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Das grosse Kunstlexikon von P.W. Hartmann

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Wunderkugeln , * kunstgedrechselte, meist elfenbeinerne hohle Bälle, in deren Innerem sich weitere Hohlkugeln mit immer kleinerem Durchmesser befinden.

Andere Namen für die Wunderkugeln sind * Chinesische Kugeln oder "Devil-work-balls" (Teufels-Arbeit-Bälle). Während ohne Dekor gefertigte glattwandige Exemplare meist in Deutschland oder Frankreich gedrechselt wurden, sind bei den aus China stammenden Wunderkugeln die beiden äußeren Kugeln mit reichen Schnitzarbeiten und die inneren mit gebohrten Verzierungen versehen. Voraussetzung für die "Erfindung" der Wunderkugel war große Praxis auf dem Gebiet der Drechselkunst. Während aus China zwar frühe Drechselabeiten, aber keine * kunstgedrechselten Objekte bekannt sind, baute man in Frankreich und vor allem in Deutschland auf diesem Gebiet auf einer weit zurückreichenden Tradition auf. Man nimmt daher an, dass die erste Wunderkugel von einem deutschen Kunstdrechsler hergestellt worden ist (Literatur Philippovich).

Da man sich in China aber auf die Fertigung von Wunderkugeln spezialisiert hatte und einzelne Exemplare schon im 17. Jahrhundert durch die * Ostindische Kompanie nach Europa gelangten, sind die chinesischen Bälle bekannter als die europäischen Wunderkugeln. Mitunter wird behauptet, dass die Chinesen die Bälle nicht drechselten, sondern schnitzten. Abgesehen davon, dass es technisch unmöglich ist, solche aus zahlreichen dünnen Hohlkugeln bestehenden Objekte mit den hakenförmig gebogenen Schneidstählen von Hand aus zu schnitzen, wäre es auch absurd, anzunehmen, die findigen Chinesen hätten die Drechseltechnik gerade auf diesem Gebiet nicht anzuwenden gewusst. Dass sie in der Lage waren zu drechseln, lässt sich durch andere, auf Drehbänken hergestellte Objekte beweisen. Das Märchen, die chinesischen Bälle seien geschnitzt worden, entstand vermutlich dadurch, dass die Ausschmückung der äußeren Kugel mit Schnitzmessern vorgenommen wurde.

Wie in Europa wurde die Herstellungstechnik zweifelsohne auch in China geheimgehalten. Neugierige Reisende aus Europa bekamen nur die gebogenen, mit Handgriffen versehenen Drechselstähle zu sehen, mit dem Hinweis, dass sie zum Schneiden der Wunderkugeln verwendet werden. Der Umstand, dass die Bälle, genauso wie in Europa, mit Hilfe einer Drehbank gedrechselt wurden, fand keine Erwähnung. Auch in Deutschland war es früher streng verboten, Personen, die nicht derselben * Zunft angehörten, in Fertigungstechniken einzuweihen. Die europäischen Wunderkugeln wurden nicht wie in China als eigenständige Schaustücke verwendet, sondern waren neben anderen komplizieren Gestaltungen Bestandteil von gedrechselten "Kunststücken".

Noch schwieriger als Wunderkugeln zu fertigen ist es, nach demselben Prinzip Vielecke (Polygone) zu drechseln, innerhalb derer sich weitere Vielecke befinden. Von dem 1576 von München an den Hof nach Dresden gekommenen Drechsler Georg Wecker ist bekannt, dass er u. a. solche aus bis zu 24 Vielecken bestehende Exemplare drechselte und als Bekrönung von Pokalen verwendete. Beispiele davon sind im * Grünen Gewölbe in Dresden zu finden (Literatur K. Maurice).

Da die Herstellungsweise im allgemeinen nicht bekannt ist, wird auch in angesehenen Schriften die absurde Ansicht wiedergegeben, die Herstellung einer Wunderkugel habe Generationen gedauert (Literatur Graninger). Die Herstellung einer Wunderkugel erfolgt in der Weise, dass man zuerst eine Kugel drechselt. Nach dem Einspannen in der Drehbank mittels Klemmfutter werden in die Kugel konische Löcher gebohrt. Die in der Drehbank rotierende Kugel wird in der Folge von innen nach außen beginnend und von einem Loch zum anderen mit den gebogenen Schneidstählen weiter gedrechselt. Jede Kugelgröße benötigt einen speziellen Drehstahl. Die Klinge für die innerste volle Kugel ist am kürzesten und am stärksten gekrümmt. Die Klinge des Drehstahls für die Herstellung des äußersten Balls ist am längsten und am wenigsten gekrümmt.

E. v. PHILIPPOVICH, Elfenbein, München 1982, S. 416; K. MAURICE, Der drechselnde Souverän - Sovereigns as Turners, Zürich 1985, S. 68; G. GRANINGER, Hur uppfattade hantverkarna tiden? in: Ny teknik, teknisk tidskrift, 32, Stockholm 1986; P. W. HARTMANN, "Tyskland först med elfenbensbollarna", in: Ny teknik, teknisk tidskrift 42, Stockholm 1986.


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