Minoische Kunst, Bezeichnung für die ägäische Kunst der Stein-, Kupfer- und Bronzezeit mit Zentrum in Kreta. Getragen wurde die Minoische Kunst vor allem von den Bewohnern Kretas, den Minoern, deren Name auf den mythischen König * Minos zurückgeht.

Der Begriff minoische Kunst wurde von Sir A. Evans geprägt und nach den in Knossos gemachten Funden in drei Hauptperioden mit jeweils drei Unterepochen gegliedert, beginnend mit dem Frühminoikum, ca. 2700-2000 v. Chr., in dem der Übergang von der * Steinzeit zur * Bronzezeit erfolgte. Aus der so genannten frühminoischen Kunst I (ca. 2700-2400) sind vor allem Keramiken mit dunklem * Scherben und weißem Ritzdekor sowie in Ostkreta auf ägyptischen Einfluss zurückgeführte Tonwaren mit hellem Scherben und roter * Schlickerverzierung erhalten. In der frühminoischen Kunst II (ca. 2400-2200) wurden Keramiken bereits mittels der Töpferscheibe hergestellt und dabei die Formen der Metallgefäße übernommen; die Art wird als "Vasilikigruppe" bezeichnet. Der Überzug der Keramiken ist durch ungleichmäßigen Brand oft fleckig oder geflammt gezeichnet. Aus der Periode sind auch bereits * Siegel erhalten.

In der frühminoischen Kunst III (2200-2000) wurden verstärkt die bis dahin verwendeten Geräte aus Stein bzw. Kupfer durch solche aus Bronze ersetzt. Die Keramiker begannen zu der Zeit ihre Produkte zu bemalen; typisch sind Spiralmotive und erste Tierdarstellungen. Im Mittelminoikum wird die Epoche I und II (2000-1700 v. Chr.) meist zusammengefasst und oft als so genannte "Erste Palastzeit" bezeichnet, wobei sich die Kultur vom Osten Kretas mehr zum Norden der Insel verlagerte, wo große Siedlungen und in Knossos die ersten Palastbauten entstanden. Zu den Funden zählen Doppeläxte und lange Dolche. Einer der Hauptfundorte war die Kamareshöhle, eine alte Kultstätte. Der Dekor der Tonwaren bestand zu der Zeit hauptsächlich aus Spiralen, Rosetten, Wellenbändern und Tierdarstellungen. Es entstanden die ersten plastisch verzierten Tonwaren, hergestellt mittels aufgetupftem * Schlicker (* Barbotine).

Aus der Zeit stammende Keramik mit besonders dünner Wandung ist unter der Bezeichnung "Eierschalenware" bekannt; meist handelt es sich dabei um einhenkelige Schalen. Als * Siegelstempel wurden bereits * Schmucksteine verwendet. Um 1700 v. Chr. ist ein starkes Erdbeben nachweisbar, das nahezu alle Bauten auf Kreta zerstörte, auch die Paläste in Knossos und Phaistos. Die danach folgende Aufbauphase fällt in die dritte Epoche der mittelminoischen Kunst (1700-1580), die meist mit der ersten und zweiten Epoche der spätminoischen Kunst zusammengefasst (1700-1400 v. Chr.) und dann "Zweite Palastzeit" genannt wird. In diese Phase fällt die Legende des mythischen Königs * Minos, mit dem * Labyrinth des * Minotaurus.

Die spätminoische Kunst I erstreckt sich über den Zeitraum von ca. 1580-1480 v. Chr. Sie wird vom so genannten "Florastil" und vom "Meeresstil" beherrscht, bei denen Darstellungen von Blumen bzw. Fischen, Muscheln Korallen usw. überwiegen. Die spätminoische Kunst II umfasst den Zeitraum von ca. 1480-1400 v. Chr. Sie ist besonders in Knossos ausgeprägt, und es wird in dem Zusammenhang vom so genannten "Palaststil" gesprochen. Gegen Ende 15. Jh. v. Chr. wird der Ausbruch des Santorin-Vulkans angesetzt, der zu einer erneuten Zerstörung der Bausubstanz führte. Heute wird der Ausbruch manchmal in die zweite Hälfte 17. Jh. v. Chr. datiert.

Die dritte Phase der spätminoischen Kunst währte von ca. 1400-1000 v. Chr. Zu den in Verbindung mit der zweiten Palastzeit am häufigsten Erwähnung findenden Objekten der minoischen Kunst zählen die so genannten Schlangengöttinnen, von denen aus * Fayence bestehende sowie aus Elfenbein geschnitzte und mit Goldblech verzierte Exemplare erhalten sind. Beispiele finden sich etwa im Museum of Fine Arts in Boston, in der Walters Art Gallery in Baltimore und im Royal Ontario Museum of Archaeology in Toronto. Auch an den bekannten elfenbeinernen "Stierspringern" ist die bildhauerische Fertigkeit der minoischen Künstler zu erkennen. Es wurden Fragmente von drei Springern geborgen, u. a. ein äußerst naturalistisch gestalteter Arm, an dem die angespannte Muskulatur und sogar die hervortretenden Adern zu sehen sind. Bei einem der Funde reichte das Material aus, um die Jünglingsfigur zu rekonstruieren. Die fehlenden Teile formte A. Evans, ihr Entdecker, aus Wachs. Seinen Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass die aus Elfenbein geschnitzten Akrobaten, ebenso wie die Schlangengöttinnen, mit Gold kombiniert waren; u. a. bestand das Haar der Stierspringer aus dünnen Golddrähten. Da weder die kretischen Hieroglyphen noch die Linear-A-Schriften entziffert werden konnten, ist man auf die Kunstwerke angewiesen, um sich von den Minoern ein Bild machen zu können.

So vermitteln beispielsweise die zahlreichen Wandmalereien im Königspalast eine Vorstellung von der Lebensweise auf Kreta. Nicht Kampf und Heldentaten wurden verherrlichend dargestellt, sondern anmutige, heitere Menschen, insbesondere stolze, schöne Frauen. Eine von ihnen, auf einer Wandmalerei wiedergegeben (Herakleion Museum), wird ihrer Ausstrahlung wegen "La Parisienne" (die Pariserin) genannt. Nach dem selbstbewussten, fast hochmütigen Gesichtsausdruck der dargestellten Minoerinnen zu schließen, nahmen die Frauen in dem durch Handel reichen, von Kunst und Kultur geprägten Staat sicherlich keine untergeordnete Stellung ein. Sie konnten sich vermutlich selbständig und selbstbewusst entfalten, da die Männer viel Zeit auf See verbrachten. Die Minoer segelten, um Handel zu treiben, über das Meer nach Westen, zumindest bis Sizilien, und nach Osten zu den phönikischen und kleinasiatischen Städten. Im Frühminoikum vermischten sich die aus Kleinasien stammenden Einwanderer mit der jungsteinzeitlichen Bevölkerung von Kreta. Die Fürsten von Mallia, Phaistos und Zakro waren Vasallen des Königs von Knossos, und es herrschte Friede im Land, abgesehen von gelegentlichen Überfällen vom Festland her. Angst hatten die Minoer nur vor dem Erderschütterer, den sie sich als großen schwarzen Stier vorstellten, der tief unter dem Königspalast hauste und manchmal grollte. Nach dem Erdbeben um 1700 v. Chr. wurden die Gebäude wieder aufgebaut. Die Paläste waren danach noch größer, schöner und funktioneller als früher, mit prächtigen Wandmalereien und Klosetts, die bereits über eine Wasserspülung verfügten. Nach der Unterwerfung der Minoer durch die Mykener im 15. Jh. v. Chr. setzte sich die insulare Minoische Kunst durch verschleppte Minoer zum Teil im kontinentalen Griechenland fort, beginnend in der Argolis, der Wiege von Mykene. Vgl. * mykenische Kunst.


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