Kinetische Kunst, von griechisch kinesis, "Bewegung".

Der physikalische Begriff der Kinetik fand erst in den 1920er Jahren Eingang in die Kunst. Doch Objekte, von denen einzelne Teile mittels integrierter Wassersysteme bewegt werden konnten, kannte man nach Pausanias schon in der Antike. In der Neuzeit waren kinetische Anlagen besonders im Barock beliebt. Erhalten geblieben sind u. a. solche Kunstwerke des Fürsterzbischofs Markus Sittikus von Salzburg (1612-1619 Erzbischof) im Park des Schlosses Hellbrunn bei Salzburg.

So streckt das so genannte "Germaul", ein Fratzenkopf in der Neptungrotte, die Zunge heraus und verdreht die Augen. Für den Betrachter nicht sichtbar, füllt sich durch zufließendes Wasser ein Behälter, der sich bei Vollwerden entleert und über eine Mechanik die Grimassen auslöst. Beliebt waren auch so genannte mechanische Theater, bei denen sich Figuren bewegen und meist auch aus einer mechanischen Orgel Musik ertönt. Eine solche vielfigurige Schaubühne befindet sich gleichfalls im Schlosspark von Hellbrunn; sie stammt aus der Mitte 18. Jh. und wird ebenfalls durch Fließwasser in Gang gesetzt.

Gebräuchlich ist der Ausdruck Kinedtische Kunst vor allem in Verbindung mit Kunstwerken, die aus dem 20. Jh. stammen. Seiner Einfachheit wegen Aufsehen erregte z. B. ein 1913 von Marcel Duchamp als bewegbares Kunstwerk verwendetes Vorderrad eines Fahrrades, das mit der Fahrradgabel an einem Küchenhocker fixiert ist. Das Objekt zählt sowohl zur Kinetischen Kunst als auch zu den * Readymades. Innerhalb des russischen * Konstruktivismus experimentierten bereits 1917 Alexander Rodtschenko und 1920 Naum Gabo gezielt mit der Kinetischen Kunst. In den 1930er Jahren trug u. a. Alexander Calder mit seinen "Mobiles" wesentlich zur Popularisierung der Kinetischen Kunst bei.

Eine neue Blütezeit erlebte die Kunstform nach dem 2. Weltkrieg. Auf der Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen entstanden vor allem in den 1950er Jahren Objekte, die sich selbst bewegen oder bei denen sich einzelne Teile bewegen lassen. Ihre Bewegung wird von Hand ausgelöst bzw. konstruktionsbedingt, etwa durch Schwerkraft, Luftzug, aufsteigende warme Luft in Verbindung mit einer Wärmequelle (Kerze), Batterien, Magneten oder Lichtreaktionen. U. a. widmeten sich Mitglieder der Künstlergruppe * Zero der Kinetischen Kunst und kombinierten diese zum Teil mit Lichteffekten. Große Beachtung fand die im April 1955 in der Galerie Denise René in Paris stattgefundene Ausstellung "Le Mouvement" (Die Bewegung), bei der ein Schild die Besucher aufforderte, die Objekte zu berühren und dadurch in Gang zu setzen.

Mit dem Terminus Kinetische Kunst werden bisweilen auch Kunstwerke bezeichnet, die sich nicht tatsächlich bewegen, sondern beim Betrachter nur den Eindruck der Bewegtheit hervorrufen (* Op Art).


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