Wiener Porzellan Manufaktur, nach Meißen die älteste europäische Erzeugungsstätte für * Hartporzellan, gegründet 1718 von Claudius Innocentius du Paquier, einem kaiserlichen Hofbeamten aus Trier.

Wesentlichen Anteil am Zustandekommen des Projektes hatten der Brennmeister Samuel Stöltzel und der * Arkanist C. C. Hunger; beide waren von Meißen abgeworben worden. Zur Mitarbeit gewonnen wurde auch J. G. Höroldt, der als Tapetenmaler in Wien tätig war. Da Paquier die versprochenen Löhne nicht bezahlen konnte, musste er die Manufaktur ab 1720 ohne die erwähnten Mitarbeiter allein weiterführen.

Zur Herstellung diente zu Beginn die gleiche Kaolinart, die so genannte Schnorr'sche Erde, die auch bei * Meißener Porzellan Verwendung fand. Sie wurde von Sachsen nach Wien geschmuggelt. Da das sächsische Material nicht ausreichte, wurde dann hauptsächlich das 1718 von Hunger entdeckte Passauer Kaolin verwendet, das keinen rein weißen, sondern einen cremefarbenen oder leicht grauen * Scherben ergab. Später wurden auch Kaolin aus der Steiermark und das 1749 bei Schmöllnitz in Ungarn gefundene Material angeliefert. Zu Beginn (Du-Paquier-Periode) produzierte die Wiener Porzellanmanufaktur vornehmlich Geschirre und Vasen.

Als Vorbild dienten oft ostasiatische Gefäße und Erzeugnisse aus Meißen. Bemalt wurde auch wie in Meißen, mit * Indianischen Blumen, * Chinoiserien und mit * Schwarzlotmalerei. Figuren wurden nur in Verbindung mit dem Geschirr gestaltet, meist in Form von Henkeln oder Deckelknäufen. Die unter du Paquier erzeugten frühen Stücke haben noch keine * Porzellanmarke. Trotz eines Darlehens der Stadt Wien war die finanzielle Situation der Wiener Porzellanmanufaktur äußerst angespannt, und Paquier sah sich gezwungen, seinen Betrieb an den Staat zu verkaufen. 1744-1864 wurde die Wiener Porzellanmanufaktur als Kaiserliche Manufaktur geführt. Erstmals umfasste das Angebot neben Geschirr auch figürliches Porzellan, unter Verwendung von Sockeln in * Rocaillenform.

In den 1760er Jahren waren sehr flache Sockel üblich. Die Entwürfe für die dekorativen Kleinplastiken und Figurengruppen stammten großteils vom Modellmeister J. J. Niedermayer, der an der Wiener Akademie Zeichenkunst unterrichtete. Die Henkel des Geschirrs wurden oft astartig oder geflochten gestaltet. Als Bemalung waren Pastoral- und Jagdszenen, Amoretten und "gestreute Blümel" (* Streublumen) gebräuchlich. Das seit 1749 verwendete ungarische Kaolin bewirkte eine deutliche Qualitätsverbesserung. Als Porzellanmarke diente der * Bindenschild (später häufig fälschlich als Bienenkorb gedeutet), der 1744-49 mit einem Blindstempel aufgedrückt oder auch eingeritzt und dann bis 1864 mit * Unterglasurblau aufgemalt wurde.

Ab November 1783 wurde die Jahreszahl eingepresst. Sie war im 18. Jahrhundert zwei- und im 19. Jahrhundert dreistellig. 1784 übernahm Konrad v. Sorgenthal, vormals Direktor der Linzer Wollzeugfabrik, die Leitung der Wiener Porzellanmanufaktur. Der Betrieb erholte sich finanziell und florierte bis 1805. Es dominierten klassizistische Formen des Bildhauers A. Grassi, der seit 1778 für die Wiener Porzellanmanufaktur tätig war und 1784 Niedermayer als Modellmeister abgelöst hatte.

Als Vorlagen dienten den Porzellanmalern u. a. Kupferstiche mit Darstellungen von Fresken aus * Pompeji. Beliebt waren auch Landschaftsbilder und * Genremotive. Mit den Miniaturmalereien der Wiener Porzellanmanufaktur konnte zu der Zeit keine andere Porzellanmanufaktur konkurrieren. U. a. war A. * Kothgasser als "Golddessinmaler" für die Wiener Porzellanmanufaktur tätig. Aufgemalte oder eingedrückte Zahlen bezeichnen anstelle von Signaturen die Arbeitsnummern der Modelleure und Maler. Wegen der großen Konkurrenz der böhmischen und ungarischen Porzellanmanufakturen kam es 1820 erneut zu Absatzschwierigkeiten. 1864 wurde der Betrieb schließlich stillgelegt und die Porzellanmarke von anderen Porzellanmanufakturen (Eichwald, Suhl, Volkstedt u. a.) übernommen. 1922 wurde im Schloss Augarten die Tradition der Wiener Porzellanmanufaktur als "Wiener Porzellanfabrik Augarten AG" wieder ins Leben gerufen.


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