Stücksuche:
Bitte mind. 2 Zeichen eingeben. Weitere Suchmöglichkeiten »

Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
Nutzen Sie die Funktion der VOLLTEXTSUCHE, indem Sie Worte oder Wortteile in das Suchfeld eingeben. Das Kunstlexikon beschreibt ca. 10.000 Begriffe, hat 5,5 Mio Zeichen ( Druckausgabe: 1663 Seiten). Die Begriffe verweisen insgesamt auf ca. 35.000 Quellen.  
 Volltextsuche: nur in der Begriffsliste suchen

Barock , der, das, von port. barroco, "Steinchen" bzw. unrunde, unregelmäßig geformte Perle.

Barock ist ein von Italien ausgehender, dort bereits in der zweiten Hälfte 16. Jh. den Manierismus ablösender Kunststil. Im übrigen Europa breitete sich der Barock erst ab 1600/1620 aus und währte dann bis 1770/80, wobei die Zeit ab ca. 1730 Spätbarock oder Rokoko genannt wird, in Anlehnung an die * Rocaille, das Hauptornament der damaligen Zeit. Der im Zeitalter des Rationalismus und der Aufklärung entstandene Begriff Barock war zunächst abwertend gemeint und bezog sich auf das Abweichende vom Herkömmlichen, auf die als schwülstig und überladen empfundene üppige Formenvielfalt.

Ursprünglich wurde der Ausdruck Barock auch für die Spätphasen anderer Stile verwendet, z.B. in Verbindung mit dem Hellenismus. Auch Stilphasen, deren aufgelockerte üppige Gestaltungen Epochen mit strengem Formalismus ablösten, werden mit dem Terminus Barock gekennzeichnet, z.B. das so genannte griechische Barock und das spätrömische Barock Vor allem Möbel und Einrichtungsgegenstände weisen im 17./18. Jh. eine ungeheure Fülle von Zieraten auf. Der auf Repräsentation ausgerichtete Stil prägte alle Formen der Bildenden Kunst und der Architektur.

Der Absolutismus war auf seinem Höhepunkt, was u. a. durch großen Pomp und ein aufwendiges Zeremoniell zum Ausdruck kam. Der durch Architektur und Meublage geschaffene, bis ins Detail auf Prunk und Repräsentation ausgerichtete Lebensraum diente vor allem der Selbstdarstellung absolutistischer Herrscher. Das beste Beispiel ist das von König Ludwig XIV. von Frankreich (1638-1715) zum Teil durch persönliche Einflussnahme und Auswahl der Künstler geprägte französche Barock, der so genannte * Louis-quatorze- Stil.

Der stilgeschichtliche Terminus "Barock" für die Zeit zwischen Renaissance und Klassizismus wurde von der Wissenschaft erst ab der 2. Hälfte 19. Jh. anerkannt. Vorher war die Bezeichnung "Akanthusstil" üblich gewesen, abgeleitet vom * Akanthus, der im Barock bevorzugten Ornamentform. Barocke Arbeiten wirken sehr homogen; sie strahlen mehr Ruhe und Ausgeglichenheit aus als Werke der ihm vorangegangenen, von politischen Unruhen und religiöser Spaltung beeinflussten Spätrenaissance (* Manierismus).

Im Barock fand in Europa zum Großteil eine Konsolidierungsphase statt. Neue Machtkonzentrationen überwanden die politische und religiöse Instabilität. Triumph und Ruhm der Mächtigen fanden ihren Ausdruck in der Zurschaustellung von Pracht und Selbstbewusstsein sowohl der profanen als auch der kirchlichen Auftraggeber. Vor allem in Süddeutschland und Österreich zeugen die weithin sichtbaren Zwiebeltürme der Kirchen gleichsam symbolhaft vom Sieg des neuerstarkten Katholizismus durch die in seinen Diensten stehende sakrale Barockarchitektur. Baukunst und Plastik sind zu einer Einheit, zu einer Bildhauer-Architektur verschmolzen, die bei Profanbauten durch großartige Gartenanlagen noch ergänzt wurde. Es entstand ein Gesamtkunstwerk, dessen Planung in Abstimmung der Vorstellungen der Bauherren und der ausführenden Architekten, Bildhauer und Maler erfolgte.

In der Bildenden Kunst herrschte ein ausgeprägter Sinn für Symbolik, die vor allem in * Emblemen und allegorischen Darstellungen ihren Ausdruck fand, häufig in Form von * Pendantfiguren. Die Päpste beauftragten die besten Künstler der Zeit "Zur Ehre Gottes und der Kirche". U. a. hatte Bernini (1598-1680) mit seinen Gehilfen wesentlich zum barocken Erscheinungsbild Roms beigetragen. Von Ludwig XIV. nach Paris eingeladen, um am Ideenwettbewerb für die Umgestaltung des Pariser Königsschlosses teilzunehmen, konnte sich Bernini mit seinen Vorstellungen aber nicht durchsetzen.

In Frankreich bevorzugte man in der Architektur den klassizistisch ausgerichteten Barock, * Classicisme genannt und beeinflusst vom * Palladianismus. Richtungweisend für das Barock Ludwigs XIV. war auch das Schloss Vaux-le-Vicomte. Es wurde vom Architekten Louis Le Vau im Auftrag von Nicolas Fouquet gebaut, dem französischen Finanzminister. Die Abstimmung des * Interieurs übernahm zum Teil * Le Brun, und die Entwürfe für die Gestaltung der Schlossgärten stammten von André Le Nôtre. Nachdem Ludwig XIV. bei einem ihm zu Ehren gegebenen Fest die grandiose Schlossanlage in Augenschein genommen hatte, ließ er seinen Minister festnehmen und übernahm die für Fouquet beschäftigt gewesenen Künstler und Kunsthandwerker. Louis Le Vau baute danach für den "Sonnenkönig" (unter Einbeziehung eines bereits vorhandenen Jagdpalastes), Schloss Versailles, den Inbegriff des Louis-quatorze-Stils; vgl. auch * Le Brun und * Manufacture Royale des Meubles de la Couronne.

Bei Schmuckstücken wurde im Barock vor allem auf Schnitt und Schliff der * Edelsteine, insbesondere der Diamanten großer Wert gelegt. Schöne, leuchtendweiße Steine kamen zu der Zeit aus Indien. Die Diamanten aus den 1725 entdeckten Gruben Brasiliens hatten oft einen leichten Gelbstich. (Die Fundstätten in Südafrika wurden erst 1870 erschlossen.) Im barocken Möbelbau haben sich nationale Formen und Eigenheiten entwickelt. Man unterscheidet zwischen französischem (Louis-quatorze), italienischem, flämischem und deutschem Barock, wobei sich der Stil in Deutschland, bedingt durch den Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), im Allgemeinen erst in der 2. Hälfte 17. Jh. durchsetzte. Die Barockbauten in Deutschland (z.B. von Balthasar Neumann) und Österreich (z.B. von Fischer v. Erlach, Lukas v. Hildebrandt) weisen vielfach schon Züge des kommenden Rokokostils auf. In Nordeuropa war die Ornamentik des Barock bis etwa 1650 vom so genannte * Knorpelwerk beherrscht, das dem Stil im deutschsprachigen Raum den Namen gab (* Knorpelbarock bzw. Knorpelstil, seit 1620 auch * Ohrmuschelstil).

Bei dem in Frankreich Fülle, Kraft und den "Grand Goût" repräsentierenden Hochbarockstil Louis-quatorze war als Ziermotiv der Akanthus vorherrschend. Nach dem Tod Ludwigs XIV. führte Herzog Philipp II. von Orléans 1715 bis 1723 an Stelle des erst fünfjährigen Königs Ludwig XV. die Regentschaft. Der vom * Bandelwerk geprägte Kunststil seiner Zeit hieß Régence ("Regentschaft"-Stil). Die Régence bildet den Übergang vom wuchtigen Louis-quatorze, dem französischen Barock, zum verspielt leichten * Louis-quinze ("Ludwig XV."-Stil), dem franz. Rokoko. 1726-1743 überließ Ludwig XV. die Regentschaft Kardinal A. H. de Fleury. Ab 1744 war die Marquise de * Pompadour die Mätresse des Königs; sie galt als Mäzenin von Kunst und Wissenschaft. Der * Louis-quinze-Stil war in Frankreich von etwa 1730-1755/60 existent. Der Übergang, von 1755-1760, wird mitunter * Transition ("Übergang"), genannt. Von 1760-1790 war in Frankreich der * Louis-seize-Stil existent, benannt nach Ludwig XVI. (König von 1774-1792). Er verband das * Rokoko mit dem * Klassizismus.

Im England des 17./18. Jh. ist eine Abfolge mehrerer Kunststile zu beobachten, der * Jacobean Style ("Jakobscher Stil", 1. Viertel 17. Jh.), der * Karlinische Stil (1625-1649), der * Restoration Style (1660-1670) durch die Wiedereinsetzung der Stuarts. Es folgten der * William and Mary Style (1670-1690) und der * Queen Anne Style (1690-1714). Im 18. Jh. erreichten die * neugotischen Strömungen in England einen Höhepunkt (* Gothic revival). Zu den im 18. Jh. in England vorherrschenden Stilen zählen der auf König Georg I. (1714-1727) zurückgehende * Early Georgian Style, der * Mid-Georgian Style (1720-1760/70), benannt nach Georg II., und der * Late Georgian Style (1770-1811), nach Georg III. (* Georgianische Stile).

H. SCHALLER, Die Welt des B., Leipzig 1943; K. M. SWOBODA, B. und Gegenreformation, Brünn 1943; W. HAUSENSTEIN, Vom Genie des B., München 1956; W. HAGER, B.plastik in Europa, Frankfurt/M. 1964; E. HEMPEL, Baroque art and architecture in Central Europe, Harmondsworth 1965; M. KITSON, B. und Rokoko, Stuttgart, Gütersloh 1968; A. PIGLER, B.themen. Eine Auswahl von Verzeichnissen zur Ikonographie d. 17. u. 18. Jh. 2. Aufl., Bd. I, Budapest 1974; J. J. ROTENBERG, Die Kunst des 17. Jh. in Europa, Dresden 1978; M. ASHLEY, Das Zeitalter des B., Zürich 1968; A. BLUNT, A. LANG, Kunst und Kultur des B. und Rokoko, Architektur u. Dekoration, Freiburg/Br., Basel 1979; W. v. NIEBELSCHÜTZ, Über B. und Rokoko, Frankfurt/M. 1981; Kunst der B.zeit, Kat. Leipzig 1985; G. PRASCHL-BICHLER, Alltag im B., Graz 1995.  


<< Barmherzigkeit, Werke der Barockisierung >>


Vertiefen Sie Ihr Wissen über Kunst!
Testen Sie unseren Gratisservice Kunstbegriff des Tages. Auf Wunsch erhalten Sie täglich oder wöchentlich per E-Mail einen Begriff aus dem Kunstlexikon geschickt.
Mehr Informationen »

Das Kunstlexikon für das iPhone!
Sie können das Kunstlexikon auch in einer für das iPhone optimierten Version ansehen. Klicken Sie einfach auf den nachfolgenden Link.
Jetzt öffnen »

Schmuckwissen>>


Aktuelle Objekte:

Clemens Leye... >

Erik Anders >



Aktuelle Objekte:

KOLIG, Anton... >

"ohne Titel" >