Art. Nr.: 07
Die Gestaltungsweise des in den 1770er oder 1780er Jahren entstandenen Werkes ist typisch für den aus Bamberg stammenden Bildhauer. Arbeiten von ihm begeisterten vor allem die Nobilität und gelangten bis St. Petersburg (Lit.: P. W. HARTMANN, Elfenbeinkunst, S. 98-107).
Bei dem Motiv handelt es sich um eines der kleinsten Mikrobilder der Welt, gemäß der im Rokoko für solche Arbeiten geltenden Devise: „Je kleiner und feiner, desto wertvoller.“
Das winzige Elfenbeinrelief ist ein Meisterwerk der Mikroschnitzkunst, was die naturgetreue, lebensnahe Bewegtheit des Motivs sowie die unglaubliche Feinheit der Schnitzarbeit betrifft.
Das Hauptmotiv bildet der Kirschen- oder Apfelpflücker, der auf den starken Ästen eines Baumes steht, an dem eine Leiter angelehnt ist. Er hält in seiner ausgestreckten Hand eine Frucht, die mit freiem Auge kaum zu erkennen ist. Unter ihm sind ein Kind und eine Frau zu sehen, die ihre ausgebreitete Schürze dem Mann entgegen hält, um die Früchte aufzufangen. Rechts und am linken Bildrand stehen kleine Bäume mit gleichfalls unvorstellbar zart ausgearbeiteten Ästen und Zweigen. Dahinter befindet sich ein aus Mauersteinen gefertigtes Häuschen, vor dessen offener Tür ein ländlich gekleideter Mann steht, der seine Hände am Rücken verschränkt hat und sich einem im Vordergrund am Boden lagernden Mann zuwendet. Ein Wanderer, der ein an einem Stock hängendes Bündel am Rücken trägt, ist im Hintergrund zu sehen.
Vor allem die Ausarbeitung der Baumzweige sagt etwas über die meisterliche Qualität des Mikrobildes aus. Die Zweige haben einen Durchmesser von nur wenigen Hundertstelmillimetern, und auch der Abstand zwischen manchen Zweigen beträgt oft nur zwei bis drei Hundertstelmillimeter (0,02 – 0,03 mm!). Erstaunlich ist dabei, dass dieses unfassbar feine Ast- und Zweigwerk nicht am Bildhintergrund aufliegt und fixiert ist, sondern dass die Bäume und Sträucher frei stehen und bei entsprechender Beleuchtung Schatten auf den Hintergrund werfen. Auf Grund dieser unnachahmlich feinen Gestaltungsweise zählen Elfenbeinreliefs zu den Kunstwerken, die unfälschbar sind.
Typisch für Paul Johann Hess ist, dass er durch „Aufstechen“ winziger Elfenbeinspäne einen sehr guten Effekt erzielt. Die Belaubung der Bäume wird dadurch noch plastischer, buschiger und wirkt besonders naturgetreu.
Betrachter von Mikrobildern fragen oft erstaunt, ob vor mehr als 200 Jahren bereits so gute Vergrößerungsgläser verfügbar waren, um Bildwerke in derartig sensationeller Kleinheit zu gestalten. Tatsache ist aber, dass nicht die Lupen das Entscheidende waren. Sehhilfen aus Beryll kannte man bereits in römischer Zeit. Unvorstellbar ist dagegen die Handhabung der Werkzeuge. Wie es mit einfachen Sticheln und Sägen gelang, das harte Elfenbein in mikroskopisch kleinen Dimensionen zu bearbeiten, ohne beispielsweise bei der Ausformung der nur wenige Hundertstelmillimeter voneinander entfernten Zweige die Nachbarzweige zu beschädigen, ist kaum vorstellbar. Es wurden dabei Grenzen überschritten, die man im allgemeinen als von Menschen noch machbar ansah, und man nannte solche Objekte deshalb „Kunststücke“ oder „Mirabilien“, d. h. Wunderdinge.
Das Sujet des „Kirschenpflückers“ ist ein gutes Beispiel für die damals üblichen Auftragsarbeiten. In der Eremitage in St. Petersburg befindet sich eine Schließe für eine Perlenkette mit dem gleichen Motiv. Das von Zarin Katharina der Großen erworbene Mikrobild stammt von den Brüdern Hess. Im Gegensatz zu heute schätzte man im Barock und Rokoko nicht so sehr den Entwurf, sondern das fertige Kunstwerk. Das erklärt, warum bisweilen mehrere Fassungen des gleichen Motivs gemacht wurden. (Besonders bekannte Beispiele sind von Bruegel stammende völlig gleiche Interieur-Bilder und mehrere Fassungen des Turmes von Babel.)
Der 1744 in Bamberg geborene Bildhauer Paul Johann Hess war bis etwa 1770 mit seinem älteren Bruder Sebastian (von ihm stammen die in der „Maria-Theresien-Brosche“ gefassten Mikrobilder) in Brüssel für Prinz Karl Alexander von Lothringen als Hofbildhauer tätig. Die feinen Elfenbeinreliefs der beiden Brüder sind ähnlich gearbeitet, unterscheiden sich aber beispielsweise durch die Ausführung der Baumzweige. Wie bereits erwähnt, wirken sie bei Paul Johann durch Aufstechen winziger Elfenbeinspäne buschiger und dadurch besonders naturgetreu.
Zeitzeugen zufolge wird vor allem der jüngere Hess, also Paul Johann, als ein „Virtuose der Schnitzkunst und als ganz eigenes Genie und Enthusiast für diese Kunst“ bezeichnet, „der gewiss seinesgleichen nicht hat“ (Lit.: J. G. Meusel, Zusätze zu Füeßli Künstlerlexikon, Erfurt 1782, S. 40-42).
Vor dem Einsetzen des Mikrobildes in die nur 1,6 x 1,3 cm große „Primärfassung“ erfolgte der Auftrag des blauen Pigmentes (zerriebenes Kobaltglas) mittels eines Pinsels als Bildhintergrund. Nachdem die Mikroschnitzerei in diese Zargenfassung aus Silber eingearbeitet war, wurde sie zum Schutz der mikroskopisch feinen Elfenbeinschnitzerei mit Bergkristall verschlossen und als „Kunststück“ verkauft. Der Käufer gab dann einem Goldschmied den Auftrag für eine „Sekundärfassung“, also das Mikrobild zusammen mit der „Primärfassung“ als Ringkopf in einen Fingerring aus Gold (18 Kt.) einzusetzen (Ringmaß: 17,75 mm). Im Kunsthistorischen Museum in Wien befinden sich zwei Ringe, die exakt die gleiche Fassung aufweisen. Die Schnitzarbeiten stammen von Sebastian, dem älteren der Brüder Hess. (Sie sind im Gesamtformat nicht so klein und fein wie das Motiv des Kirschen- oder Apfelpflückers.)

In weiterer Folge wurde das Kleinod, umgeben von schwarzem Samt, in einen 11,5 x 11,0 cm großen schwarzen Holzrahmen eingefügt und kann nun, der ursprünglichen Bestimmung solcher Kunstkammerstücke entsprechend, als Schaustück dienen.
Da sich der Rahmen an der Rückseite öffnen lässt, kann man den Ring herausnehmen und als Schmuckstück tragen; er kann aber jederzeit wieder in den Rahmen eingesetzt werden.
Preis: nicht vermerkt