Viktorianischer Stil, nach Königin Viktoria (Königin 1837-1901) benannter Sammelbegriff für mehrere historisierende Strömungen der englischen Kunst des 19. Jahrhunderts.

Der Wechsel der Stilrichtungen ist am besten an der Architektur und den viktorianischen Möbeln wahrzunehmen. Die Maler beschäftigten sich mit neumittelalterlicher Thematik, mit * Historienbildern, dem * Genrebild (Arbeiterdarstellungen) und der populären Porträtmalerei (Entdecker, Admiräle, Wissenschafter usw.).

Man unterscheidet folgende Stilphasen:

1. Early Victorian, "Frühviktorianischer Stil" (ca. 1830-1850), mit deutlich klassizistischen Tendenzen. Die Möbel dieser Zeit sind vergleichsweise groß und schwer. Es herrschte bereits der "Battle of styles" (Kampf der Stile), bei dem die beiden Hauptströmungen * Neogotik und * Neorenaissance aufeinanderprallten. Ein typisches Beispiel für die Baukunst des Early Victorian ist das im * Gothic Revival errichtete Parlamentsgebäude in London (1840-1865). Während im Sakralbau die * Neugotik dominierte, weisen Kommunalbauten oft klassizistische oder Renaissanceelemente auf. Von 1840-50 gab es auch eine Strömung, die Old French Style (alter französischer Stil) bzw. Victorian Rococo genannt wird und das französische Rokoko aus der Zeit König Ludwigs XV. zum Vorbild hatte. Die reich beschnitzten Möbel waren aus Mahagoni oder Palisander (* Rosewood) gefertigt.

2. High Victorian, "Hochviktorianischer Stil", oder Mid Victorian, "Mittelviktorianischer Stil" (1850-1875), mit vorwiegend Rokokoformen. Der Stil wurde wesentlich von der 1851 in London stattgefundenen * Weltausstellung beeinflusst, bei der viele Aussteller aus Ländern des Kontinents vertreten waren. Die Möbel wurden leichter, von übertriebenem Zierat befreit und handwerklich besser verarbeitet. Es konstituierte sich eine Kunst-und-Handwerks-Bewegung (* Arts and Crafts Movement), um der billigen industriellen Massenproduktion entgegenzuwirken und die Gediegenheit kunsthandwerklich ausgeführter Produkte zu fördern. Der vorherrschende Industriekapitalismus und der Ausbau der Kolonialmacht wurde von Künstlern und in sozialkritischen Schriften kritisch reflektiert, etwa von F. Engels: "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" (1845).

3. Late Victorian, "Spätviktorianischer Stil" (1875-1901), mit Vorliebe für Gotik und Renaissance in Form des Historismus einerseits und anderseits dem Beginn des englischen Jugendstils. In dem Zusammenhang erfreuten sich auch fernöstliche Formen wie das chinesische Gitterwerk und die Verwendung von Bambus oder Bambusimitationen sowie japanische Lackwaren großer Beliebtheit. Das Late Victorian wurde vom Edwardian Baroque, "Edward-Barock", einem dem Neubarock verhafteten Stil, abgelöst, benannt nach der Regierungszeit König Edwards VII. (1901-1910).


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