Kunst- und Wunderkammern, in der Spätrenaissance von kirchlichen und weltlichen Würdenträgern, im Barock auch vom Patriziat, von Apothekern und Gelehrten als "Privatmuseen" eingerichtete * Kabinette, in denen Kuriosa und wertvolle Schaustücke (Kabinettstücke) aufbewahrt wurden.

In ihrer ursprünglichen Beschaffenheit sind Kunst- und Wunderkammern heute z. B. noch in Dresden in Form des * Grünen Gewölbes, in Salzburg im Dommuseum und auf Schloss Ambras bei Innsbruck zu finden. Das Sammeln erfolgte meist nicht methodisch. Es bestand für von Menschen geschaffene Dinge (Artificalia) ebenso Interesse wie für Gegenstände aus dem Reich der Natur (Naturalia). Die Seltenheit, d. h. die Rarität war eines der wichtigsten Sammelkriterien. Aufbewahrt wurden die Gegenstände am Boden gestapelt, in Truhen, auf Tischen, in Kästen oder an den Wänden bzw. von der Decke hängend. Das Suchen nach Neuem, Exotischem wurde erst durch die mit "Aufklärung" bezeichnete Strömung der Neuzeit ermöglicht.

Im Mittelalter galt noch der naturgeschichtliche Wissensstand der Antike, wie er von Aristoteles und Plinius vertreten worden war. Das Suchen nach neuen Erkenntnissen wurde im Mittelalter von der Kirche abgelehnt und verurteilt. Für die Auswahl der Objekte der Kunst- und Wunderkammern waren folgende Kriterien ausschlaggebend:

1. die Verwendung teurer Materialien, wie Silber, Gold, Korallen, Perlen und edle Steine, als Goldschmiedearbeiten in Form von Gefäßen, * Tafelaufsätzen u. ä. Beliebt waren besonders Objekte aus * Bergkristall, mit * silbervergoldeten, oft emaillierten * Fassungen, weiters * Gemmen und * Kameen aus * Schmucksteinen;

2. für die damalige Zeit seltene Dinge, etwa das Horn des * Einhorns, beschnitzte * Olifante (* Sarazenische Hörner), * Inklusen, * Moskowitische Schatullen, Elfenbeinsättel, * Pietra-dura-Arbeiten, Kästchen mit Geheimfächern, kompliziert ausgeführte Vorhängeschlösser, so genannte "Kunstschlösser", * Emailarbeiten, * kalligraphische Blätter, * Quodlibets, * Vexierbilder, * Scherzgefäße, kuriose Gemälde wie etwa Werke des Malers * Arcimboldi, seltene Bücher (* Heiltumsbücher, Literatur über * Alchimie), von Alchimisten verwendete Geräte, mathematische Instrumente, Chirurgenbestecke, so genannte Kunstuhren, oft in Verbindung mit * Spielautomaten, * Astrolabien, * Globen, * Abraxassteine, * Wachsbossierungen, seltene Gläser (z. B. * Ringelbecher), ostasiatisches * Porzellan, italienische * Majoliken, indianische Kuriositäten (* Arte Plumario etc.), "Waffen von den Hottentotten", aufwendig gearbeitete Schuss- und * Blankwaffen, Reliefbilder aus * Solnhofer Stein, außergewöhnliche Musikinstrumente, etwa * Nagelgeigen etc., * Vanitas-Motive, * Reliquien (z. B. "Nägel vom heiligen Kreuz" oder von der * Arche Noah, sie wurden oft in aufwendig gearbeiteten * Reliquienschreinen aufbewahrt), weiters präparierte Tiere (Krokodile, Kugelfische, Gürteltiere, Paradiesvögel, Missgeburten usw.), diverse Skelette, * Petrefakte (wie * Ammoniten, * Natternzungen, Geweihe von Riesenhirschen, * Gigantenbeiner, versteinertes Holz), ferner große Muscheln, Panzer von Riesenschildkröten, Rhinozeroshörner, * Adlersteine, * Bezoare, * Krebsaugenbüchslein, * Nautiluspokale, gefasste Straußeneier, Kokos- und * Seychellennüsse, * Greifenklauen, * Handsteine, * Alraunen, * anatomische Modelle etc. Besonders bei den Reliquien und seltenen Naturalien (z. B. Missgeburten) waren Fälschungen häufig;

3. hoher Schwierigkeitsgrad der Herstellung, z. B. * Kleinigkeitsarbeiten, etwa beschnitzte Kirschkerne, oder * Kunstdrechseleien, wie elfenbeinerne * Wunderkugeln, * kunstgedrehte Reliefs oder mittels eines * Passigdrehwerks hergestellte Schaustücke.

Die Kunstkammern und Wunderkammern gelten als Vorläufer der heutigen Museen. Das trifft vor allem auf die Raritätensammlungen der Kirchenschätze zu, die schon früh zur Besichtigung öffentlich zugänglich waren, während die Kunstkabinette von Herrschern noch lange Zeit nur einem kleinen Kreis von Gelehrten zum Studium vorbehalten blieben. Auch Apotheker und Wundärzte verfügten oft über "vielerlei gar wundersame Schaustuck". Bekannt dafür waren z. B. die kurfürstliche Apotheke in Dresden und die Löwenapotheke in Leipzig, deren Hörner des Einhorns sowie Alraunen und andere seltene Dinge beim Publikum großes Interesse hervorriefen. In alten Reisebeschreibungen wurde auf solche Sammlungen stets speziell hingewiesen.


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