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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

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Siegel , von lateinisch sigillum, "kleines Zeichen", "kleines Bild".

Der griechische Terminus für Siegel ist sphragis; davon abgeleitet wird das Wort * Sphragistik für "Siegelkunde". Als Siegel bezeichnet werden vor allem die in ein weiches oder erweichtes und später erhärtendes Material (Ton, Teig, Wachs oder Siegellack) gepressten Abdrücke von Siegelstempeln. Das alte deutsche Wort für Siegel ist "Insiegel". Umgangssprachlich werden auch die * Siegelstempel (* Petschafte) als Siegel bezeichnet. Siegel auf Schriftstücken, als Nachweis der Identität des Schreibers, sind seit dem Altertum bekannt.

Die ersten Siegel wurden in * Mesopotamien durch Abrollen eines * Rollsiegels (Siegelzylinders) an Tontafeln angebracht, die als Schriftträger dienten. Seit der Verwendung von * Pergament schützte das Zusammenfalten und Zusammenheften des Blattbogens durch "Versiegeln" vor unbefugter Kenntnisnahme von Schriftstücken. In Europa ist der Gebrauch von Siegeln erstmals bei den Karolingern nachweisbar. Alte Siegel bestehen aus Wachs (* Siegelwachs), * Oblaten oder Metall (meist Blei). Der Name * Bulle für Metallsiegel leitet sich von den ursprünglich ebenso genannten hölzernen oder ledernen * Siegelkapseln auf schriftlichen Erlässen des Papstes ab, die die an (Seiden-)Schnüren oder dünnen Lederriemen (* Pergamentpresseln) am Pergament hängenden Siegel schützen sollten.

Goldsiegel waren Herrschern vorbehalten. Silbersiegel sind selten, da das Siegeln wegen der Härte des Silbers schwierig ist. Die große Masse der Siegel bestand früher aus Blei, selbst die Siegel des Papstes. Auf der Rückseite großer Herrschersiegel wurden manchmal kleine Siegel angebracht, so genannte "Rücksiegel", "Kontrasiegel" oder "Geheimsiegel" ("Sekretsiegel"), die Fälschungen verhindern sollten. Zum Unterschied von den offiziellen Herrschersiegeln, deren große Petschafte auch anderen Menschen zugänglich waren (Siegelbewahrer), konnte die Siegelung des Rücksiegels niemand anderer als der Herrscher selbst vornehmen, weil er den dafür erforderlichen Siegelring am Finger trug.

Da auch die Angehörigen gehobener Schichten früher oft des Schreibens unkundig waren, hatten Siegel allgemein eine große Bedeutung. Sie dokumentierten die Authentizität der von Schreibern aufgesetzten Schriftstücke. Wichtige Schreiben, etwa Schuldscheine, mussten zusätzlich von zwei Zeugen beglaubigt werden. Das Dokument wurde verlesen, und auch die Zeugen bestätigten die Kenntnisnahme mit ihrem Siegel.

Mancherorts war es Brauch, Schuldscheine nach der Begleichung der Verbindlichkeit nicht zu vernichten, sondern den eingesetzten Betrag mit einer Kerze herauszubrennen. Vgl. die in Österreich übliche mundartliche Redensart "er kann nicht brennen" für einen in Zahlungsschwierigkeiten geratenen Menschen.

Seit dem 16. Jh. wird als Material für Siegel * Siegellack verwendet. Grundsätzlich wurden früher alle Arten von Abdrücken Siegel genannt. Heute noch heißen z. B. in der Jägersprache die Wildspuren "Trittsiegel".

W. EWALD, S.kunde, Köln 1914, Nachdruck Darmstadt 1969.


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