Sibylle(lateinisch Sibylla, "Prophetin"), Wort unbekannten Ursprungs.

Möglicherweise handelte es sich ursprünglich um den Namen einer weissagenden Frau, der dann als Gattungsbegriff übernommen wurde. Nach orientalischer Vorstellung waren die Sibyllen Seherinnen. Es soll ihrer zwölf gegeben haben, und sie werden manchmal der Zwölfzahl der "* Kleinen Propheten" gegenübergestellt. Den verschiedenen Quellen nach schwankt die Zahl der Sibyllen beträchtlich. So sind am * Chorgestühl des Ulmer Münsters (1469-1474) von Jörg Syrlin d. Ä. z. B. zehn Sibyllen wiedergegeben.

Berühmt ist die Darstellung der fünf Seherinnen von Michelangelo an der Decke der Sixtinischen Kapelle des Vatikans, 1508/09. Die griechische Mythologie kannte ursprünglich überhaupt nur eine Sibylle. Sie galt als Tochter des Gottes * Zeus und der * Lamia. Einige weissagende Sibyllen des Altertums gingen in die Literatur ein, wie beispielsweise die Sibylle von Tibur, Erythräa und Cumae (griechisch Kyme), wobei es sich bei den beiden letzteren um ein und dieselbe gehandelt haben soll. Reste der Orakelstätte des * Apollon in Cumae, der nördlichsten griechischen Kolonie in Italien, mit der sibyllinischen Grotte sind erhalten.

Die beim Brand im kapitolinischen Tempel in Rom 83 v. Chr. verbrannten "Sibyllinischen Bücher" waren eine Sammlung von Kultvorschriften, die unter der Dynastie der Tarquinier nach Rom gelangt waren. Die Orakelsprüche wurden von Männern verwahrt und durch Senatsbeschluss in Notzeiten zur Anwendung gebracht. Sie gaben Auskunft über bestimmte Kulthandlungen, deren Ausführung Unheil abwenden sollte. Die Bücher wurden der Sibylle von Cumae zugeschrieben. Angeblich befand sich unter ihnen auch eine Weissagung des * Jüngsten Gerichts.

Durch eine aus Byzanz stammende Legende, die Sibylle von Tibur habe am Tag der Geburt Christi Kaiser Augustus die Muttergottes mit dem Jesuskind in einer Vision gezeigt (christliche Deutung des Vergil-Textes der 4. Ekloge) und damit das Nahen des "Goldenen Zeitalters" sowie der Erlösung prophezeit, fand diese sibyllinische Weissagung Eingang in das kirchliche Schrifttum und die tiburtische Sibylle Eingang in die christliche Kunst. (Dieselbe Weissagung wurde später auch der cumäischen Sibylle zugeschrieben.)

In mittelalterlichen Schriften galt die Darstellung der Sibylle mit Augustus als Sinnbild für die * unbefleckte Empfängnis. An die vierzehnbändige Sammlung angeblich sibyllinischer Weissagungen - sie waren in Wirklichkeit eine Bearbeitung jüdischer Orakelsprüche in griechischen Hexametern - schlossen mittelalterliche sibyllinische Schriften an, deren älteste deutsche Fassung aus dem Jahr 1321 stammt. Neben den erwähnten weisen Frauen finden in der Literatur noch die chaldäische, die delphische, die hellespontische und die phrygische Sibylle Erwähnung.


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