. MORTIER, H. HASQUIN, Études sur le XVIII. siècle. Rocaille, Rococo, Brüssel 1991.


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